Literatur-Nachrichten

"Ich liebe die Poesie des Provisorischen"

Warum immer nach Frankreich oder Spanien reisen? Jochen Schmidt empfiehlt in seiner „Gebrauchsanweisung für Rumänien“, das Land im Osten zu entdecken. Im Buchjournal-Gespräch schwärmt er von alten Städten, wilden Landschaften und rumänischem Humor.

Rumänien gehört nicht zu den klassischen Urlaubsländern der Deutschen – haben wir da etwas verpasst?
Jochen Schmidt: Absolut! Ich kann nur empfehlen, Rumänien, oder am besten ganz Osteuropa, zu bereisen. Für mich ist das immer wie eine Bluttransfusion, es stärkt die Abwehrkräfte. Und schont den Geldbeutel: Man ist dort noch immer erheblich billiger unterwegs als in Frankreich oder Italien.

Was finden Sie so reizvoll an Rumänien?
Von großem Reiz sind für mich die rumänischen Städte. So muss es bei uns vor Jahrzehnten ausgesehen haben, bevor in den 1970er Jahren die Innenstädte platt gemacht wurden, um Platz zu schaffen für die immer gleich aussehenden Gebäude und Fußgängerzonen. Natürlich gibt es auch in Rumänien viel Geschmackloses, vor allem, weil es einige sehr eilig hatten, sich dem Westen anzupassen. Neben einem wundervollen Holzhaus steht dann eine pinkfarbene Betonvilla mit Gipssäulen und verchromtem Balkon. Warum wird so etwas nicht von der EU verboten?

Was sollte man als Rumänien-Reisender nicht verpassen?
Auf keinen Fall Bukarest! Viele sagen, die Stadt sei hässlich, das stimmt aber nicht. Wer weiß schon, dass Bukarest zum Beispiel eine Hauptstadt der Bauhaus-Architektur ist. Lohnend ist ein Besuch der Moldau-Klöster, einer Gruppe rumänisch-orthodoxer Klöster mit Außenwandfresken, die UNESCO-Weltkulturerbe sind. Und natürlich das Donaudelta, eine faszinierende, wilde Landschaft mitten in Europa, wo Hunderte Vogelarten leben.
    
Wie haben Sie Rumänien für sich entdeckt?
Ich bin in der DDR aufgewachsen, da waren Rumänien und Bulgarien mit ihren Stränden am Schwarzen Meer ganz normale Reiseländer. Ich bin allerdings erst 1988 das erste Mal in Rumänien zum Wandern gewesen. Auch heute ist es noch ein ideales Land für Naturfreunde, weil viele Regionen noch sehr ursprünglich geblieben sind. Nach der Wende hatte ich wie viele Ostdeutsche erst einmal kein Interesse mehr am Osten. Vor sieben Jahren habe ich für mich Rumänien wiederentdeckt, weil ich die Sprache lernen wollte.

Was hat Sie am Rumänischen interessiert?
Ich bin Romanist und da ist das Rumänische ein besonders spannendes Forschungsgebiet. Die Sprache hat sich isoliert vom Französischen oder Italienischen weiterentwickelt, ist also konservativer als die anderen romanischen Sprachen und damit näher dran am Latein. Und sie hat Elemente aus dem Türkischen, dem Griechischen und aus slawischen Sprachen aufgenommen.

Unser Rumänien-Bild ist geprägt von Klischees: rückständig, verarmt, korrupt, kriminell. Woher kommt dieses Negativbild?
Unser Bild von Rumänien ist von der Ceausescu-Ära geprägt. Auch für mich war es 1988 ein Schock, die katastrophale Versorgungslage in Rumänien zu erleben. Es war damals praktisch nicht möglich, etwas zu essen zu kaufen. Nach Zusammenbruch des Sozialismus gab es viele Berichte über die Roma, über Prostitution und über das Leben von Waisenkindern, die in Bahnhofschließfächern schlafen mussten. Wer so etwas liest, verspürt wenig Lust, nach Rumänien zu fah­ren. Ich bin übrigens bisher nur ein Mal in meinem Leben be­klaut worden, und das war in Barcelona.

Unser Bild von Rumänien ist also falsch?
Ich bin nicht blauäugig. Rumänien hat viele Probleme: korrupte Politiker, Armut, Verkehrschaos in den Städten. Das ist aber in vielen Ländern, in denen wir Deutsche gern Urlaub machen, nicht anders. Und mit der rumänischen Polizei hatte ich nur zu tun, als mein Auto mit einem Platten liegen geblieben war. Als Deutscher hat man in Rumänien sowieso wenig zu befürchten – unser Land ist dort sehr beliebt.

Welches Rumänien wollen Sie in Ihrem Buch zeigen?
Bei der „Gebrauchsanweisung für …“-Reihe geht es nicht darum, Sehenswürdigkeiten herunterzubeten, sondern ein Land aus einer persönlichen Perspektive zu zeigen. Mein Buch will Anregungen geben, Dinge zu entdecken, die in normalen Reiseführern nicht zu finden sind – und das Buch soll sich spannend und witzig lesen lassen.

Sie haben eine Schwäche für kuriose und skurrile Dinge und Beobachtungen …
Ich finde es einfach großartig, wenn ich in einer Provinzstadt wie Falticeni aus dem Bus steige und plötzlich vor einer etwas ungeschickten Kopie der Berliner Weltzeituhr stehe. Ich liebe den Humor der Rumänen und diese Poesie des Provisorischen. Sie basteln etwas aus Abfall oder aus ausgedienten Gegenständen und finden so improvisierte, überraschende Lösungen. Wenn Gartenzäune aus alten Bettgestellen gebaut sind oder Isolierschnecken von Elektroleitungen oben auf Torpfosten gesteckt werden, ist das auch optisch sehr interessant. In Deutschland wird es wohl auch kaum erlaubt sein, einen Umzug in den ersten Stock mithilfe eines Baggers zu bewerkstelligen. Das komplette Mobiliar wurde in der Schaufel hochgehoben, und die Leute standen auch gleich noch mit drin. Auch die Abstrusitäten des Ceau­sescu-Regimes, unter dem die Rumänen ­enorm leiden mussten, haben mit Abstand betrachtet eine große Komik.  

Humorig und witzig ist auch Ihr Blick auf die DDR des Jahres 1989 in Ihrem jüngsten Roman „Schneckenmühle“. Sind Sie ein Ostalgiker?
Diesen Vorwurf bekomme ich häufig zu hören, er trifft aber nicht zu. Dieser Roman, aber auch schon frühere Bücher, sind immer auch Kommentare zur Gegenwart. Mein Thema ist die Trauer über den gescheiterten Versuch, eine bessere Gesellschaft zu schaffen. In „Schneckenmühle“ wird dieses Scheitern an Kindern und Jugendlichen demonstriert, die sich mit dem Staat in keiner Weise identifizieren können. Der Held des Romans befindet sich an der Schwelle zum Erwachsensein. Die politischen Zwänge sind zwar unterschwellig spürbar, in dieser Phase des Lebens konnte man sich ihnen aber noch entziehen. Der Roman soll auch zeigen, wie viele anarchische Möglichkeiten der Alltag in der DDR geboten hat.

In „Schneckenmühle“, erschienen bei C. H. Beck, verarbeiten Sie eigene Erfahrungen?
Natürlich. Wir waren glücklich, wenn wir im Sommer drei Wochen ins Ferienlager ­fahren durften. Im Westen ist es vielleicht nicht so bekannt, dass Ost-Kinder auch ganz schön glücklich sein konnten, vor allem wenn die Eltern nicht dabei waren.

Vor Ihrem Rumänien-Buch haben Sie schon eine „Gebrauchsanweisung für die Bretagne“ geschrieben. Sind Sie ein Weltenbummler?
Eigentlich gar nicht. Über die Bretagne habe ich geschrieben, weil ich in Brest studiert habe. Ich bin ein eher ängstlicher Typ und muss mich vor Reisen immer neu überwinden. Ich finde dieses Gefühl des Verlorenseins, des Ängstlichseins auf Reisen aber auch ganz nützlich, um Erfahrungen zu sammeln. Und von Heimweh bin ich nie geplagt: Wenn ich einmal unterwegs bin, will ich nicht mehr so schnell zurück.

Wie bewegt man sich in Rumänien denn fort?
Mit dem Auto kommt man natürlich am weitesten herum. Ich fühle mich im rumänischen Straßenverkehr auch viel wohler als bei uns, weil Verkehrsregeln nicht so ernst genommen werden und deshalb alle  gelassener fahren. Wer sich nicht ins Auto setzen will, kommt über Land am besten mit Minibussen voran. Wenn man Pech hat, muss man zwar die ganze Fahrt stehen, doch lassen sich hier die interessantesten Bekanntschaften machen. Die Bahn ist weniger empfehlenswert, schlecht ausgebaut und extrem langsam.

Wie sieht Rumäniens Zukunft aus? Wird der EU-Beitritt dem Land Wohlstand bringen?
Das kann ich beim besten Willen nicht sagen. Die EU-Mitgliedschaft ist für das Land jedenfalls eine riesige Hoffnung. Momentan lässt sich aber vor allem ein ­enormer Aderlass an Menschen beobachten, die ins europäische Ausland gehen, um dort zu studieren oder Geld zu verdienen. Rumänische Ärzte lassen sich ins Ausland abwerben, was auch kein Wunder ist: In ihrer Heimat bekommen sie ein Vielfaches weniger. Nicht selten sind beide Elternteile einer Familie im Westen, um als Handwerker oder Putzfrau ein paar Euro nach Hause schicken zu können. Die Kinder bleiben zu Hause bei den Großeltern.

Bekommt man Sie eigentlich noch auf Ihrer Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“ zu hören?

Na klar! Jeden Donnerstag ab 20.30 Uhr im Badehaus Szimpla Musiksalon in Berlin-Friedrichshain. Es lesen die sechs Mitglieder unserer Bühne (www.enthusiasten.de) neue Texte, und wenn einer mal nicht kann, muss er einen Gast einladen.

Zur Person
Jochen Schmidt, 1970 in Berlin geboren, studierte Informatik, Germanistik und Romanistik. Er arbeitet als Schriftsteller, Journalist und Übersetzer. Zu seinen Werken gehören unter anderen: „Seine großen Erfolge“ (dtv), „Schmidt liest Proust“ (Voland & Quist), „Gebrauchsanweisung für die Bretagne“ (Piper) und „Dudenbrooks“ (Jacoby & Stuart). Sein jüngster Roman ist „Schneckenmühle“  (C. H. Beck).


Interview: Eckart Baier

 

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