Literatur-Nachrichten

Der Flokati

Von Monika KühnIch bin so schön. Ich bin weich, weiß und wollig. Ich wurde importiert aus dem fernen Griechenland, der Wiege der Demokratie, der Philosophie und des Theaters. Dieses Erbe trage ich in mir. Und meine Besitzer – Anna und Frank - wissen das. Sie wählten mich mit Bedacht aus. Schon bei dem Händler in Tessaloniki haben sie zärtlich über meinen Flor gestreichelt.

Dann transportierten sie mich allerdings als Dachgepäck. Das war eine grauenhafte Fahrt, an die möchte ich nicht zurückdenken. Aber als wir schließlich zu Hause waren, ging es mir gut. Ich erhielt einen Ehrenplatz, mitten im Raum, vor der Couch. Meine Besitzer hegen und pflegen mich, und wenn sie mich betreten, ziehen sie die Schuhe aus. So war mein Leben bisher, heiter und beschaulich.

Eines Tages verspürte ich Aufregung und Unruhe bei meinen Besitzern. Der Grund: Anna wird fünfzig Jahre alt. Das ist doch eine wunderschöne, runde Zahl, und ich verstehe gar nicht, warum Anna ständig jammert: „Ich bin so alt, jetzt werde ich fünfzig, dann gehe ich auf die sechzig zu, ich will nicht schon so alt sein“, und so weiter. Ja, was ist denn die Alternative? Doch nur der Friedhof! Ich für meinen Teil möchte sehr alt werden. Vielleicht schaffe ich es nicht, so alt zu werden wie meine edlen Verwandten, die Perserteppiche, aber bei der guten Pflege, die ich in diesem Hause habe, werde ich noch lange leben.

Die beiden machten immer wieder neue Pläne und verwarfen sie, aber schließlich einigten sie sich auf eine Feier mit vielen Freunden. Das war mir gar nicht recht, aber mich fragt ja keiner. Ich habe es lieber gemütlich mit Anna und Frank und ein, zwei Paaren.

Dann war der große Tag da. Frank schenkte Anna fünfzig rote Rosen und einen Goldring. Sie war sehr gerührt und aufgeregt. Ich hatte dagegen ein mulmiges Gefühl. Es war mir einfach zu hektisch. Ständig ging das Telefon. Zwischendurch räumten die beiden das Wohnzimmer um, trugen Stühle herein und stellten Gläser auf Tabletts.

Am Abend ging es richtig los. Dauernd klingelte es an der Haustür und immer neue Leute strömten herein. Ich mag Menschen, besonders wenn sie sich mit meinen Besitzern über Kunst und Philosophie unterhalten. Aber diese hier waren einfach zu viel. Zuerst standen sie mit einem Glas in der Hand herum, dann fläzten sie sich in die Sessel und auf die Couch. Keiner zog sich die Schuhe aus, keiner! Alle trampelten auf mir herum. Allein der Gedanke an all den Straßenschmutz verursachte mir Ekel, und ich dachte, das ist der schlimmste Tag in meinem Leben.

Aber es kam noch schlimmer. Das Buffet wurde eröffnet. Alle Leute hatten große Teller, da sollte man doch meinen, das Essen hätte darauf Platz. Aber dem einen Gast fiel die Dekoration vom Schnittchen, dem anderen rutschte das Fleisch mit der Sahnesoße herunter, und ein Mädchen bekleckerte mich mit roter Grütze.

Ich dachte, das ist das Ende, schlimmer geht es nicht. Doch dann kam ein älteres Paar mit einem Dackel. „Der ist stubenrein und ganz lieb“, sagten sie. Na hoffentlich! Der Dackel schnüffelte auf mir herum und dann fraß er alles auf, was den Leuten herunterfiel. Das war für mich noch in Ordnung, aber auf einmal hat er gestöhnt, das hörte sich an wie: mir ist schlecht, und dann spuckte er alles in hohem Bogen wieder aus. Die Hölle! Dieser Geruch war unbeschreiblich. Das schien auch Anna zu bemerken, die ja sonst nicht mit einer feinen Nase gesegnet ist, denn sie schrie und kam mit Papiertüchern angerannt. Sie machte mich halbwegs sauber, aber ich kam mir immer noch besudelt vor, und der Tag war für mich gelaufen.

Dann kam ein Mann mit einer Flasche herein, der sagte: „Roter Sekt – ja, der schmeckt! Ha ha, das war ein Reim!“

Daraufhin sagte ein anderer: „Wir hau’n jetzt einen drauf! Mach die Flasche auf! Das ist auch ein Reim.“

Das nennen die Reime? Das ist doch keine Lyrik, wie ich sie hier gewohnt bin!

Der Mann mit der Flasche lachte und sagte: „Könnt ihr haben! Aber hoffentlich habe ich sie nicht zu sehr geschüttelt.“

Er hatte kaum den Drahtverschluss gelöst, da gab es einen Knall, der Korken flog an die Wand, und die Flasche Sekt ergoss sich über mich. Meine weißer, wolliger Flor voll von rotem, klebrigem Sekt! Dazu noch der Gestank nach Alkohol! So etwas Grauenvolles habe ich noch nie erlebt. Was sind das für Vandalen! Anna kam wieder, streute Salz über mich und rieb an mir herum, aber ich war trotzdem noch nass, rot und klebrig.

Schlimmer kann es nicht mehr kommen, dachte ich. Doch dann zündete sich einer eine Zigarette an. Der Typ redete und redete und merkte gar nicht, wie die Asche auf meinem Flor landete. Graue, stinkende Asche! Und dann gestikulierte er herum, und da fiel ihm doch tatsächlich Glut herunter. Sie fraß sich in meinen Flor hinein. Ich schrie auf. Merkt denn das keiner? Und dann entzündete sich die Glut und ich stand in Flammen. Lichterloh! Da endlich entdeckte man meine Qual und der Gestikulierende sagte: Scheiße! und trat auf mir herum, bis das Feuer erstickt war.

„Ist ja noch mal gut gegangen!“, sagte er, „das Feuer ist aus.“

Gut gegangen? Das nennt der gut gegangen? Mein Flor ist angesengt, verfärbt, besudelt, und der sagt, es ist gut gegangen? Was sind das für gefühllose Menschen!

Der Raucher besah sich das Loch in meinem Flor. „Ich fürchte, der Flokati ist hin. Aber ich habe eine Haftpflichtversicherung, die kommt dafür auf.“

„Dann ist es ja gut“, sagte Anna.

Was meint der damit: Der Flokati ist hin?

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