Literatur-Nachrichten

Brief an Karols Mutter

Von Rudolf Ruschel Also die Sache ist die. Das mit Ihrem Sohn tut uns wirklich sehr leid. Es tut uns auch leid, dass wir Ihnen die ganze Geschichte nicht persönlich erklären können, aber wenn Sie diesen Brief zu Ende lesen, dann werden Sie verstehen warum.

Sie werden verstehen, warum wir Karol einfach so in ihren Vorgarten gelegt haben, woher all die blauen Flecken auf seinem Körper kommen und was es mit der Augenklappe und dem ganzen Blut auf sich hat. Aber zunächst: Setzen Sie sich hin, atmen Sie durch, nehmen Sie sich vielleicht ein Glas Wasser und lassen Sie mich die Geschichte von Anfang an erzählen.


Wie Sie ja wissen, ist Karol mit uns vor einer Woche nach Kroatien gefahren. Und da fängt das Debakel bereits an. Acht Jungs, gerade mal volljährig, fahren ohne Aufsichtsperson in Urlaub. Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht? Sie und alle anderen Elternteile, die dieses Vorhaben abgenickt haben, man sollte Ihnen die Erziehungsberechtigung aberkennen! Karol war schlicht und einfach noch nicht bereit für diesen Trip. Keiner von uns war es. Nur weil wir Kurvendiskussionen berechnen und die Hauptstadt von Schweden kennen, heißt das noch lange nicht, dass wir selbstständig denken und handeln können. Und Sie müssten das eigentlich am besten wissen, denn Schuld daran hat eindeutig unsere Erziehung. Das praxisferne Bildungsbürgertum erkennt man doch bereits an unsere Vornamen. Emil, Pascal, Samuel, Valentin, Mathieu, Caspar, Jonas und ihr Karol. So heißen nur die Söhne von Psychologen, Pädagogen, Journalisten und Beamten. Wir sind Kinder, die nie ein Spielzeuggewehr hatten, die bei Konflikten mit Mitschülern zur Supervision geschickt wurden und die nie auch nur einen einzigen blauen Fleck hatten. Harte Zeiten haben wir nie kennengelernt, aber Leben gelernt auch nicht.
Und deswegen sieht Karol jetzt so aus, wie er eben aussieht. Unser Leben war einfach zu behüte. Es war aber auch alles irgendwie schlecht getimed. Schon bei der Hinfahrt konnte man die Sonnenstrahlen an einer Hand abzählen und als wir dann ankamen war klar: Ende September kannst du Badeurlaub an der Adria vergessen. Und von wegen Top-Ferienhaus mit erstklassigem Blick aufs Meer. Einfamilienhaussiedlung Marke Arsch der Welt. Meer sogar noch weiter weg, quasi hinterm Arsch, und trotz des hohen Arschanteils, überall tote Hose.


Also sind wir einkaufen gegangen und haben sie entdeckt, die Waffen. Sie werden das jetzt
vielleicht nicht kennen, aber es gibt da diese Spielzeugpistolen. Die findet man häufig in den
Touristenhochburgen des Südens bei kleinen Ständen, und wir konnten ihnen einfach nicht widerstehen. Und dann hat sich alles nur noch ums Schießen gedreht.
Angefangen hat es mit Zielschießübungen: Dosen vom Balkongeländer ballern, Glühbirnen treffen und so. Aber wir sind dann doch recht schnell dazu übergegangen uns gegenseitig abzuschießen. Mannschaft gegen Mannschaft, jeder gegen jeden, einer gegen alle, irgendwer auf irgendwen. Hauptsache, es wurde geschossen. Nicht mal der Unfall mit Karol war uns eine Lehre. Ehrlich, ich wollte ihn nicht am Auge treffen, aber er kam so schnell hinter dem Bett hervorgesprungen, da ist es quasi im Affekt passiert. Die im Krankenhaus meinten, er hätte sein Auge verlieren können, aber gelernt haben wir aus der Geschichte trotzdem nichts. Die Faszination Waffe war so groß, wir wollten einfach nur schießen.
Am fünften Tag waren dann die Zeichen der Belastung aber schon ziemlich offensichtlich. An Schlaf war nicht mehr zu denken, denn wer schlief, musste mit totalem Beschuss rechnen. Sämtliche Glühbirnen waren zersplittert und Möbel zu Verteidigungswällen aufgetürmt. Alles im Eimer, selbst so robuste Geräte wie der Herd hatten längst ihren Geist aufgegeben. Also saßen wir an diesem Abend ziemlich angespannt auf der Terrasse um den Elektrogrill geschart, darauf hoffend, dass die Tiefkühlpizzen irgendwie genießbar werden würden. Aber wie das halt so ist an manchen Tagen, stolperte Karol dann auch noch über das Kabel des Grills und beendete damit das Leben des letzten funktionierenden Haushaltsgerätes. Normalerweise steckst du so etwas ja locker weg, aber in diesem Fall bedeutete es den zerebralen Totalschaden.
Denn der Tod des Grills war gleichzeitig der Startschuss zur finalen Jagd. Die Regeln waren schnell geklärt. Zwei Teams gehen raus, Getroffene sind nur mehr Beobachter und der letzte verbleibende Mann wird Triumphator auf Lebenszeit. Das hört sich jetzt erst mal nicht so schlimm an, aber man muss leider dazu sagen, dass es halb zwei in der Nacht war, draußen strömender Regen und mit raus gehen war auch nicht bloß der Vorgarten gemeint. Denn jetzt wollten wir es richtig wissen und haben unser Jagdrevier auf die gesamte Nachbarschaft erweitert. Das muss man sich so vorstellen: Acht Jungs, bis an die Zähne bewaffnet, stürmen fluchend durch die kroatischen Vorgärten und hinterlassen dabeim eine Spur der Verwüstung. Weil, du wolltest ja dein Ziel sicher treffen, also hast du zur Sicherheit zuerst einen Gartenzwerg geschmissen und dann erst geschossen, da regungslose
Ziele bekanntlich besser zu treffen sind. Es muss dann auch schon so gegen vier Uhr früh gewesen sein, als es zum alles entscheidenden Duell kam. Ich hatte Valentin auf eine falsche Fährte gelockt und als er dachte, mich aufgestöbert zu haben, nagelte ich ihn fest. Aber dann kommt wieder alles anders als man denkt, weil als ich abgedrückt habe und mich innerlich bereits feiern ließ, kam zwar das Klick, aber die Plastikkugel kam nicht. Es ist mir unbegreiflich, wie ich ausgerechnet in diesem Moment vergessen konnte nachzuladen, sonst ist mir das nie passiert. Vielleicht war es die Nervosität oder die Dunkelheit, eigentlich total unwichtig. Jedenfalls hat mir der Valentin daraufhin ein paar Mal ins Gesicht geschossen und ist unter innbrünstigem Schlachtgesang zum Haus gedüst, zwecks Ehre, Ruhm und Feierlichkeit. Aber als ich dann nachgekommen bin, hat nur der Valentin gefeiert, und das auch nicht wirklich. Eigentlich sind wir eher apathisch in der Gegend herumgestanden und haben zum ersten Mal begriffen, in welchen Schlamassel wir uns hineinmanövriert hatten. Das Ferienhaus glich Dresden 45, unsere Körper waren zerschunden, die halbe Nachbarschaft auf den Beinen und die Polizei durchstöberte mit Schäferhunden die Gärten. Begeisterung sah anders aus.
Jetzt, wenn dir das Wasser quasi schon in den Hals reinläuft, dann denkst du nicht mehr lange nach. Wir haben schnell unsere Sachen gepackt, uns ins Auto gesetzt und einen polnischen Abgang geliefert, wie er im Buche steht. Bis dahin war es also noch nicht so schlimm. Es ist uns dann aber noch etwas passiert.
Wenn du zwei Nächte nichts geschlafen hast, du hungrig bist und kurz vor der österreichischen Grenze alles so blöd ausgeschildert ist, kann es schon mal vorkommen, dass man sich verfährt. Und weil der slowenische Polizist wahrscheinlich gerade eine ruhige Kugel schieben wollte, hat er uns auf einer verlassenen Landstraße mitten im Nirgendwo entdeckt und bei Tempo 130 geblitzt. Was folgte war zunächst eine ganz normale Kontrolle. Er stellt sein Motorrad vor uns ab, kommt rüber, schaut böse drein und verlangt die „Dreifing Leisens“. Und ab da ist dann wieder alles schief gelaufen. Weil in dem Moment, als er die „Leisens“ öffnet, fällt ihm so ein kleines, durchsichtiges, verschweißtes Päckchen, mit vier orangefarbenen Plastikkugeln darin, direkt vor die Füße. Der Polizist, wohl auch nicht so der Experte für Plastikwaffen, hebt das Päckchen auf und fragt uns ernsthaft, ob das „Drugs“ sind. Und weil wir von dem Vorwurf so geschockt waren, weil die kollektive Intelligenz auch nicht mehr so da war und weil wir es die letzten
Tage über so gewohnt waren, haben wir alle gleichzeitig unsere Waffen gezogen, dem Polizisten unter die Nase gehalten und protestiert:
»No, it’s for shooting!«

Aber ich glaube, das hat der gar nicht mehr gehört, so schnell, wie er in den Straßengraben gesprungen ist. Im ersten Moment war uns gar nicht klar, was das sollte. Wir wollten schon aussteigen und ihm da wieder raus helfen, doch als er dann auf uns geschossen hat, ist uns ein Licht aufgegangen. Dann überlegst du auch nicht mehr, wie du dem Polizeibeamten jetzt die Situation erklären könntest, damit sich alle wieder vertragen. Nein, du trittst einfach aufs Gaspedal, rammst das Motorrad von der Straße und atmest erst wieder ein, wenn du niemanden mehr im Rückspiegel siehst. Man ist da ein ganz anderer Mensch, reaktionstechnisch eher Maschine, keine sensible Wahrnehmung mehr möglich. Nur Karol, der hat noch äußerst sensibel wahrgenommen. Er hat im Gegensatz zu uns wahrgenommen, dass man plötzlich auch bei geschlossenem Fenster den Fahrtwind gespürt hat. Er hat wahrgenommen, dass der Luftzug von der Beifahrerseite kam und er hat wahrgenommen, dass es wahrscheinlich mit dem Einschussloch dort zu tun haben musste. Wir anderen hatten das ja wie gesagt nicht gleich bemerkt, aber Karol ist da ja sehr sensibel. Erstens, wegen seiner empfindlichen Nebenhöhlen und zweitens, weil ihm der Fahrtwind genau auf die Schusswunde am Arm geblasen hat. Und wenn Sie jetzt gleich den Verband abnehmen, dann werden Sie sehen, dass es nur ein kleiner Streifschuss ist, wirklich nichts Schlimmes. Zum Glück haben wir dann bald wieder auf die Autobahn gefunden und in Österreich bei einem Rastplatz gehalten, um die Blutung mit Toilettenpapier zu stillen. Karol selbst hat das alles gar nicht mehr mitbekommen, Sie wissen ja sicher, dass er beim Anblick von Blut sofort in Ohnmacht fällt.
Und weil wir jetzt erst mal die Autos verstecken müssen und schon ein bisschen müde sind, haben wir den Brief hier geschrieben und Karol in Ihren Vorgarten gelegt. Im Namen aller möchte ich nochmals betonen, wie leid uns das alles tut und wünsche Ihnen und Ihrer Familie trotzdem noch ein einigermaßen schönes Wochenende. Ich bin sicher, wenn wir uns das nächste Mal sehen, dann werden wir über die ganze Geschichte herzlich lachen.

4 Kommentar/e

1. Melchior 09.09.2013 00:33h 
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Genial!

2. Susanne 10.09.2013 14:58h 
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Also doch Hausarest bis zur Hochzeit!!! Echt Klasse !!!

3. Christian Hanewinkel 25.09.2013 02:07h 
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Liebe Redaktion, liebe Jury,

die Geschichte gefällt mir nicht. Für mich ist sie furchtbar. Sie ist ironisch und flach, kennt keine Höhepunkte und verwendet problematische Begriffe wie "polnischer Abgang". Mir geht es da nicht einmal um die "political correctness", sondern darum, dass solche nebenbei verwendeten Sprachbilder zunächst harmlos daherkommen, sich aber als Stereotypen langfristig festsetzen. Stil und Inhalt lesen sich nach dem Drehbuchautor von "Alarm für Cobra 11". Da hat die Bastei Lübbe-Akademie noch eine Menge zu tun.

Freundliche Grüße

Christian Hanewinkel

4. Dominik Puritscher 03.01.2014 21:32h 
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Stoff für einen Tarantino Streifen :)

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