Literatur-Nachrichten

dalmatiner oder: vom alleingelassen werden

Von Birgit Birnbacherdas kind wird heute nicht, wie sonst, von scherzen begleitet gewaschen und angezogen. die mutter schweigt und hat schmale lippen. der gummizug der hose schnalzt auf dem runden kinderbauch. das kind ahnt bereits, dass es heute nicht in die kinderkrippe gehen wird wie sonst. etwas ist heute anders.

die mutter beugt sich über das kind und stopft ihm das oberteil hinten in die strumpfhose hinein. währenddessen legt das kind sein gesicht zwischen schulter und hals der mutter. das kind lacht und sagt, dass das eine höhle sei. die mutter schmeckt salzig. sie kniet vor dem kind auf dem badezimmerboden, wie jeden morgen, wenn das kind angezogen wird.

die mutter schneidet den apfel für das kind in kleine spalten und atmet laut aus. das kind steht in der küchentür und wird ermahnt, es soll nicht so stehen. es soll seine schuhe zusammensuchen und eine jacke. sie würden gleich fahren.  das kind möchte gehen, möchte seine sachen zusammensuchen. aber etwas hindert es daran. es kann, wie am fußboden angewachsen, nur die mutter ansehen, die schnauft und mit haarsträhnen im gesicht die jausenbox verschließt.

das kind sitzt angegurtet auf der rückbank und fragt sich, warum die mutter immer beim rückwärtsfahren den arm um den leeren sitzplatz neben sich legt. das kind weiß, dass jetzt flüchtig geprüft wird, ob es angegurtet ist. das wird die mutter freuen, denkt das kind, dass es angegurtet ist. die mutter hat das kind angegurtet und jetzt schaut sie nach, ob sie das getan hat oder es sich nur vorgestellt hat und ihr dann etwas dazwischen gekommen ist. aber die mutter schaut gar nicht, sondern nimmt den arm von der lehne des leeren sitzplatzes und fährt los.

das kind lehnt den kopf gegen die seitwärtsstütze des kindersitzes, in den es hineingegurtet ist. es kann die mutter von hinten anschauen, es sieht ihre haare und ihre hände, die das lenkrad halten. die adern auf den handknöcheln der mutter scheinen lilablau durch die haut, manche stehen hervor.

das ist wie letztens, denkt das kind. kürzlich hat es mit einer landkarte gespielt, hat kleine autos über berge und durch flüsse fahren lassen. das sind flüsse, denkt das kind über die adern der mutter, flüsse und gebirge.  

das kind kennt schnell die häuser nicht mehr, die am fenster vorbeiziehen. was da stehe, fragt das kind, als sie an einem schild vorbeifahren, und die mutter sagt „bitte“, woraufhin das kind seine frage wiederholt. dass man hier langsam fahren solle, sagt die mutter. das kind schaut weiter die landschaft an.

der himmel ist weiß. dass da ein dalmatiner am himmel sei, sagt das kind, und die mutter schweigt. da seien lauter schwarze punkte! (das kind ist aufgeregt wegen der schwarzen punkte im weißen himmel.)

die mutter hat die hand jetzt vor ihrem mund und sagt zwischen ihre finger hindurch, dass das ein vogelschwarm sei und einen kosenamen. dann sagt sie nichts mehr, aber das kind hört immer noch, dass die stimme der mutter komisch ist. vielleicht möchte die mutter gleich etwas singen, denkt das kind und schaut hinaus. die mutter wird das kind gewiss bald etwas fragen, denkt das kind gähnend, oder ihm etwas erzählen, eine geschichte. weil nichts davon geschieht, schläft das kind ein.

als es aufwacht, sieht es draußen bunte schilder. die schilder sehen ganz anders aus als vorher. sie ziehen auch nicht mehr vorbei, sie stehen. das auto, in dem das kind sitzt, steht still. das kind hat heiße wangen vom schlafen und ist allein.

die vordertür des autos ist offen. draußen sieht das kind in der ferne gebirge und flüsse, aber sonst nichts. der himmel über dem auto ist weiß und ohne dalmatiner. der kühle wind weht dem kind die locken ins gesicht.

die mutter weiß, dass heute der tag gekommen ist. entschlossen zieht sie das kind in der frühe an. angst hat sie nicht. sie hat einen entschluss gefasst. die strumpfhose schnalzt auf dem runden kinderbauch. das kind lehnt sich gegen die mutter, als sie diesem das oberteil hinten in die strumpfhose hineinstopft und von unten auf den spiegel und das ablageboard darunter schielt. lass dir helfen, hat karl auf einen zettel geschrieben, der oben auf dem board liegt.

die mutter sieht den zettel nicht, als sie den kinderkopf zwischen ihrem hals und ihrer schulter spürt. das kind sagt irgendetwas, aber die mutter hört es nicht. sie weiß, dass der zettel da oben liegt, neben der unangetasteten tablettenbox.

auf der tablettenbox steht jeder einzelne wochentag von montag bis freitag und das wochenende in blau. da steht auch morgens, mittags, abends und nachts. die tablettenbox ist randvoll. all diese zitronengelben und blau/roten pillen und kapseln wären jetzt in ihrem magen, hätte sie nicht aufgepasst. wäre sie nicht wachsam. es ist gut, dass sie wachsam ist. auf sich achtet. nur ruhe bräuchte sie mehr.

der arzt diagnostiziert die besserung, wenn die mutter sagt, sie spürt etwas. wenn sie sagt, die trennung vom kind (das kind war zwei wochen in pflege) hat ihr weh getan, sie geschmerzt. nur die mutter selbst weiß, dass ihr nichts weh tut, sie das kind nicht vermisst, wenn es in pflege ist. die mutter ist in watte eingepackt und kann gegen kanten rennen wie sie will, sie spürt nichts. komisch ist das, dass sie nicht spürt, wo sie selbst anfängt und aufhört.

der arzt sagt, die watte kann weggehen, mit hilfe der pillen. die mutter wiederholt, sie spürt was - es hat weh getan, als das kind weg war. in wirklichkeit hat sie an die meisten dieser tage keine erinnerung.

essen, denkt die mutter, als die den apfel für das kind schneidet. essen kann sie schon lang nicht mehr. jeden bissen muss sie hinunterwürgen. dieses leben schnürt ihr die kehle zu. dieses geschrei, der wenige schlaf, die vielen tausend worte, die täglich auf sie einprasseln.

das kind kann nie still sein, nicht einmal nachts, nicht einmal jetzt. schhhhhh… sagt die mutter, aber das kind will nicht hören und steht da und starrt. die mutter sagt, dass das kind nicht so stehen soll. alles muss sie dem kind einzeln aufsagen, immer wieder. auch jetzt: es soll seine schuhe zusammensuchen und eine jacke. sie würden gleich fahren.

die mutter zählt bis drei und hofft, dass das kind weg ist, wenn sie zur tür sieht. bald wird sie seinen anblick nicht mehr ertragen können. jetzt ist das kind weg. bald wird die mutter (endlich) wieder mehr ruhe haben und schlaf. sie wird wieder lange schlafen, oft gar nicht aufstehen. keine fragen mehr, keine termine. sie kann sich nicht an diese termine gewöhnen. immer, nahezu immer, muss sie irgendwo sein, zu einer bestimmten zeit. die mutter weiß, wenn sie zu diesen bestimmten zeiten nicht irgendwo ist, kommen leute vom amt und schreiben in formulare, dass sie nicht zu bestimmten zeiten irgendwo ist. sie muss all diese zeiten auswendig kennen, sich aufschreiben. sie muss all diese dinge sagen, um nicht aufzufallen. auffällig, das hat der arzt vor sechs jahren in den befund geschrieben. und dann diese unworte, diese benennungen: schizoide persönlichkeitsstörung. wenn man da nicht aufpasst, krallen die leute sich das und stempeln einem damit das leben zu grunde. die mutter weiß, dass sie, erfährt davon der falsche, abgestempelt ist. 

deshalb sagt sie „liebling“ und „mein schatz“. zu karl sagt sie, er soll sich verpissen, wenn das kind schläft. sie ahnt, dass auch das die leute vom amt gerne in formulare schreiben würden, wie sie alles schreiben wollen. aber sie sagt es nur, wenn das kind schläft und niemand außer karl es hört. vor dem kind sagt sie „liebling“, auch zu karl. das kind soll denken, dass die mutter und karl sich lieb haben. wie die anderen mütter, die vor der kinderkrippe in den autos warten. liebling. es gibt so vieles, das sie auswendig kennen muss.

an diesem morgen aber sind sie plötzlich zu zweit im wagen, nur die mutter und das kind. endlich ist karl gegangen, alle sollen gehen, denkt die mutter. die mutter weiß, dass sie jetzt schnell sein muss. etwas kriecht in ihr hoch, ganz innerhalb der watte. etwas kommt auf sie zu. es könnte panik sein. jetzt nur nicht umdenken, jetzt nicht einknicken. sie fährt los. das kind brabbelt, es kann es nicht lassen. die mutter kennt das kind und weiß, dass es keine ruhe gibt, bis es gehört wird. das ist auch so eine eigenart dieses kindes, denkt sie. ein bisschen dumm ist es, vielleicht geistig behindert. nur, weil ein dalmatiner schwarz weiß ist, glaubt das kind, dass alles, was auch diese farben trägt, ebenfalls ein hund ist. entnervt sagt sie mutter dem kind, dass das ein vogelschwarm sei, und wie aus gewohnheit presst sie ein „liebling“ zwischen den lippen hervor. dem kind soll nichts auffallen. es soll gar nicht merken, wie die mutter sich davonstiehlt. dieses kind hat die angewohnheit, alles zu beweinen. immer gleich losheulen. dieses leid will die mutter sich nicht mehr antun. niemand braucht sich das anzutun, denkt die mutter, als sie merkt, dass das kind endlich eingeschlafen und still ist.

so wird es ab jetzt immer sein, denkt die mutter, als sie ihren gurt öffnet und aussteigt. draußen über dem industriegebiet ziehen graue wolken auf. die mutter wird keinen regen spüren. sie lässt die tür offen stehen und rennt.

1 Kommentar/e

1. Elke Poppinga 14.05.2014 12:50h 
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Große Klasse- beklemmend, nachvollziehbar, eine Meisterleistung!

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