Literatur-Nachrichten

Eine neue Stadt

Von Cédric WeidmannIch bin in eine neue Stadt gekommen. Ich habe die Kirchen gesehen. Ich habe gegessen. Nach meiner Ankunft habe ich Meeresfrüchte in einem kleinen Restaurant bestellt, an den Wänden hingen Gegenstände, sie boten mir an, mich zu versetzen, weil es ziehe, und wiesen erklärend auf die Türe.

Nein, ich mag es, wenn es zieht, antwortete ich. Ich habe einen halben Hummer gehabt, er war so gross wie die Handfläche eines Mädchens und von ganz zartem Inneren im Flankenbereich. Dazu gab es in leichtem Olivenöl vorgedünstetes, etwas aufgeblasenes, gedrungenes Tomatenrisotto, auf das ein nasses Blatt Basilikum geklatscht worden war. Das Salz war körnig und hat mir an der Oberlippe geklebt. Ich habe mein Zimmer bezogen, ich habe meine Matratze bezogen, ich habe Geld bezogen. Ich habe Brücken, ich habe Pärke, ich habe Menschen, kurz ich habe die Stadt angeschaut. Ich habe telefoniert. Ich habe mit meiner Mutter telefoniert. Ich habe gesagt, ja, ich bin jetzt da. Ich habe mein Gesicht in Händen vergraben vor Ungeduld, weil die Mutter lange Pausen macht, in denen sie den Fernseher leiser stellt. Ich habe hier keinen Fernseher. Ich habe ein kleines Zimmer. Nein, es zieht nicht. Ich werde mich gut einleben. Es könne ja jetzt nur alles besser werden. Es ist teuer, sage ich, ich lege auf,
sage ich, ich lege auf. Ich lege auf.

Ich habe in der U-Bahn gesessen, ich habe in allen U-Bahnen gesessen. Ich bin an die Uni
gefahren. Ich habe studiert. Ich habe Matthias kennengelernt. Aus seinem Mund sind Begrüßungen gekommen, die nach Komplimenten geklungen haben. Er wolle, daß ich mich nicht einsam fühle, lachte er und sein Mund sagte mir: Daß er sich schön findet.

Das hat mich angezogen. Ich habe mich angezogen und bin nach draußen gegangen. Ich bin durch den Park vor meiner Wohnung spaziert. Kiebitze kicherten in den gramgebeugten Wipfeln. Ich habe gegessen. Ich habe Kartoffeln mit aufgedunsenen Spargeln gehabt. Die Haut der Spargeln wellte sich in fahlem Grün. Ihr süßer Geschmack knallte auf die trockenen, mehligen Kartoffeln. Dazu gab es eine Pfeffersauce, ein wenig zu lau und zu wässrig. Das Rucola-Blatt spottete der ausgedörrten Kartoffeln. Ich bin nach Hause gegangen und habe versucht, zu schlafen.

Ich habe mich nicht einsam gefühlt, aber ich habe mich trotzdem mit Matthias verabredet. Wir haben gegessen. Wir hatten Currywurst. Sie war in Scheiben geschnitten, die in ihren Mitten dickbäuchige Ausbuchtungen trugen. Dazu war Currysauce liebevoll darüber gegossen worden, sie war falb und dickflüssig, das Fleisch schwer und satt, es sog dien Saft nicht auf. Leichtes, rotes Chilipulver war darübergestäubt. Matthias lachte, zog seine Jacke enger zu, stocherte mit seiner Gabel in meinem Essen herum, ich wandte mich schnell ab und sagte: Ich esse jetzt. Ich habe alleine fertig gegessen. Ich vergrub mein Gesicht in seinem Schal, ich musste in der grünen Baumwolle nicht darauf achten, ob mir die Nase lief oder nicht. Wir sind ins Zentrum gefahren. Matthias hat Witze gemacht und ich habe gelacht. Ich habe mit Matthias geschlafen. Als er mich nahm, habe ich einen Käfer an der Decke gesehen. Es ist ein großer, dunkler Käfer und seine zuckenden Glieder flirren über den Thorax. Da habe ich beschlossen, dass ich ihn mir genauer ansehen würde. Da habe ich beschlossen, dass ich nicht mehr alleine wäre. Da habe ich beschlossen, Matthias nicht mehr anzurufen.

Ich bin zum Klo auf dem Korridor gehuscht, doch es war besetzt. Ich hörte das Plumpsen großer Kloße ins plätschernde Wasser. Ich habe gewartet, ich habe gegrüßt, ich habe leider geknickst, ich bin auf das Klo, ich setzte mich auf den Ring wie ein Fakir. Das Klo ist dünnwändig verschalt, ein kalter Luftzug zerrt an der Ersatzrolle, die man auf den Boden gestellt hat. Es gibt einen grossen Riss in der Decke darüber, man sieht gerne hinein, aber es ist gefährlich, weil manchmal Staub daraus hervorrieselt. Der Boden schimmert von verklebter Pisse und gesüßten Alkoholgetränken, die verschütt gegangen sind.

Ich habe Matthias getreten. Ich habe gesagt, es sei eine Zuckung im Schlaf. Er strich mir Strähnen aus dem Gesicht. Er fragte, ob er mir die Stadt zeigen solle? Oh, nein, die habe ich schon gesehen. Er schwieg. Dann ginge er wohl besser. Besser ginge er, nickte ich. Sein Gesicht verharrte nur einen kurzen Moment im Türrahmen. Ich habe meinen Kühlschrank aufgefüllt. Ich habe zu Mittag gegessen. Ich schnitt ein besonders fülliges Weissbrot und bestrich die Scheiben mit einem aufgeplusterten, mit Rosenpfeffer garnierten Streichkäse. Ich habe in nördlicher Richtung begonnen, das ist dort wo, mein Kühlschrank lag. Der Kühlschrank stand gegenüber von meinem Sitzplatz. Ich wälzte die samtene Welle von Streichkäse langsam von der Außenseite zum Zentrum hin, und wenn ich dann die zweite Hälfte bestreichen wollte, war auf dem Messer nichts mehr, und ich habe mir neuen genommen. Dann fuhr ich in der Mitte fort und strich nach außen und habe ihn verteilt. Mein Messer hinterliess unregelmässige, zittrige Furchen in ihm. Ich habe hineingebissen, der Käse hat sich auf meinem Zahnfleisch festgesetzt. Ich habe abgespült. Ich nahm eine dünne Scheibe Vorderschinken, die kalt auf der Zunge klebte, aber saftig aus den Mahlzähnen quoll.

Ich habe lange Abende durch den Korridor gelustwandelt, ich habe das schwache Glosen des Lämpchens beäugt, das in der Nacht die Toilette markiert. Ich habe gelacht, ich habe oft gelacht, die neue Stadt fährt mit vollem Lachen in einen hinein. Es hat mich bebend und matt gemacht. Ich habe meine Hausarbeiten abgeschrieben, ich habe mir Matthias abgeschrieben, meine Matratze ging kaputt. Ich habe mir meine Matratze auch abgeschrieben. Ich habe Theo im Thai-Restaurant getroffen. Ich hatte angeschwollene Nudeln in einer Brühe, zwischen deren Fettaugen grüne Thaimuscheln vor sich hindümpelten.

Wenn Theo mit mir geschlafen hatte, konnte ich nicht einnicken. Zwischen den Beinen juckte es und es juckte unter meiner Schädeldecke. Ich sehe mir sein verzerrtes Gesicht an, wenn er schläft. Theo ist wütend im Schlaf, beim Sex und beim Zuhören. Theo hatte in seinem Leben noch keinen Erfolg gehabt, war aber überzeugt, es müsste anders sein. Ich bin leise aufgestanden und habe mich in die Küche geschlichen. Ich habe gegessen. Ich habe unterkühlten Kopfsalat gerüstet und mit einem gekochten Ei garniert. Das Eigelb ist von einem schwachen Grün umkränzt gewesen und zerbröckelte zwischen den Fingern. Ich habe den Rosmarin unter die Sauce gerührt. Ich habe nur widerwillig die Bissen geschluckt, ich habe Sperma geschluckt, ich habe die Lügen von Theo geschluckt, ich habe auch geschluckt, daß ich ihm egal war. Bevor ich wieder ins Bett schlüpfte, hielt ich inne. Der alte Käfer wanderte zirpend über die Tischplatte. Ich habe versucht, ihn zu erschlagen, aber er entwischte. Der Käfer ist auf die Unterseite des Tisches gekrabbelt. Ich bin schlafen gegangen.

Ich habe die Museen besucht, ich habe die Clubs besucht, ich habe den Friedhof besucht. Ich bin auf einen Grabstein gesessen und habe an einer Packung Birnensaft genippt. Ich habe darauf gewartet, daß Morten vorbeischleicht. Immerhin war es ein Friedhof. Doch es strich nur nur eine Frau vorbei. Sie fragte, ob ich mich nicht schäme, so auf den Grabstein zu sitzen. Ich habe den Kopf gesenkt, sie hat matt genickt. Sie ist zu mir gekommen und erzählte mir etwas von ihrem Mann, der gestorben war. Daß sie selber Brustkrebs habe. Ob ich nicht auch etwas zu erzählen habe? Ich habe in den Kies gestarrt. Sie hat mir Pekannüsse angeboten. Sie waren elastisch, mit den Zähnen kaum zu zerbröseln. Wir haben sie lange Minuten zermalmt. Dann haben wir uns verabschiedet.

Ich habe Theo gesagt, ich wolle ihn ab morgen nicht mehr treffen. Er sagte mir, das sei gut, weil ich ihm egal sei. Er übermannte mich wütend und schlief dann wütend ein. Ich bin in der Nacht aufgewacht. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich auch ihn im Schlaf treten sollte. Da habe ich auf seiner Stirn den Käfer entdeckt. Er marschierte auf dem Kopf hin und her, als bewachte er die verborgenen Träume. Ich habe Theo nicht getreten.

Meine Mutter hat angerufen und mich gefragt, ob es mir besser geht? Ich habe geschwiegen. Und was sie mit Mortens Sachen machen soll. Behalten? Nein, habe ich gesagt, verbrennen. Man verbrenne nichts mehr, hat sie gesagt, aber sie werde sie entsorgen. Ich habe Corn Flakes gegessen. Sie waren staubig und hart, in der Milch sind sie wie Pappe aufgeweicht.
Ich habe mich aufs Klo gesetzt. Ich habe nach oben in die schattige Ritze gestarrt. Ich habe
geglaubt, etwas krabble darin herum. Staub fiel herunter. Ich habe meine Augen geschlossen, es
sei der Käfer, habe ich geschlossen, mit dem meisten, glaube ich, habe ich geschlossen.

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