Literatur-Nachrichten

Die Letzte

Von Anne Bentkamp14. Mai. Frau Studtkowski von nebenan ist gestorben. Die Tochter hat es mir gerade gesagt. Ich hatte sie fast nicht wieder erkannt, die Tochter. Sie ist unendlich dick geworden.  

Ihr Gesicht war ganz lila und schweißüberströmt, zwei Treppen schafft sie wohl kaum noch. Deshalb hat sie ihre Mutter vielleicht auch seit Jahren nicht besucht.

Jetzt bin ich die Letzte im Haus.

Erst mein Eberhard, dann die Frau Müller von oben, die war immer so nett und ist dann elend am Krebs zu Grunde gegangen. Ihr Mann war darüber so schockiert, dass er Depressionen bekam. Hat sich nicht mehr erholt, nach zwei Jahren war er auch tot. Dann der Herr Studtkowski, Autounfall, na ja, ganz nüchtern war er dabei sicher nicht. Die Bremers sind letztes Jahr in ein Altenheim umgezogen, keine Ahnung, was aus ihnen geworden ist, niemand hat je wieder etwas von ihnen gehört. Und vor drei Monaten die Frau Weber, um die war es nicht schade. Stand den ganzen Tag unten hinter ihrer Tür am Spion und verbreitete Lügen über jeden, der vorbei ging.

Nun bin ich die Letzte hier von der alten Garde, die 1960 eingezogen waren. Super-Wohnungen waren das damals, mein Eberhard war so stolz. Und Feste haben wir gefeiert unten im Hof und immer zusammengehalten, also bis auf die Frau Weber vielleicht.

Jetzt kenne ich niemanden mehr. Die jungen Leute machen viel Lärm, aber mit mir sprechen sie nicht.

2. Juni.

Die Wohnung nebenan ist gleich wieder vermietet worden. Gestern stand ein Umzugswagen vor der Tür, aus Berlin. Mein Gott, dabei ist die Frau Studtkowski nicht mal 3 Wochen tot.

6. Juni.

Was sind das nur für Leute? Richtig arbeiten tun die beide nicht. Die ganze Nacht so komische Geräusche, als ob sie irgendwas zusammenzimmern, schrauben oder sägen, fast jede Nacht. Tagsüber liegt der junge Mann dann auf dem Balkon. Und grüßen tun die nie, im Treppenhaus nicht und auf dem Balkon auch nicht. Als wenn ich Luft wäre.

Und dann habe ich gestern das Loch entdeckt. Es gibt ein Loch in der Wand zwischen den beiden Wohnzimmern unten an der Ecke vom Fußboden. Ich musste auf die Knie, um es mir näher ansehen zu können. Es ist fast 2 Zentimeter groß. Ich bin kaum wieder hochgekommen und war nachher ganz schwindelig.

20. Juni.

Vorgestern Abend hat das Hämmern und Klopfen plötzlich aufgehört. Ich habe meinen Fernsehsessel extra näher zu dem Loch hingeschoben. Aber nichts mehr, auch nicht, als ich den Fernseher ausgeschaltet hatte. Totenstille. Erst hab’ ich gedacht, vielleicht sind sie ganz weg, aber am nächsten Morgen lag er wieder auf dem Balkon, obwohl es eigentlich viel zu kalt war dafür. Doch den ganzen nächsten Tag und den gestrigen Abend Stille, ganz ungewohnt, auch nachts nichts, nicht mal ihr Fernseher war zu hören.

Ja und dann komme ich heute Morgen ins Wohnzimmer und rieche es gleich: Gas!

22. Juni.

Das Gas kommt eindeutig durch das Loch in der Wand. Ich habe die Polizei angerufen. So ein ganz junger Polizist ist gekommen. Er hat sich das Loch angesehen und behauptet, er rieche nichts. Es gebe ja auch gar keine Gasanschlüsse im Haus, das sei doch alles elektrisch.

1. Juli.

Ich gehe nicht mehr raus. Allenfalls noch in die Bäckerei unten im Haus. Ich fühle mich so geschwächt. Das Gas tötet ganz langsam. Was soll ich tun?

10. Juli.

Heute war eine Frau Dr. Wagner da, Wagner-irgendwas mit Bindestrich. Sie behauptete, sie komme vom Gesundheitsamt, sie habe meine Adresse von der Polizei bekommen.

Das ist doch typisch, statt dass sie mal durchgreifen und dieses Volk in Studtkowskis Wohnung verhaften, schicken sie so eine Hygiene-Tante.

Die Frau Doktor wollte noch mal die ganze Geschichte über die Nachbarn hören. Dabei hatte ich doch schon alles der Polizei erzählt. Dann fragte sie, warum es hier nach ranziger Butter rieche. Ich habe ihr erklärt, dass ich einen alten Pullover mit Butter eingeschmiert habe, um damit das Loch abzudichten, Fett dichtet besser. Aber obwohl ich dann noch Kissen und ein Federbett darüber gestapelt habe, riecht es immer noch penetrant nach Gas, das dringt leider auch durch die Butter.

Dann fragte sie, ob sie mal einen Blick in meine Küche werfen dürfte. Ich hatte nicht abgewaschen, aber ich ließ sie trotzdem hinein. Sie wollte wissen, was ich denn so esse und öffnete einfach den Kühlschrank. Da stand nur alte Kondensmilch drin. Ich erklärte ihr, dass ich nur noch zum Bäcker unten im Haus gehe. Das Brot dort ist immer frisch und die haben so leckeren Kuchen und Kaffeepulver kann man dort auch bekommen. Mehr brauche ich doch nicht. Um richtig zu kochen, fühle ich mich einfach zu schwach. Ich habe ihr gesagt, dass das von dem Gas kommt. Dann ging sie in den Flur und fragte nach den Mülltüten. Ich habe sie an der Wand im Flur aufgestapelt, weil ich sie nicht mehr nach unten tragen kann, fest verschnürt, da passiert nichts, und der Flur ist breit genug, da kommt man noch gut durch. Zum Schluss machte sie ohne zu fragen die Schlafzimmertür auf. Ich sagte: „Das ist privat!“ und machte die Tür vor ihrer Nase wieder zu.

14. Juli.

Schon wieder diese aufdringliche Frau Doktor aus dem Gesundheitsamt. Hatte jemanden im Schlepptau, die sie als meine neue Haushaltshilfe vorstellte. Die soll hier putzen und könne über die Pflegekasse finanziert werden. So ein Blödsinn. Ich will nicht immerzu fremde Leute in meiner Wohnung haben, die mich dann kontrollieren und mir Vorschriften machen wollen. Das ist doch alles nur wegen dem Gas. Diese verfluchten Nachbarn, die haben es auf meine Sachen abgesehen. Warum unternimmt die Polizei bloß nichts?

Wenn ich nicht immer so schwach wäre, würde ich den Müll schon allein runter bringen.

Ich habe den beiden gesagt, sie sollen mich in Ruhe lassen und höchstens wiederkommen, wenn die Polizei diese Kriminellen verhaftet hat. Sie sind gegangen, meinten aber, ich könnte nicht auf Dauer allein bleiben. So eine falsche Schlange, diese Ärztin, die will mir gar nicht helfen!

3. August.

Heute habe ich es ihm auf den Kopf zugesagt. Er lungerte wieder auf seinem Balkon herum, da habe ich es ihm gesagt, dass ich das Gas rieche und dass er mich nicht aus meiner Wohnung vertreiben kann, dass ich bleibe und wenn ich daran sterbe. Er hat mich nur blöd angeglotzt und die Frau kam auch dazu. Da habe ich ganz laut in den Hof geschrien:

„Hier sind die zwei Verbrecher, wollen mich alte Frau vergiften, meine Sachen werden sie nicht kriegen!“ und „Hilfe, Mörder!“ habe ich geschrien.

Vielleicht war es ein Fehler, denn niemand hat reagiert. Der böse Mann zeigte mir einfach einen Vogel und verschwand mit seiner Hexe in der Wohnung.

15. August.

In der Post war ein Brief vom Amtsgericht. Erst habe ich gejubelt, aber als ich ihn dann gelesen hab, verstand ich gar nichts mehr. Irgendwas von Verwahrlosung stand da und Gefahr im Verzuge und dass ich einen Betreuer bekommen werde, der für mich Entscheidungen trifft.

Was soll das? Gibt es denn keine Gerechtigkeit?

17. August.

Es klingelt. Jetzt ist es aus. Sie kommen mich holen.

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