Literatur-Nachrichten

Illys Tag

Von Henrike CurdtUm sechs Uhr früh fängt der Tag an zu jammern. Wie jeden Morgen. Er liegt neben ihr, nackt und bleichhäutig wie ein rohes Suppenhuhn. Illy schließt die Augen. Drei Stunden Schlaf – zu wenig, um es mit ihm aufzunehmen.

Sie zieht sich die Decke über den Kopf, aber seine Stimme dringt in ihr Ohr, quengelnd, fordernd und rücksichtslos. Es hat keinen Sinn. Er wird nicht aufhören. Ebenso wenig wie gestern oder vorgestern, wie morgen oder übermorgen. Gequält schlägt sie die Decke zurück.

Sie schleppt den Tag in die Küche. Es riecht nach kaltem Rauch und Essensresten. Auf dem Tisch ihr Notebook, daneben ein fleckiger Pizzakarton und ein Aschenbecher, randvoll mit Zigarettenkippen. Die halbe Nacht hat sie an der Vorlage gearbeitet. Endlose, graue, vergebliche Stunden, scharfkantige Worte, die sich in ihrem Kopf verhakt haben wie Metallspäne.

Der Tag schlingt seine Arme um ihren Nacken und drückt sein Gesicht in ihre Halsbeuge. Mühsam würgt Illy ihren Ekel hinunter und schiebt sich am Tisch vorbei zur Küchenablage. Neben der Spüle steht die Glaskanne der Kaffeemaschine.

Der Tag wird unruhig. Er stemmt sich von ihr weg und stößt gegen den Geschirrberg im Spülbecken. Die verkrusteten Teller kommen ins Rutschen, schmutziges Wasser schwappt gegen Illys Brust, Porzellan zerbricht auf den Fliesen.

Illy starrt auf die Scherben in der trüben Pfütze vor ihren nackten Füßen. Das Lachen des Tages hallt durch ihren Kopf.

Langsam geht sie rückwärts, bis sie gegen die Tischkante stößt. Der Tag ist ihr entglitten. Er rutscht hinter ihr her, immer noch lachend, Porzellansplitter in seinem zahnlosen Mund.

Die Heizung im Bad funktioniert nicht. Hastig zieht Illy sich aus, öffnet die Schiebetür der Dusche und schlüpft hinein. Bevor sie die Tür schließen kann, schiebt der Tag seinen mächtigen Körper hindurch. Nein, bitte ... Sie weicht zurück und stößt mit dem Ellbogen gegen die Wandfliesen. Ein stechender Schmerz fährt durch ihren Arm. Wie ein Echo kommt die Wut. Mit aller Kraft rammt sie ihren Fuß in das Gesicht des Tages. Sein Kopf schlägt nach hinten, und Illy knallt die Tür zu. Der Tag heult und wimmert, aber es klingt nur gedämpft durch die beschlagene Plexiglaswand. Wasser rieselt über Illys Körper - warm, tröstlich. Die Dusche füllt sich mit feuchtem Dampf. Illy tastet nach dem Duschgel. Wildrosenduft. Eine Erinnerung streichelt ihre Haut.

Rosen blühn, Rosen blühn ...

Die Fratze des Tages taucht aus dem Dampf. Mit einem harten Knall schlägt die Flasche mit dem Wildrosenduft auf den Boden der Duschwanne. Illy stöhnt auf. Der schmierige Körper des Tages presst sich an ihren. Er drückt ihr die Luft ab und haucht ihr seinen fauligen Atem ins Gesicht.

Keuchend reißt sie die Schiebetür auf und taumelt nach draußen. Der Tag klammert sich an sie, droht sie zu Fall zu bringen. Sie bekommt den Badewannenrand zu fassen und lässt sich auf der kalten Emaille nieder. Der Tag klettert auf ihre Schultern und summt in ihr Ohr.

Rosen blühn, Rosen blühn,

drei an einem Stängel.

Liebes Mädchen, du bist schön,

schöner als ein Engel.

Irgendwann schafft sie es aufzustehen, sich abzutrocknen und anzuziehen. Der Tag wächst mit jedem ihrer Schritte. Er reißt Laufmaschen in ihre Strümpfe und spuckt auf ihre Schuhe. Er versteckt die Autoschlüssel und zerrt an ihren Haaren, als sie endlich das Haus verlässt.

Ein Mülleimerdeckel klappert. Die Nachbarin kommt Illy auf dem Bürgersteig entgegen, wirft ihr einen misstrauischen Blick zu und knallt das Gartentor hinter sich zu. Illy trägt den Tag zum Auto.

Er will nicht auf dem Rücksitz bleiben, strampelt und schreit. Illy kämpft verzweifelt dagegen an, aber er ist schon zu stark. Er quetscht sich zwischen den Vordersitzen hindurch und macht sich auf dem Beifahrersitz breit. Seine feisten Hände beschmieren die Polster. Illy setzt sich ans Steuer und dreht mit zitternden Fingern den Zündschlüssel.

Sie wird es nicht mehr rechtzeitig schaffen. Die Bremslichter des Wagens vor ihr leuchten auf. Stillstand. Der Tag dreht an der Uhr. Illy tastet in ihrer Tasche nach dem Mobiltelefon. Sie schiebt das Etui mit ihren Schminkutensilien zur Seite, ihr Portemonnaie, eine Schachtel Zigaretten. Kein Telefon. Der Tag sticht seine Finger in ihre Augen. Sie sieht den Konferenzraum, ihre Vorgesetzten und Kollegen, die auf sie warten. Glatte Gesichter, schmale Lippen. Hände, die Krawatten zurechtrücken, das Klick-Klick eines Kugelschreibers, Blicke auf teure Armbanduhren, Kopfschütteln.

Es tut mir Leid, ich habe ...

Nichts. Sie hat nichts. Das Auto hinter ihr hupt. Im Rückspiegel sieht sie den Fahrer. Er schlägt mit den Händen auf das Lenkrad und spuckt lautlose Wortspritzer gegen die Scheibe. Der Tag beugt sich zu ihr herüber. Seine Zunge kriecht aus seinem Mund, schlängelt sich an ihrem Hals hinauf, gleitet über ihre Wange, will sich zwischen ihre Lippen schieben.

Illy schreit auf und tritt auf das Gaspedal. Mit heulendem Motor schießt der Wagen vorwärts. Sie reißt das Lenkrad nach rechts. Rote Lichter wischen an ihr vorbei. Bremsen quietschen auf, zerren ihren Körper nach vorn und reißen ihn mit einem Ruck zurück. Der Wagen bleibt auf dem Seitenstreifen stehen. Illy stößt die Tür auf, springt aus dem Auto und lässt den Tag zurück.

Die Sonne tanzt zwischen den Blättern des Apfelbaums. Eine Amsel segelt über den sonnenbeschienenen Weg. Ihr helles Pinkpink weht hinter ihr her wie ein flatterndes Band. Illy atmet den Duft der wilden Rosen ein.

Rosen blühn, Rosen blühn ...

Vor ihren Füßen haben Ameisen kleine Sandhäufchen aufgetürmt. Aus winzigen Löchern krabbeln sie ans Tageslicht, trillern mit den Fühlern und laufen im Zickzack ihren eigenen Schatten nach. Sie haben ein Ziel.

Illy hebt ein Stöckchen auf und kratzt damit im lockeren Sand herum. Immer mehr Ameisen beginnen aus den Löchern zu kriechen. Sie wimmeln durcheinander, scheinen ihr Ziel vergessen zu haben. Illy stößt den Stock in das Nest. Als sie ihn wieder herauszieht, ist der Sand mit bleichen Larven vermischt. Ein jäher Schreck durchzuckt sie. Hastig versucht sie, die Larven mit Sand zu bedecken. Die Ameisen rennen in sinnloser Panik umher, schleppen die Larven erst hierhin, dann dorthin, auf der Suche nach einem Nesteingang. Illy lässt das Stöckchen fallen und springt auf. Die Ameisen verschmelzen zu einem flirrenden Muster, das sich unablässig verändert, verzerrt, zerstört. Wirres Gekritzel, dazwischen die weißen Larven. Der Sand scheint zu fließen. Etwas drängt sich mit Macht an die Oberfläche: kurze Finger, eine Hand, ein Arm. Eine zweite Hand taucht auf, ein kahler Kopf. Das fette Gesicht des Tages grinst Illy an, während er sich aus dem Sand herausarbeitet. Er packt ihre Fesseln. Seine Krallen bohren sich in ihre Haut. Mit hoher Stimme ruft er ihren Namen, immer und immer wieder. Illy presst die Hände an die Schläfen, doch sein Rufen ist überall.

Sie weicht zurück. Nicht. Stehen. Bleiben. Der schwere Körper des Tages ruckt mit jedem ihrer Schritte hin und her. Sein aufgedunsener Bauch schleift über den Weg. Er lacht wie ein Kind, das gekitzelt wird. Etwas rinnt über Illys Wangen, warm wie frisches Blut.

In das Lachen des Tages mischt sich ein anderes Geräusch: rollende, fallende Steine. Der Boden unter Illys Füßen fühlt sich an wie ein Teppich auf glattem Parkett. Sie strauchelt, fällt, rutscht zwischen stachligen Gewächsen einen Hang hinunter. Dornen haken sich in den Stoff ihrer Bluse, zerkratzen ihre Haut. Ihre Ellbogen und Knie schrammen über spitze Steine. Sie versucht den Kopf oben zu behalten, wenigstens das, unfähig, irgendwo Halt zu finden. Dann fühlt sie nichts mehr, keine Dornen, keine Steine, nur noch Leere. Die Leere ist überall, umgibt sie, saugt sie ein.

Hart schlägt sie auf den Boden auf. Gleißender Schmerz zuckt durch ihren Rücken, ihre Beine, entfernt sich. Ihr Körper fließt auseinander zu einer formlosen Masse, wie ein Fleck, der sich ausbreitet.

Sie dreht den Kopf zur Seite und sieht dem Tag ins Gesicht. Er beugt sich über sie, als ob er sie aufheben wollte. Niemand wird sie an diesem gottverlassenen Ort finden. Niemand außer ihm. Es tut nicht einmal weh, als er ihren Kopf frisst.

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