Literatur-Nachrichten

Der Tag, an dem Albert Einstein Blaubeerkuchen aß

Von Christine DöpkeFinch erkannte ihn sofort. Den alten, grauhaarigen Mann, der dort direkt vor ihm an einem der Tische saß. Das musste er sein. Albert Einstein.

Jetzt fingen seine Nerven doch ein wenig an zu flattern. Er atmete tief durch und versuchte sich zu sammeln. Dann schaute er an sich herunter, ob mit seiner Kleidung alles in Ordnung war. Sie war ein wenig zerknittert. Aber es musste so gehen, er hatte keine Zeit für Eitelkeit.
Er hatte eine Mission.

Es war eine kleine Cafeteria, die nur von wenigen Menschen besucht war. Für einen Moment fragte er sich, warum die Princeton University sich keine größere Einrichtung leistete, aber er schob den Gedanken beiseite.
Beim Näherkommen sah er, dass Einstein über ein kleines Notizbuch gebeugt war und heftig darin herum kritzelte.
„Entschuldigung, aber haben sie etwas dagegen, wenn ich mich zu ihnen setze?“, fragte er, als er den Tisch erreicht hatte.
Einstein blickte auf.
„Warum nicht“, sagte er und schaute zurück auf sein Notizbuch.
Finch setzte sich und schluckte. Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber er hatte es sich nicht so einfach vorgestellt.
„Es tut mir leid, dass ich sie bei ihrer Beschäftigung störe. Es ist sicher sehr wichtig. Aber ich weiß wer sie sind und ich muss sie um etwas bitten.“
Erneut blickte Einstein auf.
„Tatsächlich“, sagte er.
Finch zweifelte keinen Moment daran, dass vor ihm Albert Einstein saß. Auch wenn er doch etwas anders aussah als auf den Fotografien, die er von ihm kannte. Außerdem hatte er etwas mehr erwartet, vielleicht eine gewisse Aura, die ihn umstrahlte. Aber da war nichts, nur ein wenig Staub, der in den Sonnenstrahlen tanzte.

„Ja, sie sind Albert Einstein.“
Einstein blickte erstaunt, aber nur einen Moment, dann lächelte er. Ein warmes, verständnisvolles Lächeln. Schließlich schüttelte er leicht mit dem Kopf.
„Da muss ich sie leider enttäuschen, mein Sohn. Aber sie verwechseln mich. Obwohl ich mich geehrt fühle, dass sie mich für einen so großen Kopf halten.“
Finch geriet für einen Moment aus dem Tritt. Sollte er sich tatsächlich geirrt haben. War das möglich?
Er hatte seine Informationen. An diesem Morgen, am 18. Juli 1952, sollte Albert Einstein in genau dieser Cafeteria sitzen.
Vielleicht war es ein Trick.
Oder ein Ablenkungsmanöver.

„Oh, ich verstehe. Sie wollen ihre Ruhe haben. Also leugnen sie es. Das kann ich sogar verstehen. Und ich möchte mit ihnen auch gar kein Gespräch über Raum und Zeit führen. Aber ich bin mir sicher, dass sie Albert Einstein sind und ich möchte, dass sie ein Stück Blaubeerkuchen essen.“
Einstein schaute ihn einen Moment lang baff an, dann lachte er schallend auf, so laut, dass einige Leute an den anderen Tischen zu ihnen herüber schauten. Finch wurde nervös. Ihm war nicht ganz klar, wo genau die Ursache für diesen Heiterkeitsausbruch lag. Außerdem hätte er diese Art der Aufmerksamkeit gerne vermieden.
Einstein lachte immer noch. Als er sich schließlich von seinem Anfall beruhigt hatte, lächelte er schuldbewusst.
„Entschuldigung, dass ich gelacht habe. Aber ich finde es komisch. Erst halten sie mich für einen der bedeutendsten Köpfe unserer Zeit und dann wollen sie, dass ich so etwas Banales tue wie Blaubeerkuchen essen. Ich muss sagen, sie haben eine seltsame Art von Humor, junger Mann.“
Und für einen Moment sah es so aus, als würde er erneut anfangen zu lachen.
„Aber ihr Humor gefällt mit. Darf ich fragen, warum es so wichtig ist, dass ich diesen besagten Kuchen esse.“
„Das darf ich nicht sagen, es könnte unabsehbare Konsequenzen für die Zukunft haben, wenn ich darüber spreche.“
„Die Zukunft!“, fragte Einstein verblüfft.

Finch hätte sich am liebsten geohrfeigt. Jetzt hatte er sich aus lauter Blödheit doch verplappert.
„Und ich dachte, sie wollten mit mir kein Gespräch über die Zeit führen. Oder habe ich sie da missverstanden?“
Da die Katze aus dem Sack war, konnte er auch alles erzählen.
„Das hört sich jetzt vielleicht ein wenig verrückt an...“
Einstein unterbrach ihn, „Glauben sie mir, verrückter kann die Sache gar nicht mehr werden.“
„Wenn sie eine Erklärung wollen, dann müssen sie mich ausreden lassen.“
Einstein hob entschuldigend die Hände.
„Wie gesagt, es mag sich verrückt anhören, aber das macht die Sache nicht weniger wahr. Ich komme aus der Zukunft.“
Einstein lächelte erneut. „Vielleicht bin ich etwas voreilig gewesen, als ich sagte, noch verrückter kann die Sache gar nicht werden. Da haben sie mich jetzt eiskalt erwischt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Zeitreise, also.“
„Sie müssen mir nicht glauben. Ich würde mir wahrscheinlich auch nicht glauben. Aber es ist von großer Bedeutung, dass sie an diesem heutigen Tag - jetzt - Blaubeerkuchen essen“, sagte er mit einigem Nachdruck.
„Und warum ist das so wichtig?“
„Dafür muss ich etwas weiter ausholen.“
„Bitte, tun sie sich keinen Zwang an.“
„Man hat in meiner Zeit durch ein sehr komplexes Computersystem herausgefunden, dass die Zeit nicht mehr richtig verläuft. Es wurde genau ein elementarer Zeitpunkt in der Vergangenheit ermittelt, an dem etwas schief gelaufen und der für dieses Phänomen verantwortlich ist. In der Folge wurde eine ausgesuchte Person in der Zeit zurück geschickt, um dieses zu korrigieren. Das bin ich.“
„Ich verstehe.“ Einstein hielt einen Moment inne. „Das heißt, ich bin dieser elementare Zeitpunkt?“
„Genau.“
„Und es genügt, wenn ich heute Morgen diesen Kuchen esse.“
„Ja.“
„Ich fühle mich ein wenig geehrt, wenn ich ehrlich sein soll. Dass ich so wichtig für den richtigen Zeitablauf sein soll. Aber ist das nicht ein wenig zu... na, wie soll ich es ausdrücken... zu gewöhnlich. Ich meine, da es sich hier doch um einen schnöden Blaubeerkuchen handelt. Geht es nicht sonst um wichtigere Dinge. Wie zum Beispiel den Bau der Atombombe zu verhindern.“
Einstein sah ihn lächelnd an.
Finch begann sich erst recht unwohl zu fühlen. Warum lächelte Einstein nur so viel. Das war doch nicht normal. Er gab sich alle Mühe gelassen zu wirken.
„Also, ihnen als Wissenschaftler muss ich ja nun wirklich nicht die Bedeutung von kleinsten Ereignissen erläutern. Sie haben doch bestimmt schon vom Schmetterlingseffekt gehört.“ Finch stockte. Hatte es diesen Begriff zu Zeiten Einsteins schon gegeben. Er war sich nicht sicher. „Ein kleines Ereignis, wie ein schnöder nicht gegessener Kuchen führt zu weitreichenden Folgen, die noch monströsere Folgen nach sich ziehen. So einfach ist das.“
Einstein nickte.
„Und welche Folgen sind das, wenn ich fragen darf?“
„Das weiß ich auch nicht. Aber es ist etwas Schlimmes. Grauenhaftes. Deswegen wurde mir dieser Auftrag erteilt. Wenn er beendet ist, darf ich in meine Zeit zurückkehren. Bei korrekter Ausführung wird die eigentliche Zeitlinie wiederhergestellt.“
Finch war sich bewusst, wie wahnwitzig sich das anhören musste. Jetzt wo er es laut aussprach, konnte er es fast selber nicht glauben. Doch Einstein schien kein Problem damit zu haben. Wahrscheinlich konnte er Zeitreisen mit seinem Geist viel besser erfassen. Finch hatte eine hinter sich und erinnerte sich kaum. Irgendwie war er hier aufgewacht und wusste was zu tun war.

„Na, dann will ich mal die Zeit retten“, sagte Einstein und stand auf. „Ich bin gleich wieder da.“
Finch sah ihm nach, wie er zu der Theke mit den Kuchen ging, und atmete erleichtert aus. Eine riesige Last fiel von ihm ab. Nun würde alles gut werden.
Einstein kam nach einer Weile mit zwei Tellern zurück. Einen davon stellte er vor Finch ab. „Da, ich habe ihnen auch ein Stück mitgebracht. So ausgezehrt wie sie aussehen, können sie es sicher gut gebrauchen. Dann retten wir die Zeit gemeinsam.“
„Danke“, sagte Finch, „das ist sehr aufmerksam.“
Der Blaubeerkuchen schmeckte herrlich.
Finch hatte sein Stück zur Hälfte auf, als neben ihm eine Stimme erklang, die ihm seltsam vertraut war.
„Ach, hier bist du. Das hätte ich mir denken können.“
Am Tisch stand eine junge Frau mit blonden Haaren und einem freundlichen Gesicht. Er kannte sie. Er wusste nur nicht woher.
„Es ist meine Aufgabe dich zurückzubringen“, sagte sie.
Finch stand auf. So sollte also sein Rücktransport stattfinden. Ihm war nicht klargewesen, dass eine andere Person daran beteiligt sein würde. Aber er würde das machen, was ihm gesagt wurde, jetzt wo seine Mission abgeschlossen war.
Die Frau führte ihn ein Stück weit vom Tisch weg.
„Würdest du kurz warten, ich möchte noch mit dem Mann alleine sprechen.“
„Mit Einstein.“
„Ja, geht auch ganz schnell.“
„Ist das nicht gegen die Regeln?“, fragte Finch besorgt, er wollte auf gar keinen Fall, dass sein Auftrag jetzt noch gefährdet wurde.
„Keine Sorge, es ist so abgesprochen.“ Sie zwinkerte ihm vielsagend zu. Und Finch war beruhigt.

„Es tut mir leid, wenn mein Bruder sie belästigt haben sollte.“ Hörte er sie sagen, als sie den Tisch erreicht hatte. „Aber er ist ein wenig verwirrt.“
„Das habe ich mir schon gedacht. Ich habe auch jemanden in dieser Einrichtung. Da habe ich einfach mitgespielt, er scheint ein anständiger Kerl zu sein.“
„Danke für ihr Verständnis. Die Menschen reagieren nicht immer so.“
„Wir haben uns nett unterhalten. Er hat mir ein wenig leidgetan, er wirkt so verloren.“
„Ja, sie müssen wissen...“, die blonde Frau, die vorgab seine Schwester zu sein, hielt inne, schaute sich kurz nach ihm um und fuhr dann leiser fort, „mein Bruder wurde auf einem Bahnsteig durch Betrunkene halbtot geschlagen und musste mitansehen wie seine Verlobte vor die einfahrende Bahn gestoßen wurde. Die davongetragene Kopfverletzung hat ihn verändert. Zeitreise ist seine Art damit umzuge-hen. Es ungeschehen zu machen.“
„Verstehe.“ Einstein wirkte auf einmal sehr betroffen.

Finch hatte keine Ahnung, warum sie ihm dieses Lügenmärchen auftischte, aber wahrscheinlich war es eine Art der Schadenbegrenzung. Er hatte einfach zu viele Informationen preisgegeben.
Beim nächsten Mal würde er es besser machen.

Finch sah, wie Einstein seine angebliche Schwester beim Arm nahm.
„Wenn ich mal wieder hier sitze, dann darf ihr Bruder gerne wieder mit mir Blaubeerkuchen essen. Es hat Spaß gemacht, für eine halbe Stunde Albert Einstein zu sein.“
Dann steckte Einstein seine Zunge heraus.
Und die Zunge war ganz blau.

1 Kommentar/e

1. Krueger, Barbara 02.09.2013 13:04h 
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Eine ganz entzückende augenzwinkernde Geschichte, die nach meiner Meinung den 1.Platz verdient hätte!

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