Literatur-Nachrichten

Zwischen Staub und Regenbögen

Von Yasmina GadEs regnet gerade zum ersten Mal seit der letzten Bombe und der schwere Geruch von Regen, der sich mit Staub vermischt, liegt in der Luft, als Hugo den Lolli findet. Zuerst sieht er bloß einen bunten, leuchtenden Fleck im Straßendreck, halb verdeckt von einem Trümmerstück.

War wahrscheinlich mal ein Dachziegel. Hugo bleibt stehen. Die anderen Kinder haben nichts bemerkt, johlend rennen sie die Straße hinauf, um sich das zerbombte Haus anzusehen. Hugo sieht ihnen nach, einen Moment hin- und hergerissen zwischen seinen Freunden und dem leuchtenden Fleck; dann hockt er sich kurzerhand hin und betrachtet das Ding von Nahem.

Zuerst erkennt er es überhaupt nicht. Es ist einer dieser flachen, schneckenförmigen Lollis, so groß wie eine Kinderfaust und eingepackt in knisterndes Plastik, das unten von einer roten Schleife zusammengehalten wird. Hugo zieht die Nase hoch und wischt sich ein bisschen Rotze vom Gesicht, dann greift er langsam nach dem Ding. Er legt den Kopf zur Seite und dreht es hin und her.

„Ein Lolli“, murmelt er. „Ein echter Lolli!“

Es ist nicht so, dass Hugo noch nie einen Lolli gesehen hat. Der Laden am Ende von der Straße, wo er wohnt, verkauft winzige rote Kirschlutscher. Er hat mal swelche zum Geburtstag gekriegt, aber das ist schon lange her, mindestens tausend Jahre.

Aber so einen Lolli hat er vorher noch nie gesehen, nur in dem einen Buch. Es ist ein Bilderbuch über etwas, das man Jahrmarkt nennt. Da gibt es Dinge, die so zauberhafte Namen haben wie Zuckerwatte und Karussell und Magier und Magenbrot, und dazu diese Bilder … so viele Leute mit glühenden Gesichtern und alles ist so bunt, so bunt, dass Hugo beim Ansehen immer das Gefühl hat, selber ein bisschen bunter zu werden.

Und da gibt es auch Bilder von solchen Lollis, das weiß er genau.

„Lolli“, sagt er nochmal, weil das Wort so schön hüpft. Er bewegt das Ding ganz nah zu seinen Augen, bis er nur noch verschwommene Regenbögen statt der kaputten Straße sieht, und dann wieder zurück, hin und her. Er kichert. Der Regen läuft ihm in den Nacken, aber er achtet nicht darauf.

Er will gerade beginnen, das Plastik abzuwickeln, als plötzlich wie aus dem Nichts eine Hand auftaucht und ihm den Lolli wegreißt. „Hey!“, schreit er und richtet sich rasch auf. Da, ein Mädchen, das fortrennt!

„Hey, bleib stehen! Das gehört mir!“ Hugo nimmt die Verfolgung auf. Das Mädchen ist schnell und geschickt, es springt über die Trümmer wie ein Reh. Ihre roten Zöpfe wehen hinter ihr her. Oh am liebsten würde Hugo einen fassen und kräftig daran ziehen, bis sie wimmert!

Aber auch Hugo ist flink. An der Straßenkuppe hat er sie erreicht, mit aller Kraft wirft er sich auf sie, und sie fallen beide in den Dreck und rollen auf der anderen Seite hinunter, überall ist Himmel und Straße und rote Haare, alles abwechselnd in einem verschwommenen Wirbel -

Und dann, ziemlich abrupt, bleiben sie liegen, Hugo auf dem Mädchen. Der Lolli liegt eine Handbreit neben ihrem Ellbogen. Sie stöhnt und dreht den Kopf zur Seite, und im gleichen Moment schnappt Hugo den Lolli und springt auf.

„Ha!“, ruft er im Wegrennen, „ha, das hast du dir wohl so gedacht, du Diebin!“ Kurz bleibt er stehen, um zu sehen, ob sie ihm folgt, doch sie ist nur aufgestanden und sieht ihm nach. Ihr eines Knie blutet, und in ihren Zöpfen hängt der Dreck. Hugo streckt ihr die Zunge raus und zeigt ihr dabei den Stinkefinger. „Mein Lolli! Nur meiner!“

Sie sagt nichts. Der Regen prasselt auf die schmutzige verlorene Gestalt herab und ihre Augen glänzen. Hugo dreht sich wieder um und rennt weiter, den Lolli fest an die Brust gedrückt, aber nach eine Weile wird er langsamer.

Die roten Haare schleichen sich in seine Gedanken, und diese grünen, kugelrunden Augen, die ihm nachgesehen haben. Rot und grün. Ein bunter Fleck mitten im Straßenstaub …

Er denkt weiter nach, und auf einmal ist er sich sicher, dass ein bisschen von dem Regen auf ihren Wangen auch von ihren Augen kam.

Unschlüssig guckt er den Lolli an. Dann dreht er sich um und rennt den ganzen Weg zurück, noch schneller als vorher, bis er den roten Fleck wieder entdeckt.

„Bleib stehen!“, ruft er, „hey, Mädchen!“

Sie hält an und dreht sich mit fragendem Blick zu ihm um. Schlitternd stoppt Hugo und sie sehen sich an.

„Was willst du denn noch?“, fragt sie feindselig.

Hugo streckt ihr keuchend den Lolli hin. „Wenn du – willst“, er schnappt nach Atem, „können wir – ihn uns – teilen.“

Ihre Augenbrauen gehen nach oben, aber dann ihre Mundwinkel auch ein bisschen. Sie zuckt mit den Schultern, als sei es ihr egal, ihre Augen scheinen den Lolli aber schon beinahe von alleine auszupacken.

„Da drüben ist es trocken.“ Sie zeigt auf ein halb eingefallenes Haus, das schon seit über einem Jahr unbewohnt ist. „Ich sitze da oft.“

Sie kommen durch eine leere Türöffnung rein und klettern mehr die Treppen hoch als dass sie laufen, so viele Stufen fehlen schon. Oben setzen sie sich an die Fensteröffnung, im Schneidersitz, gegenüber. Es riecht nach kaltem Stein und nasser Asche.

„Ich mache ihn auf“, sagt Hugo. „Dafür darfst du als erstes lecken.“

Sie nickt, während sie mit ihrem Ärmel ein bisschen Blut von ihrem Knie wischt.

Ganz langsam öffnet Hugo die Schleife und steckt das rote Bändchen sorgfältig in seine Hosentasche. Dann entfernt er das glänzende knisternde Plastik.

„Wie nennt man das überhaupt?“, fragt das Mädchen,.

„Das ist ein Lolli“, sagt Hugo stolz und hält ihn ihr hin.

„Woher weißt du das?“ Sie leckt vorsichtig über die harte Zuckermasse, dann hellen sich ihre Augen auf und sie leckt noch einmal.

„Aus einem Buch.“ Hugo streckt die Hand aus. „Jetzt lass mich!“

Widerstrebend reicht das Mädchen ihm den Lolli. Er glänzt schon von ihrer Spucke. Hugo berührt ihn zuerst nur mit der Zungenspitze, dann schleckt er einmal drüber. Der süße Geschmack haftet auf seiner Zunge, scheint einen winzigen Moment dort zu verweilen, bevor er sich in seinem ganzen Mund ausbreitet. Hugos Augen werden ganz groß vor Glück. Genauso hat er sich den Geschmack vom Jahrmarkt vorgestellt.

„Was war das für ein Buch?“, fragt das Mädchen.

„Über einen Jahrmarkt.“

„Jahrmärkte!“ Sie lächelt, diesmal ganz breit. Ihre Sommersprossen verschieben sich und   schmelzen ineinander. „Davon hat mir mein Vater mal erzählt. Da gibt es Schießstände und Luftballons und Riesenräder und tonnenweise Süßes, so viel wie man sich gar nicht vorstellen kann!“

„Und Zuckerwatte und Magier und Karussells.“ Hugo grinst und gibt ihr den Lolli. „Das muss fantastisch sein!“

„Warum gibt es keine bei uns?“, fragt sie, während sie leckt.

„Das habe ich meine Mutter auch mal gefragt“, antwortet Hugo. „Sie meint, früher gab es ganz oft welche, als sie ein Kind war. Aber jetzt haben wir 'harte Zeiten', und das kann sich das Volk im Moment einfach nicht leisten, sagt sie. - Gib mir den Lolli wieder!“

Sie reicht ihn rüber und zieht die Nase kraus. „Harte Zeiten. Das sagt mein Opa auch immer. Vor allem, wenn ich was Neues haben will. 'Wir leben in harten Zeiten, also steck mal zurück, Anne!'“

Sie macht die Stimme so gut nach, dass Hugo lachen muss.

Er versteht nicht recht, was die Erwachsenen meinen. Harte Zeiten? Heißt das, normalerweise sind sie weich? Weiche Zeiten. Vielleicht kann man in ihnen einsinken und kuscheln wie in einem weichen Bett. Und das Gegenteil ist dann eben … der harte Fußboden. Wenn man auf dem schläft, tut einem das Kreuz weh, und man fängt sich Splitter ein. Hugo hatte mal einen im Zeigefinger, das war wirklich schmerzhaft. Kein Wunder, dass die Erwachsenen so traurig reden, wenn es um die harten Zeiten geht!

Draußen vor dem Haus laufen ein paar Männer mit Helmen und ernsten Gesichtern vorbei, die wahrscheinlich zum dem Haus gehen, das letzte Nacht von der Bombe getroffen wurde. „Hast du den Knall auch gehört?“, fragt Hugo das Mädchen, das Anne heißt.

Sie ist gerade mit dem Lolli dran und verzieht das Gesicht. „Ja, und wie! Die Wände von unserem Bunker haben gewackelt, ich dachte, das stürzt alles gleich mit ein. Mein Herz hat ganz schön geklopft.“

„Ach was, Bunker stürzen nicht ein, sei nicht dumm“, sagt Hugo selbstsicher. Sie muss ja nicht unbedingt wissen, dass er bei dem Knall schon ein bisschen Angst gehabt hat, sogar so ein bisschen viel, dass er ein ganz klein wenig Pipi in die Hose gemacht hat.

Anne verdreht die Augen, aber sie lächelt wieder ihr Sommersprossen-schmelz-Lächeln. Irre, wie viele Sommersprossen ein Mensch haben kann!

Sie bleiben noch lange in dem Haus sitzen und teilen sich den Lolli, während draußen der Regen und der Staub zu einem dunklen, zähen Fluss werden, der munter die Straße herunterplätschert, als befände er sich in einem friedlichen Wäldchen und nicht in einer kölnischen zerbombten Straße. Bald merken Hugo und Anne, dass der Lolli ihre Zungen bunt färbt, und strecken sich lachend gegenseitig die Zunge entgegen. Ganz am Ende beißen sie das letzte, ganz dünne Stück ab und zerkauen es knirschend.

„Das war gut!“, sagt Anne zufrieden und reibt sich über den Bauch. Ihr Mund ist ganz klebrig.

Auch Hugo hat das Gefühl, überall zu kleben, vor allem innendrin, und es ist ein wahnsinnig tolles Gefühl. „Komm, wir gehen“, sagt er und streckt die Hand nach Anne aus.

Sie ergreift sie und beide sind so klebrig, dass Hugo denkt, dass sie wohl nie mehr voneinander loskommen werden. Grinsend laufen sie durch den Regen, bald sind sie völlig durchnässt, aber wen stört das schon, wenn man gerade Jahrmarkt geschmeckt hat?

Hugo zieht Anne an einem Zopf, sie schreit auf und rennt ihm hinterher. Diesmal ist sie es, die sich auf ihn schmeißt, und weil sie sowieso schon hoffnungslos dreckig sind, wälzen sie sich lachend auf dem Boden. Irgendwann liegen sie nur noch keuchend nebeneinander und lecken den letzten Lolligeschmack von ihren Lippen. Hugo blickt rüber zu Anne und begegnet ihrem Sommersprossenlächeln.

Harte Zeiten, denkt er. Was für ein Humbug!

Mit einem Mädchen im Regen einen Regenbogenlolli zu teilen, was soll daran denn schon so hart sein?

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