Literatur-Nachrichten

Die Nacht zum Tag

Von Lena HachDie Schritte wecken mich. Sie sind schwer, obwohl der Großvater in den letzten Jahren abgenommen hat, viel zu viel, wie meine Mutter sagt. Aber nicht nur das macht uns Sorgen. Ich presse mein Ohr an die Wand. Vielleicht, denke ich, vielleicht sind die Schritte so schwer, weil in jedem einzelnen neun Jahrzehnte stecken.

Manchmal legt er sich von selbst wieder hin, hat meine Mutter gesagt, am besten du wartest erst einmal ab. Bald gewöhne ich mich an den Rhythmus. Sechs Schritte geht der Großvater über die Dielen, die letzte knarrt, dann ist genauso lange nichts mehr zu hören, weil der Großvater über den Teppich läuft. Zumindest stelle ich mir das so vor. Wahrscheinlich geht er im Kreis, leicht vorgebeugt, mit auf dem Rücken verschränkten Händen.

Leg dich hin, Großvater, flüstere ich, schlaf weiter.

Es ist das erste Mal, dass ich mich um ihn kümmere; ich weiß nicht, wie man das macht. Aber heute ist der Hochzeitstag meiner Eltern, sie wollen ausgehen, Essen und Tanzen, die Nacht zum Tag machen, hat mein Vater erklärt. Deshalb bin ich angereist und deshalb liege ich hier. Ich muss an Daniel denken, der auch noch wach ist, weil seine Band heute einen Auftritt hat - in der Stadt, in der ich mittlerweile zu Hause bin. Oder versuche, zu Hause zu sein. Daniel macht es mir nicht leichter. Ich kann so oft nach meinem Handy greifen, wie ich will, auf dem Display erscheint keine Nachricht.

Die Schritte verstummen so plötzlich, dass ich den Atem anhalte. Ich lausche, aber die Sprungfedern vom Großelternbett sind nicht zu hören. Ob der Großvater sich wie ein Hund auf dem Teppich zusammengerollt hat? Ich zähle bis Zehn, als ich dann immer noch nichts höre, stehe ich auf und gehe im Nachthemd über den Flur zum Großvater. Ich klopfe an, obwohl ich mir schon denken kann, dass er nicht Herein sagt, weil er mit dem Kopf ganz woanders ist, in einer anderen Zeit. Aber ich denke, dass es sich trotzdem gehört und klopfe ein zweites Mal. Dann öffne ich die Tür.

Regungslos steht der Großvater vor dem Schrank, blickt hinein, als wäre es ein Fenster.

Großvater?, frage ich und er dreht sich um. Seine Augen verändern ihre Farbe, als er mich zu erkennen glaubt und Marie sagt.

Ich bin zu müde, um ihm zu sagen, dass Marie gerade die Nacht zum Tag macht und dass ich doch seine Enkelin bin, sein Engel mit B davor,  was macht das auch für einen Unterschied.

Marie, sagt der Großvater noch einmal und beginnt das Lied zu summen, das er für meine Mutter immer gesungen hat, Mariechen saß weinend im Garten. Ich wünsche mir, ich wäre Mariechen. Dann wüsste ich den Text und könnte dem Großvater ein Schlaflied singen.

Er schaut wieder in den Schrank, eine Seite ist leer. Und obwohl ich selbst meiner Mutter geholfen habe, die Röcke und Blusen zum Container zu bringen, überrascht mich die Leere, sie ist mir unangenehm. Den Großvater stört etwas anderes.

Marie, wo ist meine Schürze?

Ich weiß nicht, wo seine Schürze ist, ich weiß nicht einmal, welche Schürze er meint. Aber trotzdem helfe ich dem Großvater bei der Suche, wir schauen in jede Schublade, in jedes Fach. Ich ziehe mich sogar am Schrank hoch, um oben nachzusehen. Aber die Schürze finden wir nicht.

Der Großvater zuckt mit den Schultern, Dann muss es halt ohne gehen.

Was muss ohne gehen?, frage ich, aber der Großvater antwortet nicht. Er läuft aus dem Zimmer, die Treppe herunter.

Wenn er sich nicht von selbst wieder hinlegt, musst du ihn eben überreden, hat meine Mutter gesagt. Der Großvater braucht seinen Schlaf. Aber ich finde, der Großvater sieht nicht müde aus. Er ist wacher als am Nachmittag, als ich gerade angekommen war und wir alle zusammen Kaffee trinken wollten.

Wie soll es auch anders sein, wenn einer sein halbes Leben lang nachts aufstehen musste, um aus dem Haus und ins Geschäft zu gehen?

Der Großvater hat seinen Hut von der Garderobe genommen und aufgesetzt,

jetzt starrt er auf das Schlüsselbrett.                                          

Marie, sagt der Großvater, ohne sich zu mir umzudrehen. Er scheint zu spüren, dass ich hinter ihm stehe. Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen.

Marie, wo ist der Schlüssel?

Was für ein Schlüssel, denke ich, und weiß genau, was er meint. Den Schlüssel fürs Geschäft. Auf dem Weg zum Bahnhof bin ich daran vorbeigekommen; die großen Scheiben sind mit Packpapier beklebt, Zu vermieten steht darauf. Aber davon weiß der Großvater nichts, oder er will nichts davon wissen.

Hast du auf die Uhr gesehen?, fragt er.

Ich nicke. Es ist kurz nach drei. Wahrscheinlich sitzt Daniel in diesem Moment mit seinen Kumpels an irgendeiner Theke, trinkt irgendein Zeug. Wenn er genug getrunken hat, wird er mir vielleicht doch noch schreiben, oder er ruft an. Daniel wird kaum zu verstehen sein, aber ich werde ihm trotzdem zuhören, weil es besser ist, als allein zu sein.

Der Großvater zieht das Oberteil seines Schlafanzugs zurecht.
Und weißt du auch, welcher Tag heute ist?

Freitag, sage ich.

Genau, sagt der Großvater, Und morgen ist Samstag.  Da wollen die Leute doch ihre Brötchen. Da müssen wir doch ins Geschäft.

Ich hake mich bei dem Großvater unter, er sträubt sich. Erst, als er merkt, dass ich ihn nicht die Treppe hoch, nicht zurück ins Bett bringen will, lässt er sich führen. In der Küche angekommen, sage ich, Lass uns doch hier backen.

Der Großvater schaut von mir zum Ofen und wieder zurück. Zuerst zieht er die Augenbrauen nach oben, dann folgen die Mundwinkel.

Bengel, sagt er, hol das Mehl.

Später bin ich es, die nicht einschlafen kann. Ich denke an den Teig, der in meinen Haaren klebt, an das Rezept, das der Großvater auswendig wusste, an  mein Handy, das ich ausgeschaltet habe, weil ich nicht mehr auf Daniel warten werde, und ich denke an meine Eltern, die bald vom Tanzen nach Hause kommen werden.  Müde und hungrig.

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