Literatur-Nachrichten

Und weg bist du

Von Birgit HedemannHeute ist er gekommen. Es ist der Tag, an dem ich mein Versprechen einlösen werde. Ein Versprechen, das wir uns vor 45 Jahren gegeben haben. Ich sitze auf dem Balkon und schlürfe meinen heißen Kaffee. In den Feigenbäumen sitzen Vögel, die ich nicht kenne, und trällern ihr Morgenlied.

Du wälzt dich unruhig im Bett hin und her. Die Reise hierher gestern war anstrengend für dich. Obwohl der Flug nur drei Stunden gedauert hat, hast du ihn kaum aushalten können. Du hast die ganze Zeit »Über den Wolken« von Reinhard Mey gesungen. Die anderen Fluggäste waren peinlich berührt. Ich habe ihre Blicke kaum ertragen können. Du hast ihnen freundlich zugewinkt und der Stewardess auf den Hintern geklopft. Von Malta aus mussten wir dann die Fähre nehmen. Der Helikopter wollte dich nicht mitnehmen, weil du dich nicht anschnallen wolltest. Deine Kraft, wenn du etwas nicht willst, erstaunt mich immer wieder. Ich reibe mir die blauen Flecken an meinem Oberarm.

Ich werfe einen Blick in das Wohnzimmer. Das Appartement hat sich in all den Jahren kaum verändert. Die Wände bestehen aus den landestypischen hellgelben, großen Steinen. Die Möbel sind neu, aber immer noch einfach. Leise surrt die Klimaanlage. Mein Blick fällt auf das Fliegengitter am Schlafzimmerfenster. Das gab es vor 45 Jahren noch nicht. Ich muss daran denken, wie du mühsam eines provisorisch am Fenster befestigt hast, um mich vor den kleinen Stechfliegen zu schützen. Es war unsere Hochzeitsreise. Jung und beschwingt ahnten wir noch nichts von dem, was uns in den nächsten Jahrzehnten bevorstehen würde. Damals war alles auf Anfang gestellt. Wir fühlten uns wie Könige. Unsere ganzen Hoffnungen lagen ausgebreitet wie ein Stapel bunter Fotos vor uns.

In der Ferne bellt ein Hund. Ich nehme noch einen Schluck Kaffee. Aus dem Schlafzimmer tönt dein rasselnder Atem. Mit einem Male macht sich eine wohltuende Ruhe in mir breit. Sie kriecht von den Füßen hinauf, bis sie warm auf meinen Schultern hockt. Mir wird regelrecht schwindelig. Ich hole tief Luft. Ich bin am Ziel, ich habe es geschafft - nur noch ein paar Schritte.

Die letzten Tage waren so anstrengend mit all den Vorbereitungen. Vieles musste geregelt werden. Du hast sofort gespürt, dass etwas anders ist als sonst, und warst sehr unruhig. Hast immer wieder meine Nähe gesucht. Dann wurdest du wütend, weil du nicht verstanden hast, was vor sich ging. Ich versuchte, so gut es ging, deinen Schlägen auszuweichen.

Meine Gedanken wandern wieder zurück. Damals, als ich den schlimmsten Sonnenbrand meines Lebens hatte. Damals, als du mir das Schnorcheln beigebracht hast und wir uns an den bunten Fischen gar nicht sattsehen konnten. Damals, als wir am Hafen in einer Pizzeria Pizza mit Würstchen aßen und uns über die Kombination schlapp lachten. Damals, als kleines Leben in mir wuchs und wir noch nichts davon ahnten. Das kleine Leben führt jetzt längst sein eigenes Leben. Hastig und oberflächlich, wie die heutige Zeit es mit sich bringt. Sie und ihre beiden Geschwister leben in ihrer eigenen Welt. Da ist kein Platz für Windeln und Schnabelbecher.

Die Schlafzimmertür knarrt. Dort stehst du. Splitterfasernackt. Ich ahne Schlimmes. Als ich auf dich zugehe, bestätigt der Geruch von Kot und Urin meine Vermutung. Ich streiche dir über das Gesicht. Unwirsch fegst du meine Hand beiseite.

»Wer sind Sie? Was machen Sie hier? Wo bin ich?«

»Du bist im Urlaub. Alles ist gut.«

Vorsichtig führe ich dich am Oberarm ins Bad. Ich bin froh, dass du ohne zu murren in die Wanne steigst. Du genießt den warmen Wasserstrahl auf deiner Haut. Ich streiche über deinen Rücken. Die Schulterknochen schauen knöchern hervor. Damals war ich glücklich, einen so gut gebauten Mann zu haben. Am Strand haben sich alle Frauen nach dir umgedreht.

Es ist mühsam, dich aus der Wanne zu hieven. Die Haltestangen fehlen. Deine Fingernägel graben sich in das Fleisch meiner Oberarme. Ich unterdrücke einen Aufschrei.

Ich drücke dir einen Kamm in die Hand. Mechanisch beginnst du, dein Haar zu kämmen. Währenddessen verpacke ich dich in eine Windel. Deine Augen sind mit dem Verfolgen eines Brummers beschäftigt, sodass du keine Notiz von mir nimmst. Die kurze Hose und das karierte Hemd lassen sich zum Glück leicht anziehen.

Ich führe dich auf den Balkon. Ich stelle die bereits vorbereiteten, kleingeschnittenen Brote und den Schnabelbecher vor dir hin. Ich drücke dir eine Gabel in die Hand. Wie du früher am PC mit dem Finger die Tasten eingekreist hast, so kreist jetzt die Gabel über das Brot. Während du mit der Jagd auf dein Brot beschäftigt bist, gehe ich ins Schlafzimmer. Ich öffne das Fenster weit, um den Geruch hinauszuschicken. Dann ziehe ich das Bett ab wie jeden Morgen.

»Was machen Sie da?«

»Ich mache dein Bett frisch. «

»Was haben Sie in meiner Wohnung zu suchen! Sie haben meine Brille gestohlen!«

Du stehst im Bad und hast die Zahnpasta wie Creme in deinem Gesicht verteilt. Mit der einen Hand versuche ich, deine Schläge abzuwehren, mit der anderen reinige ich dein Gesicht.

»So, nun nimm die Bürste und putz die Zähne. Immer schön im Kreis. Ja, so ist es gut. Nimm den Becher. Nimm einen Schluck. Nein, nicht runterschlucken. Nimm noch einen Schluck und spül deinen Mund aus.«

Ich führe dich zum Sofa und drücke dir deinen Stoffhasen in die Hand. Unablässig kneten deine Hände seine Ohren. Ich packe zwei Wasserflaschen in den Rucksack und deine Lieblingskekse. Butterkekse.

»Wann fahren wir nach Weihnachten?«

»Gleich. Ich muss nur noch ein paar Sachen zusammensuchen.«

Ich stecke deine dreckige Wäsche in eine große Plastiktüte. Als ich aufblicke, stopfst du gerade deine Windel in die Sofaritze.

»Was machst du da?«

»Ich brauche das Ding nicht mehr!« Erbost blickst du mich an. Deine Beine sind nass.

Ich lege den Schlüssel, die Flugtickets und unsere Ausweise auf den Tisch. Daneben den Brief an unsere Kinder, den ich gestern Abend geschrieben habe.

Ich ziehe dir die Jacke über.

»Wann kriege ich Frühstück? Ich habe heute noch gar nicht gefrühstückt!«

»Komm, wir gehen frühstücken. Da ist ein nettes Lokal am Hafen.«

»Gehen wir jetzt nach Weihnachten?«

»Ja, jetzt gehen wir nach Weihnachten!«

Ich ziehe die Tür hinter uns ins Schloss.

Du bist gut zu Fuß. Ich habe Mühe, mit dir Schritt zu halten. Am Hafen kaufe ich uns eine Blätterteigtasche mit Spinat und Schafskäse. Die haben wir damals immer so gerne gegessen. Du zerkrümelst deine zwischen den Fingern. Die Vögel freuen sich.

»Ich will nach Hause!«

»Komm, wir gehen jetzt nach Weihnachten!« Ich greife deine Hand.

Ein Strahlen geht über dein Gesicht. Ich drücke dir einen Kuss auf die Wange. Du schubst mich beiseite.

Der Aufstieg ist mühsam. Eine Treppe führt hinauf. Obwohl du immer noch sehr sportlich bist, müssen wir alle 10 Stufen Halt machen. Dann gibt es zur Belohnung einen Butterkeks. Ich rieche den süßen Keksatem aus deinem Mund. Dein Blick ist leer. Ich betrachte die Eidechsen, die sich auf den Steinen sonnen. Damals haben wir versucht, eine zu fangen. Es ist uns nicht gelungen. Sie waren so flüchtig wie der Augenblick, wie das Leben.

Wir sind oben. Der Blick von der Klippe ist einzigartig. Eine Familie macht hier oben ein Picknick. Wir setzen uns auf einen Felsvorsprung und warten. Du bist erschöpft und schläfst ein. Schwer liegt dein Kopf auf meiner Schulter. Ich schließe meine Augen und atme deinen Geruch ein. Ich nehme deine große Hand in die meine und streichel sie. Fast könnte ich meinen, dass es wie damals war.

Endlich ist die Familie mit dem Picknick fertig und bricht auf. Als ich ihre Stimmen nicht mehr hören kann, wecke ich dich sanft mit einem Kuss. Ich streichel dir über das Gesicht.

»Wo sind wir?«

»Nur noch einen Schritt bis Weihnachten.«

»Bis Weihnachten?«

Ich nicke. »Komm!«

Wir stellen uns an den Rand der Klippen. Unter uns liegt das dunkelblaue Meer. In der Bucht von Xlendi hüpfen die Fischerboote wie bunte Punkte. Eine leichte Brise weht durch unser Haar. Wir stehen uns gegenüber. Ich fasse deine beiden Hände. Ich lege meinen Kopf an deine Schulter.

»Nur noch einen Schritt bis Weihnachten.«

Und dann machen wir unseren letzten Schritt - gemeinsam.

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