Literatur-Nachrichten

Davon gekommen

Von Angelika HorenburgNacht. Die Sirenen heulen. Es kracht. Bomben. Die Fensternscheiben zersplittern. Schnell, schnell, ruft meine Mutter. Barfuß und im Nachthemd rennen wir aus unserer Wohnung über  viele Scherben hinunter in den Keller. Der ist ganz dunkel.

Gleich vorne muss das alte Sofa stehen, auf dem wir bei Alarm sitzen.  Die Bomben pfeifen. Es tut in den Ohren weh und schneidet im Magen. Ich halte mir die Ohren zu. Das hilft nichts. Bei jedem Krachen wird ein Haus zerstört. Der Fußboden zittert immerzu. Jemand sagt, wenn die Wasserleitung getroffen wird, läuft der ganze Keller voll. Wir werden ertrinken. Ich darf keine Angst haben. Wir müssen tapfer sein, sagt meine Mutter. Ich sitze ganz steif. Das Krachen geht immer weiter. Plötzlich Stille. Dann die Sirene mit dem hohen Ton. Entwarnung. Die feindlichen Flugzeuge sind fort. Keiner rührt sich im Keller, obwohl wir doch noch leben. Endlich macht jemand das Licht an. Es blendet. Wir gehen nach oben zur Haustür. Keiner will der erste sein, der sie öffnet. Keiner will nachschauen, ob unser Haus  brennt.

Nie kann ich es vergessen. Wir standen vor unserem eigenen unversehrten Haus. In den dunklen Frühmorgenhimmel stachen grelle Flammen. Sie schlugen aus den Häusern der benachbarten Straßenzeile wie spitze Zungen, wenige zuerst. Nach kurzer Zeit vereinigten sie sich mit stiebenden Funken zu einem höllischen Spiel, übersprangen Hindernisse, ergriffen, was sich ihnen in den Weg stellte. In einer Feuerlohe wurden die Dächer zu Gerippen, die sich aus der Glut streckten und wanden. Wie winterstarre Äste griffen die Sparren in die Luft. Brennende Balken schleuderten sich anscheinend selbst  empor, als wollten sie dadurch der Katastrophe entfliehen, stürzten sprühend herab, setzten die nächsten Stockwerke in Brand. Flammen züngelten aus Fenstern und Türen, besetzten die Wohnungen, ernährten sich von Betten Schränken und Tischen. Die Gier des Feuers kannte keine Grenzen, es fraß, es leckte sich die Lippen, es verschlang in wenigen Stunden das üppige Mahl einer ganzen Straße. Langsam erschien von Osten her erste Morgenröte. Der von der Feuerglut erhellte Nachthimmel verblasste. Die Sonne stieg über den Bäumen des nahen Parks auf und kündete einen strahlenden Sommertag an. Das Himmelslicht trat an gegen das von Menschen gezündete zuckende Flammenlicht, drängte es zurück, bis es seinen grellen Glanz verlor. Doch aus der brennenden Innenstadt stiegen Ruß und Asche hoch. Eine schwarze Wand schob sich empor. Hoch im Zenit trafen Tag und Nacht  aufeinander, zwischen beiden  eine scharf gezogene Grenze. Wie eine Bogensehne durchschnitt sie den Himmel, trennte Himmelsblau von Rußschwärze,  schluckte die Sonne. Der Tag ging unter in düsterem Grau, das den Gestank der Rauchschwaden ausatmete.

Immer hatte ein hoher Holzzaun unsere Häuser von jenen anderen getrennt. Wir Kinder hatten durch die Astlöcher gespäht. Es gab dort drüben nur eine spärliche Grasnarbe, auf der die Kinder spielten. Bei uns hingegen wuchsen große alte Bäume, auf die wir klettern konnten, wenn wir geschickt genug waren. Wir hatten viel Platz für unsere Spiele, Fangen und Verstecken. Jetzt spielte dort drüben niemand mehr.

Seit einer Woche leben wir tagsüber in der Parterrewohnung bei den Leuten, die dort zu Hause sind. Wir haben nicht mehr viel zu essen und  schauen in die  Vorratskeller von denen, die schon geflohen sind. Viel finden wir nicht, nur ein paar Marmeladengläser. Davon wird man nicht satt.  Manchmal kann man etwas kaufen. Als ich einmal zum Milchholen geschickt werde, schlägt auf der Straße eine Granate ein. Die Scheiben von dem Laden stürzen ein. Uns im Laden ist nichts passiert. Nur die Frau hinter der Theke ist ganz blass und zittert, als sie die Milch wieder aus der großen Kanne ausschöpfen will. Nachts gehen wir zum Schlafen in den Keller. Da haben sie Betten aufgestellt. Die Erwachsenen sprechen davon, dass wir von den Russen eingekesselt sind. Keiner kann in unsere Stadt mehr herein, keiner heraus. Mein Freund aus der unteren Wohnung und ich gehen manchmal  zu den Soldaten, die ganz in unserer Nähe ihre Kanonen aufgestellt haben. Sie schenken uns Schokolade. Wenn sie mit ihren Kanonen schießen, zerspringen die letzten Fenster, die noch ganz sind. Einmal verteilt der Mann aus der Parterrewohnung Rasierklingen an die Frauen. Ich weiß, weshalb er das tut. Nein, das dürft ihr nicht! schreie ich. Nach vier Wochen heißt es, wir können jetzt doch fliehen. Eine von den Frauen ist sehr krank. Wir ziehen sie auf einem Schlitten hinter uns her. Meine Mutter und ich schleppen abwechselnd einen Koffer bis  zu einer großen Halle. Da warten wir mit vielen anderen Menschen. Auf dem Betonfußboden liegen Reste von dreckiger Holzwolle. Die kratzen wir zusammen für die Nacht. Aber wir können nicht schlafen. Der Boden ist hart und kalt.  Am nächsten Tag steht auf den Gleisen in der Nähe eine Lokomotive mit lauter Güterwagen. Wir steigen ein  und hocken uns auf den Boden. Dann fährt der Zug, bleibt stehen, fährt, bleibt stehen. Stundenlang. Keiner traut sich hinaus, um zu pinkeln. Man weiß ja nie, wann es wieder weiter geht. Dann wäre man draußen, der Zug fährt ab und man bleibt ganz alleine zurück. Die Männer im Waggon schieben die schwere Tür beim Fahren auf und pinkeln nach draußen. Aber der Fahrtwind treibt alles wieder herein. Die bei der Tür sitzen, werden nass. Alle schimpfen. Endlich fährt der Zug in einen Hafen, wo ein kleines Schiff für die Flüchtlinge bereit steht. Alles rennt, um einen Platz zu bekommen. Sie drücken und stoßen sich. Der Dampfer ist überladen. Dann fährt das Schiff aus dem Hafen hinaus. Im braunen Wasser treibt etwas heran, das wie eine große lilasilbrige Blase aussieht. Im Näherkommen sehe ich, dass die Blase einen Pferdekopf und Hufe hat, die ab und zu aus dem Wasser nach oben steigen. Das aufgeblähte Pferd schaukelt. Ich muss immerzu hinschauen, bis es verschwindet. Dann sehe ich nur noch hohe Wellen. Der Sturm heult und der Frachter schlingert. Wir wissen gar nicht, wo wir hinfahren. Nach langer Zeit erreichen wir einen großen Hafen, der ganz verstopft ist mit vielen weißen Ausflugsdampfern und Kriegsschiffen. Kanonenrohre ragen aus den Decks. Unser kleines Schiff klemmt sich dazwischen durch und findet einen Platz zum Ankern. Wir steigen aus. Überall rennen Flüchtlinge umher und wollen einen Platz auf einem der großen weißen Schiffe haben. Wir balancieren über schmale Planken von einem voll gestopften Schiff auf ein nächstes. Plötzlich sehe ich eine Schulfreundin. Ich winke ihr. Weiter, weiter, sagt meine Mutter. Ich werde von der Menge geschoben bis zu dem dritten weißen Schiff, das  mitten in der Fahrrinne liegt.

Ich erinnere mich. Wir bekamen einen Platz im ehemaligen Speisesaal des Schiffes. Es gab Bänke und Tische und große Fenster, durch die wir auf das Treiben draußen schauen konnten. Immer mehr Menschen drängten herein und bald war das Schiff so überfüllt wie alle die anderen. Alle warteten. Keines legte ab. Irgendwann setzte sich unser Schiff als einziges in Bewegung. Mühsam zog der Bug durch die schmale Wasserrinne, wich Hindernissen aus, manövrierte durch Lücken, und schob sich aus dem Hafen in die offene See bis zu einer Stelle, an der versenkte Schiffe kieloben aus dem Wasser ragten, bombardiert, auf Seeminen gelaufen. Entsetzt starrten wir aus den Fenstern. Die Maschinen unseres Schiffes stoppten die Fahrt, Ankerketten rasselten herab. Schnell begann die Gerüchteküche zu brodeln: der Kapitän sei ohne Order aufgebrochen, jetzt warte er auf Minensuchboote als Begleitung.

Und dann kam der Bombenangriff. Wir hörten die Sirenen, die vielstimmig aus  der immer noch deutlich erkennbaren Stadt bis zu uns herüber heulten. Wir sahen die Flugzeuge im Tiefflug aus der Luft herunter schießen. Die auf unser Schiff montierten Flakgeschütze bellten, die Menschen stürzten in die unteren Stockwerke des Dampfers, krochen unter Tische und Bänke, jemand stülpte sich einen Kochtopf über den Kopf. Doch keine Bombe fiel auf unser Schiff. Die silbernen Todesvögel hatten die Stadt und den Hafen als Ziel. Dort luden sie ihre Fracht ab. Wir sahen, wie sie im Sinkflug die Bomben aus ihren Leibern ausstießen, um mit rasender Geschwindigkeit wieder aufzusteigen und in den Wolken zu verschwinden. Immer neue Geschwader rauschten heran. Wir sahen die Flammen aufsteigen. Das Krachen der Explosionen tönte bis zu uns herüber. Es nahm kein Ende. Hafen und Stadt wurden vernichtet, ausgelöscht. In einem Inferno gingen dort Schiffe und Menschen unter. Keiner konnte dem entrinnen.

Unser Schiff setzte sich in Bewegung, ohne Geleitschutz. Erleichterung paarte sich mit der  Angst, auf Minen zu laufen. Es wurde eine Reise, die acht Tage dauern sollte. Immer wieder ankerte das Schiff in der Weite des Meeres, wartete. Wusste der Kapitän nicht mehr weiter? Es gab  immer weniger zu essen, das Schiff hatte Nahrung aufgenommen für zwei Tage, nicht für eine Woche. Wir schliefen auf dem Fußboden des Speisesaales, eng aneinander gedrückt. Viele wurden seekrank. Bald verstopfte Erbrochenes Toiletten und Waschbecken, bedeckte die Flure. Gestank erfüllte das Schiff. Man konnte ihm nur entrinnen, wenn man sich Sturm und Februarkälte auf offenem Deck aussetzte. Menschen starben und wurden in Decken gehüllt über die Reling geworfen.

An einem Tag ging es wie ein Lauffeuer durch die schwimmende Insel: „Schaut dort in der Ferne, das sind die Kreidefelsen von Rügen!“ Wer konnte, eroberte sich einen Platz an den Fenstern. Das Schiff nahm zum ersten Mal auf dieser Reise Fahrt auf. Am achten Tag schob es sich in einen Hafen: Kopenhagen. Wir befanden uns in Dänemark, waren gerettet. Noch wussten wir nicht, dass uns dieses Land für die folgenden zwei Jahre in Baracken internieren würde, sechzehn Menschen in jeweils einem Zimmer. Der Krieg ging zu Ende. Wir blieben Gefangene.

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld