Literatur-Nachrichten

Die Sonja

Von Harald JöllingerDas Problem ist ja nur, dass ich sie so gern hab, die Sonja. Sonst könnt ich die Klingel einfach überhören oder sagen, ich bin nicht daheim. Aber so muss ich ihr aufmachen. Verheiratet sind wir ja auch. Fast richtig, also richtig mit Trauschein und Ringen und so, aber nix mit Kirche und Schleier.

Auch keine Trauzeugen, geht heut alles, nur wir zwei und der Standesbeamte. Halbes Jahr schon. Ihren Namen hat sie auch behalten, die Sonja.  Nix mit Zusammenleben. Und nix mit Kindern. Leute wie wir sollten keine Kinder haben. Medizinisch wär's möglich, aber besser nicht. Da sind wir uns sogar einig, die Sonja und ich. Sonst herrscht da wenig Einigkeit zwischen uns, ich könnt mich scheiden lassen, aber das Problem ist halt, dass ich sie so gern hab, die Sonja. Weiss nicht warum.

Jetzt hab ich ihr schon unten die Tür aufgemacht, muss ich auch die Wohnungstür aufsperren. Wär gemein, sie in den dritten Stock zu locken, und dann draussen stehen zu lassen.  Mein Gott die Sonja, wie die wieder ausschaut. Pinkfarbene Gummistiefel, ein Tuch um den Kopf gewickelt, wie die alten Weiber am Friedhof im Burgenland. Und das Gesicht, eh wie immer, da hilft keine Salbe mehr. Müsst man ein neues transplantieren, das können die Ärzte jetzt schon, aber welcher Hund beisst der Sonja freiwillig das Gesicht ab? Nein, kein Busserl, ich kann das nicht leiden, dass ich die Türe aufgemacht hab, ist Begrüssung genug. Verschiedene Socken hat sie an, grün und lila. Und ihre Medikamente hat sie auch wieder nicht genommen, wenn die mich nicht hätt, wär sie verloren, die Sonja. Die weiss doch, dass sie die pünktlich schlucken muss. Und mit Wasser runterspülen, nicht mit Eierlikör. Den trinkt sie so gern, drum bestell ich immer Nachschub. Ist ja doch nahrhaft, und sie ist eh so dürr, die Sonja. Das liegt sicher auch an diesem Virus.

Sie weiss genau, dass sie nicht abzuwaschen braucht, aber sie macht es trotzdem, immer wieder. Die Maschine funktioniert, da müsst ich nur diese Tabs kaufen, das mach ich nächstes Mal. Es ist besser, wenn ich das Geschirr selber abwasch, sie räumt mir immer die Kaffeehäferln zu den Wassergläsern und sortiert die Teller nicht. Und ich find dann nix. Dass sich die Sonja nicht einfach her setzen kann und wir schauen zusammen fern. In einer Stunde ist eine Sendung über Meerechsen und Warane, mich interessiert so etwas. Aber sie ist so ignorant, die Sonja. Kann keine Minute ruhig sitzen. Gut, dass es draussen regnet, sonst würde sie noch anfangen, die Fenster zu putzen. Nehm ich mir die Echsen eben auf DVD auf, schau sie mir morgen an. Da ist die Sonja bei der Therapie, da kann sie mich nicht stören. Sie hat Angst vor der Therapie, die Sonja, sie lässt sich nichts anmerken und sie sagt nichts, aber Angst hat sie doch. Drum ist sie hier bei mir. Darf eh da sein, die Sonja, weil ich sie so gern hab. Sonst hätt ich sie längst rausgeschmissen.

 

Nein, bitte Sonja, lass doch meine Zeitungen in Ruh. Ja, es ist so ein Stapel, aber das brauch ich noch, das les ich alles noch. Ja, das ist interessant, der Artikel zum Tod von Rudi Carell, der ist so lange aktuell, solange der Rudi Carell tot ist. Den kann man in zehn Jahren noch immer lesen. Schirche Viecher, sagt die Sonja. Das hab ich mir ausgeschnitten, ein Reisebericht von den Galapagos-Inseln mit Abbildungen von der dortigen Tierwelt. Sie hat so gar kein Gefühl für fremde Viecher, unsere räudigen Hauskatzen streichelt sie sogar die Sonja. Sollte sie nicht, da kann sie sich was holen. Die Zeitungen, die ich schon gelesen hab, leg ich eh im Vorzimmer zur Tür, wenn die Sonja weggeht, nimmt sie die immer mit. Und die leeren Flaschen und die Zitronenschalen und das alles. Die Sonja weiss immer, wo man das genau hineinwerfen muss.  Ja, einverstanden, wir räumen den ganzen Stapel in die alte Kiste, da liegen die Zeitungen nicht auf dem Tisch herum, und lesen kann ich sie dann noch immer. Man kann eh reden mit ihr, mit der Sonja. Drum hab ich sie so gern.

Abstauben ja, aber nichts verändern. Meine schöne DVD-Sammlung. Die Sonja kapiert nicht, dass das alles in einer für Laien unverständlichen, aber mir nachvollziehbaren Ordnung steht. Links ist der zoologische Bereich. Dann die Filme mit Marilyn Monroe. Und ganz rechts ist der Kottan, Hartlgasse 16a. Da hab ich mitgespielt, in der einen Szene in der Mitte geh ich über die Strasse, da hab ich hundert Schilling dafür bekommen, war viel Geld damals. Vierunddreissig mal bin ich über die depperte Strasse gegangen. Möglichst leger. Seit drei Jahren hab ich die DVD jetzt, seit drei Jahren will ich die der Sonja zeigen, damit sie auch sieht, wie ich als Junger war. Aber sie räumt lieber zusammen, staubt lieber ab, sortiert, saugt Staub, immer in Bewegung. Sie ist so gar kein Kuscheltyp. Aber ganz ohne Sonja, wär auch schlecht, ich hab sie ja doch gern. Nicht umschlichten, sie soll die DVDs stehen lassen. Sonst will ich mir doch einmal den Kottan anschauen mit ihr, und dann ist dort der Film über das Paarungsverhalten der Warzenkröten. Sie versteht das nicht, die Sonja, oder sie will mich nicht verstehen. Ich glaub sie versteht mich wirklich nicht, die ist so drinnen in ihrer Putzerei wie die Bobfahrer im Eiskanal, die schaun auch nicht nach links oder rechts.

Nein, die Schuhe muss man nicht polieren. Die werden eh wieder dreckig, wenn ich raus geh. Hie und da geh ich ja doch noch raus. Die Sohle hab ich wieder angeklebt, hält auch. Mit Tixo, das ist durchsichtig, das fällt nicht auf. Ja, da hab ich noch so einen alten Kleber. Uralt. Patex. Ja, probieren wir's halt, hat vorher mit dem Tixo auch gehalten. Zwanzig Minuten trocknen lassen. Setz ich mich runter zur Sonja auf den Boden. Ganz dürr ist sie, ich hol ihr so einen Eierlikör, ein grosses Glas. Essen will sie fast nichts und beim Trinken ist sie eher eine Nipperin, aber den Eierlikör, den kippt sie runter. Sind viele Nährstoffe drinnen und Vitamine von den Eiern. Das ist sicher gesund für sie. Ruhiger wird sie auch davon.

Ja, das sind Fotos. Vom Hubert, meinem Bruder, hat er mir geschickt. Sind seine Kinder, Zwillinge, alle beide. Nein, den fahr ich nicht besuchen. Ich weiss, dass Wien nicht weit ist, aber mein Bruder ist ein Arsch. Sowas besuch ich doch nicht. Dann fragt er mich wieder, ob ich bei ihm im Porsche mitfahren will, der Angeber. Zeigt mir die Fenster, die man elektrisch öffnen kann. Nein, nicht beim Auto, das hat heut jeder, im Haus dort. Am Dach hat er so ein Solarzeug, Ökologie und so, ein richtiger Grüner. Ja, ein Grüner mit Porsche, ich sag ja ein Arsch. Und die Frau Gemahlin, also meine Schwägerin, Steuerberatungskanzlei. So schaut sie auch aus. Solange der Hubert dabei ist, scheissfreundlich, grad, dass sie mich nicht füttert mit dem grauslichen Sushi. Und ohne Hubert bin ich Luft für sie. Echt wahr, die besuch ich nicht. Die sollen wen anderen anignorieren. Die Zwillinge, hab ich nie gesehen, weiss nicht ob die lieb sind. Drei oder fünf oder so werden die jetzt sein.

Was hat sie denn jetzt auf einmal, die Sonja? Ist das vom Eierlikör oder von den Kinderfotos, da werden die Frauen immer narrisch, angewandte Biologie. Nicht, dass ich was dagegen hätte, aber da am Vorzimmerboden? Ja, ich weiss, mit Kondom, immer mit Kondom, sonst kann ich mich anstecken. Wir halten uns eh immer dran. Und jetzt lieg ich da und mit dem rechten Haxen stoss ich immer an ihre Gummistiefel in Rosa. Neben meinem Schädel der gepickte Schuh und mir steigt der Patexgeruch in die Nase. Kann man süchtig werden davon. Ja, wie immer, wenn's vorbei ist, springt sie auf, wirft das Kondom ins Klo und geht duschen. Von hinten ist sie ganz fesch. Das sieht man nicht, dass sie so dürr ist.

Ich weiss schon, dass sie nicht über Nacht bleibt, die Sonja. Wegen der Therapie morgen wird sie sagen. Hundert Euro steck ich ihr in die Handtasche, damit sie manchmal auf einen Kaffee gehen kann. Oder auf einen Eierlikör.

Auf RTL ist am Abend ein Film über die artgerechte Haltung der Leguane in Deutschland. Also kein Problem. Das Problem ist nur, dass ich sie so gern hab, die Sonja.

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