Literatur-Nachrichten

Altglasreihen

Von Fiona KesslerAm Anfang hat Jasha die Flaschen noch einzeln aus dem Flur getragen. Mittlerweile nimmt er dafür die große, blaue Plastiktasche. Das Glas schlägt dann klirrend gegeneinander und das Geräusch springt zwischen die Wände. Von oben ruft der Vater nach Ruhe

Nachts tanzt der Vater manchmal wankend im Kreis, während der Fernseher läuft. Wenn er fällt, dann flucht er, bis er irgendwann auf dem Teppich einschläft. Jasha sieht ihn am Morgen dort liegen, ehe er das Haus verlässt.

In der Schule lernen sie heute Englisch. Die Buchstaben sind noch ungewohnt, runder irgendwie als die kyrillischen Zeichen. Draußen ist gerade der Schnee geschmolzen, aber der Boden ist noch immer kalt und im Schatten der Bäume fest gefroren. Jasha sitzt in der Pause auf der Bank und sieht den Mädchen beim Seilspringen zu. Ana winkt ihm, aber er schüttelt den Kopf und blickt in den klaren Himmel.

Im Flur bilden die Flaschen bunte Reihen. Wenn die Sonne hier durch die Fenster fällt, zersplittern die Strahlen im Glas und werden helle Punkte an den Wänden. Jasha sammelt erst die Bierflaschen, die nur dunkel und braun sind, dann die hellgrünen Weinflaschen und als letztes die durchsichtigen, die ganz leicht nach vergorenen Kartoffeln riechen. Der Vater schläft am Küchentisch, hat die Hände auf das umgekippte Bild im Rahmen gelegt und murmelt halbe Worte.

Ana hat ihren linken Handschuh schon vor Wochen verloren. „Ein Glück, dass Sommer wird“, sagt sie und lacht. Es hat geschneit am Morgen, aber liegen geblieben ist der Schnee nicht. Nun sitzen sie gemeinsam auf der Bank und sehen in den Himmel und in die kahle Krone des Baumes hinter ihnen. Jasha tauscht mit Ana sein Brot. Sie essen schweigend, bis die Schulglocke über den Hof hallt.

Wenn der Vater weint, dann weiß Jasha nicht, was er tun soll. Er steht dann nur im Türrahmen und sieht ihm zu, wie er die breiten Schultern hebt und senkt und zittert, wie er die großen Hände vor sein raues Gesicht hält, als wolle er die Tränen aufhalten. Nie geht er zu ihm, nie sagt er etwas.

Die Sonne hat die Holzdielen im Wohnzimmer aufgewärmt, soweit, dass man barfuß darüber gehen kann. Es ist still an diesem Morgen, aber Vater ist schon wach, als Jasha die Treppe hinunter kommt. Er steht dort im Wohnzimmer in den einfallenden Sonnenstrahlen und lächelt. Im Flur stehen die Flaschenreihen im Dunkeln. „Ab heute wird alles anders“, verspricht der Vater und Jasha will es diesmal wirklich glauben.

Die Schnaps- und Weinflaschen wirft Jasha in die großen Container hinten am Park. Er mag das Geräusch, wenn das Glas im Inneren zerspringt, wenn es zersplittert und sich über die anderen Scherben verteilt. Für die Bierflaschen bekommt er im Supermarkt einige Kopeken. Olga, die Dame an der Kasse, gibt ihm immer heimlich einen Marsriegel, wenn er die Pfandflaschen vorbei bringt.

„Jasha, trägst du wieder die schwere Tasche alleine?“ Gemeinsam zählen sie die Flaschen, sie auf Russisch, Jasha auf Englisch. Die braunen gibt Jasha gerne ab, das Licht bricht sich nicht schön in ihnen und zerwerfen darf man sie auch nicht. Sie werden nur in Kästen gestellt, wenn sie gezählt wurden.

Wenn der Vater wütend ist, dann versteckt sich Jasha im Garten. Hinter den Schuppen kann nur er kriechen, weil er klein und dünn ist. Hier ist das Holz trocken und staubig, zwischen den langen Zweigen der Büsche hängen Spinnweben. Jasha hört den Vater toben und seinen Namen rufen, aber er antwortet nicht. Er lehnt sich nur gegen das morsche Holz und presst die Hände über die Ohren, während der Vater im Haus nach ihm sucht und ihn nicht findet.

Als Jasha mittags nach Hause kommt, sind alle Flaschen aus dem Flur verschwunden. In der Küche läuft das Radio, auf dem Herd kocht Wasser in einem alten, roten Topf. Im Kühlschrank steht Limonade. Der Vater hat die Möbel im Wohnzimmer verrückt, das Sofa steht jetzt vor dem großen Fenster, sodass man raus in den Garten sehen kann. Die Tanne hat an den Astspitzen schon grüne Triebe.

Jasha und der Vater essen gemeinsam zu Abend, es gibt Kartoffeln und die braune Sauce, die die Mutter immer machte. Im Haus riecht es jetzt nach warmer Stärke, Jasha spült freiwillig das Geschirr. Als ihm ein Teller aus der Hand gleitet und auf dem Boden zerbricht, ist der Vater nicht wütend. Er streicht mit seiner großen Hand durch Jashas Strohhaare. „Es ist nur ein Teller“, sagt er und liest die Scherben einzeln auf.

Es ist so warm geworden, dass Ana ihre Jacke im Klassenraum liegen lässt. Jasha möchte nicht Seilspringen, also sitzen sie wieder auf der Bank unter dem großen Baum, der noch immer keine Blätter trägt.

„Wie lang der wohl noch braucht?“, fragt Ana und streicht mit den Fingern über die Rinde.

Jede Flasche klingt anders, wenn Jasha mit der Gabel dagegen schlägt. Wenn er sie verschieden hoch mit Wasser füllt, kann er Kalinka auf dem Glas spielen.

Es ist dunkel, als der Vater nach Hause kommt. Er sieht müde aus und grau, seine großen Hände tief in die Taschen geschoben. Er lässt sich auf den Sessel vor dem Fernseher fallen und schläft bis zum Morgen. Jasha leert die Flaschenreihen.

Vater kann sich manchmal nicht mehr erinnern. An Jashas Stundenplan. Daran, dass er Abendessen kochen sollte. An die Mutter. Daher ist er oft wütend. Nicht weil Jasha zu laut gespielt hat, nicht weil er einen Teller fallen ließ. Aber manchmal ist Jasha nicht schnell genug, und dann erwischen ihn Vaters große Hände, an der Wange oder an den Handgelenken. Abends kann er dann die blauen Flecken zählen. One, two, three.

Noch nie hat Vater eine blaue Flasche mitgebracht.

Olga sortiert heute Regale ein, ihre Schürze ist vorne ganz dreckig von den staubigen Verpackungen abgelaufener Lebensmittel. „Nur so wenig Flaschen?“, fragt sie und sieht auf die halbvolle Plastiktüte in Jashas Händen. Schokolade gibt es trotzdem. Von dem Pfandgeld kauft Jasha sich später noch eine Handvoll Kirschen. Als er den Supermarkt verlässt, steht Olga draußen und raucht. Sie winkt zum Abschied und sieht ihm nach, bis er in der Seitenstraße verschwindet.

Jasha bringt nicht mehr alle Flaschen aus dem Flur zum Supermarkt. Einige stiehlt er heimlich, früh morgens, wenn der Vater noch schläft, schält die Etikette mit verdünntem Spülmittel ab und versteckt sie hinter dem Schuppen im Garten. Später füllt er die Flaschen mit Wasser auf, gerade so hoch, bis ihm der Ton gefällt. Wenn der Vater ihn nicht hören kann, dann spielt er wieder Kalinka.

Der Garten ist ein Dschungel, Ana möchte gerne Forscherin werden. Auf dem Balkon trinken sie Limonade und lassen die nackten Füße über den Rand baumeln. Der Sommer ist warm, die Erde und das Gras sind trocken. Drinnen ruft der Vater einen Namen, aber es ist nicht Jashas.

Der Vater sitzt in dem großen Sessel vor dem Fernseher. Draußen dämmert es, der Bildschirm wirft flackernde Lichter in den Raum, Vaters Gesicht ist weiß mit tiefen Schatten. Jasha hat die wenigen Flaschen aus dem Flur bereits zum Markt gebracht. „Jasha“, sagt der Vater und sieht ihn im Türrahmen stehen. Er streckt einen Arm aus, solange bis Jasha sich bewegt und zu ihm geht. Der Vater ist hager geworden, aber er lächelt und riecht nach Seife und dem gekochten Fleisch vom Abendessen. Er hebt Jasha auf seinen Schoß, legt seine großen Arme um seinen kleinen Körper, schiebt die schweren Finger zwischen Jashas Haare und streicht ihm leicht über den Kopf. Im Fernseher laufen die Nachrichten und danach ein Krimi, den Jasha nicht versteht. Alte Männer, die Waffen aufeinander richten, und manchmal lacht der Vater laut.

Später trägt ihn der Vater ins Bett und steht noch lange im Türrahmen zu Jashas Zimmer.

Ana wartet vor dem Supermarkt, kaut Kaugummi und macht große, rosa Blasen, die ihr ins Gesicht platzen.

Innen steht Jasha, ein Zahnlückenlächeln im Gesicht, blassblaue Flecken an seinen freien Unterarmen. In jeder Hand hält er eine Flasche. One, two. Das Glas ist schnell gezählt. Die Kopeken, die Olga ihm hinhält, will Jasha nicht haben.

„Möchtest du sonst noch etwas?“, fragt Olga, nachdem er sich den letzten Marsriegel in die Tasche gesteckt hat.

Jasha schüttelt den Kopf mit den Strohhaaren. Draußen teilt er die Schokolade mit Ana. Dann schlagen sie sich ins Gras.

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