Literatur-Nachrichten

Samya

Von Antigone KiefnerSie reißt die Augen auf, strampelt mit aller Kraft. Wasser dringt in ihren Mund. Ihre Herzschläge donnern durch den ganzen Körper. Ein Trommelrhythmus, ein Galoppieren wie eine Herde Zebras im heißen Steppenwind, in Panik, auf der Flucht vor dem Tod.

Samya sieht die rote Bahn, atemlos sprintet sie los, sie wird wieder rennen, wie damals vor vier Jahren, ihr Bestes geben, triumphierend das Ziel erreichen. Der Startschuss hatte sie hochgepeitscht, lauf, Samya lauf, gib alles, beiß die Zähne zusammen, renn um dein Leben. Und sie rannte um ihr Leben, für ein Leben, das irgendwann besser werden würde, das irgendwann Freiheit versprach, keine Raubüberfälle, aufgeschlitzten Kehlen, abgehackten Arme und Beine. Sie sprintete auf der roten Bahn ins Ziel, tausende von Zuschauern jubelten ihr zu, schlossen sie in ihr Herz. Für immer.

Samya kämpft sich hoch, kommt an die Wasseroberfläche, keucht, schnappt nach Luft. Wellen schlagen über ihr zusammen, drücken sie wieder nach unten. Sie spürt ihre Beine, sie rennen und rennen. Bis ans Ende der Welt, wenn es sein muss. Ein Talent, al’hamdulilah, ein großes Talent, von Allah in die Wiege gelegt. Mit ihren langen Beinen war sie wie eine Gazelle immer schon allen Kindern davon gesprungen. Leichtfüßig, schwerelos, mit einem Lachen im Gesicht. Ihre Füße tragen sie schneller als der Wüstenwind über Geröll, Stein und kaputten Asphalt. Uneinholbar für alle anderen in ihrem Viertel in Mogadischu, wo es weder Strom noch fließendes Wasser gibt. Wo der Obstverkauf ihrer Mutter an staubigen Straßenkreuzungen gerade zum Überleben reicht. Ihr Vater ist tot, erschossen wie ein streunender Hund, von einer Kugel, die vielleicht ihm galt, vielleicht auch einem Anderen. Wer weiß das schon. Kugeln verirren sich täglich. Treffen sie dich heute nicht, dann treffen sie dich eben morgen. Sie, Samya, würde ihm jetzt folgen, sie weiß es mit dem sicheren Instinkt eines Kaninchens, das die Schlange zu spät gesehen hat. Sie strampelt mit den Beinen, schlägt um sich, versucht wieder nach oben zu kommen, an die Wasseroberfläche. Der Weg nach Europa, hier ist er also zu Ende? Hier im salzigen Meerwasser? Italien ist nicht mehr weit. Es muss doch zu schaffen sein. Samya taucht wieder auf, schnappt nach Luft, hustet Wasser. In ihren Lungen ein Stich. Neben ihr in der Dunkelheit treibt ein toter Körper. Die Wellen spielen grausam mit ihm. Wie Katzen mit Mäusen spielen. Das Fischerboot ist verschwunden, nur ein weißer Plastikkanister schaukelt auf dem Wasser. Samya greift danach, ein winziges Stück Hoffnung. Die Küstenwache patrouilliert in dieser Gegend häufig, vielleicht hat sie Glück. Sie atmet durch. Vielleicht würde ihr Allah wieder beistehen, wie so oft in ihrem Leben. Er, den andere missbrauchen und in seinem Namen morden, in seinem Namen den Sport für Mädchen verbieten, in seinem Namen sie, Samya, mit dem Jeep jagen, Steine nach ihr werfen und ihr drohen, sie auszupeitschen und zu töten. Allahu akbar. Gott ist groß, zu groß in diesem Land, wo er eine Dürre nach der anderen schickt und die Menschen vergisst. Samya klammert sich fest an den Kanister. Sie spürt ihren trockenen Mund, schluckt und würgt, die Zunge klebt am Gaumen. Bald werden ihre Kräfte nachlassen. Heute Nachmittag war der Sturm heraufgezogen, das Boot hatte gewackelt, alle hatten durcheinander geschrieen. Männer, Frauen und Kinder. Wasser war hereingespritzt. Die Kleider klebten nass an den zitternden Körpern. Dann wurde der Himmel dunkel, der Regen prasselte mit Wucht auf sie nieder. Alle saßen eng zusammengekauert. Beteten, hofften, weinten. Und dann kam sie, die eine große Welle. Sie brach über dem Boot zusammen und begrub es unter sich. Samya hört das Splittern und Krachen der Planken, das Schreien und Brüllen und Weinen. Viele ertranken sofort, manche kämpften noch einige Minuten. Sie konnte als einzige schwimmen, war wieder empor getaucht. Jetzt zittert sie am ganzen Körper. Ihre Augen brennen. Damals vor vier Jahren in Peking. Stolz hatte sie die Fahne für ihr Land ins Stadion getragen. Ein Stadion, das nicht von Kugeln durchsiebt war. Ein Stadion mit einer wunderschönen roten Rennbahn und weißen Markierungen. Das schönste Stadion, das sie sich vorstellen konnte. „Ich renne gegen den Hass in meinem Land.“ Vielleicht der einzige Satz von ihr, an den man sich eines Tages erinnern wird. Einem Reporter hatte sie mit heiserer Stimme ins Mikrophon gesprochen, jedes Wort langsam und deutlich, damit keine einzige Silbe verloren ging.

Samya friert. Vor der nächsten großen Welle hat sie Angst. Ihr schwinden die Kräfte. London ist zu weit weg. Das Stadion dort ist sicher noch viel schöner als in Peking. Olympia, diesmal unerreichbar. Versteckt hinter einem großen Zaun. Europa hinter Barrikaden. Nur das Wasser spült hin und wieder Menschen hinein in die Festung. Wie Kanalratten in der Dunkelheit kommen manche erschöpft durch die Schleusen. Sie kennt die Geschichten. Auf dem Boot hat man sich viel erzählt. Von den drei Cousins, die nie in Spanien angekommen sind, von dem jungen Bruder, der sich bis Rom durchgeschlagen hat und jetzt Kleider auf der Straße verkauft. Samya wusste um die Gefahr. Alle wussten es. Und alle hatten sie Geld gesammelt, ihre Familie, Verwandte, Freunde, Nachbarn. Sie hatten sogar ihre geringen Besitztümer verkauft, damit ihre kleine Gazelle wieder starten konnte. Samya hatte eisern trainiert, in Shorts und T-Shirt, böse Blicke waren ihr gefolgt, als Hure wurde sie beschimpft, weil sie ihre Haut zeigte, statt sie hinter einem Schleier zu verbergen. Nachts kam sie erschöpft aber glücklich nach Hause, zwängte sich zwischen ihre Schwestern ins Bett. Zu siebt in zwei Zimmern. Ihre Brüder und Schwestern, würde sie sie je wieder sehen? Und ihre Mutter? Das Festessen am letzten Abend. Sie hatten gelacht, ihr den Sieg prophezeit. Zum Abschied hatten alle geweint. Das Ministerium hatte ihr diesmal kein Ticket ausgestellt. Im Bürgerkrieg gibt es kein Ministerium mehr, nur Granaten, Bomben, Kanonen.

Samya schaut hoch. Eine Welle spült über ihren Kopf, drückt sie nach unten. Sie verliert den Plastikkanister, strampelt, schluckt Wasser. Ihre Herzschläge donnern, galoppieren wie eine Herde Zebras. Samya sinkt in die Tiefe, sieht die rote Rennbahn, ihre Füße rennen, sie würde immer rennen. Nach Europa. Ins Ziel. Auf die Plätze fertig los.

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