Literatur-Nachrichten

Albtraum

Von Slavica KlimkowskySie schreit. Aus dem Tiefschlaf gerissen, schrecke ich hoch, schaue hinüber zu Milenas Sofa. Nichts bewegt sich. Milena ist nicht da. Seit einem Monat nicht mehr, aber ich schaue jede Nacht zuerst zu ihrem Sofa. Aus Gewohnheit. Jede Nacht, denn meine Mutter schreit jede Nacht. 

Sie hatte einen Albtraum, sagte Milena jedes Mal wenn sie aus Mutters Zimmer zurück kam, jetzt schläft sie wieder und du solltest es auch tun. Leg dich hin und mach die Augen zu.

Milena sagte einem, was zu tun war.

Ich schlage meine Decke zur Seite, stehe auf, gehe hin, meine rechte Hand macht im Vorbeigehen das Licht im Flur an. Wie jede Nacht ist Mutters Zimmertür geöffnet, ich bleibe kurz im Türrahmen stehen. Sie sitzt auf ihrem Bett, im Halbdunkeln, hält sich die Hand vor die Augen, atmet schwer, ihre Zudecke ist am Fußende des Bettes auf den Boden gerutscht. Ich mache zwei Schritte, hebe das Federbett auf und werfe es auf ihre nackten Beine.

Leg dich wieder hin, deck dich zu, schließe die Augen und versuch zu schlafen, sage ich zu ihr. Wortlos macht sie es, legt sich hin, zieht die Decke bis unters Kinn und dreht sich auf die Seite. Bis an ihr Bett zu gehen, sie sanft in die Kissen drücken, so wie Milena es tat, traue ich mich nicht mehr. Vor zwei Wochen hatte sie mich so heftig von sich gestoßen, dass ich rücklings geflogen und mit dem Hinterkopf an die Kante des Türrahmens geschlagen war. Mir war schwindlig, die Stelle am Kopf blutete und wenn ich sie jetzt anfasse, tut sie immer noch weh.

Während ich mich umdrehe, knipst meine linke Hand automatisch das Licht im Flur aus. Langsam gehe ich zurück zu meinem Schlafsofa und lege mich hin. Tausend Gedanken überschlagen sich in meinem Kopf, in dem ein einziges Durcheinander herrscht, lauter Fragen, die auf meinen Lippen brennen, in meinen Schläfen pochen, mich am Einschlafen hindern.

In einer Nacht irgendwann letztes Jahr, kam Milena aus Mutters Zimmer, ich lag da mit geschlossenen Augen und atmete regelmäßig. Eine Weile blieb sie stehen, als wollte sie sich vergewissern, dass ich auch wirklich schlafe. Dann ging sie zurück zu Mutter. Zunächst redeten sie ganz leise, kein Wort von ihrem Gemurmel konnte ich verstehen, dann wurden sie immer lauter. Du hättest es anders lösen können, wie wir alle, aber du wolltest nicht, also solltest du es ihr sagen, sagte Milena. Nein, das kann ich nicht, sagte meine Mutter. Irgendwann wirst du es ihr sagen müssen. Auf einmal erinnerte ich mich daran, wie ich ein paar Tage zuvor aus der Schule kam, die Wohnung betrat, ohne dass sie es merkten und Milena sagen hörte: Du musst es Zora sagen. Ich stand im Türrahmen und fragte: Was muss mir Mama sagen?. Sie schauten sich an, dann zu mir und Milena sagte: Wie du deinen Namen bekommen hast. Willst du es wissen?, fragte sie und lächelte. Ich lächelte und nickte. Die Geschichte kannte ich schon, aber sie erzählte sie mir nochmal. Meine Mutter schwieg die ganze Zeit.

Wer bin ich? Und wer ist diese Frau, deren Schrei mich jede Nacht   weckt, die diesen Albtraum hat, von dem ich nichts weiß? Wer ist diese dünne Frau mit müden Augen, die immerzu glänzen, als wären sie mit einem Wasserfilm überzogen, die sich wie eine Schlafwandlerin durch die Wohnung bewegt und ohne ersichtlichen Grund zu weinen anfängt und zittert, als würde sie frieren, obwohl es warm im Zimmer ist, die sich mit ihren speichelfeuchten Zähnen in die Unterlippe beißt, so lange an ihr kaut bis Blut fließt? Dann immer noch nicht aufhört. Wer ist diese Mutter, die ich seit ich sprechen kann Mama nenne, die mich nie in ihre Arme genommen hat, durch deren blasse Haut die Adern schimmern.

Mit Milena war alles anders, aber Milena wohnt seit einem Monat nicht mehr mit uns.

Ich ziehe aus, hatte sie gesagt. Wann, fragte ich. Wohin, fragte meine Mutter.

Zu meinem Freund, sagte Milena.

Du hast einen Freund? Seit wann hast du einen Freund? Mutter stand vor Milena, ihre Augen wurden immer größer, dann schaute sie Hilfe suchend zu mir. Doch ich wusste nicht, was ich hätte sagen oder tun sollen.

Schon eine ganze Weile, sagte Milena.

Wieso habe ich keinen Freund? Wie kannst du auf einmal einen Freund haben, wo kommt er her? Wir wollten immer zusammen bleiben. Mutters Stimme wurde lauter und dann wieder leiser, als sie hinzufügte: Wir sind doch immer zusammen gewesen. Immer.

Nicht immer, sagte Milena.

Ach ja, zwei Mal in der Woche schiebst du alte Frauen im Rollstuhl durch die Gegend. Hast du ihn dabei kennen gelernt. Schiebt er auch alte Frauen im Rollstuhl durch die Gegend? Mutters Stimme wurde schrill. Ach ja, du gehst auch zum Deutschkurs. Hast du ihn dort kennen gelernt?

Milena schwieg.

Du warst gar nicht Rollstuhlschieben, gib es zu, das war eine Ausrede, du hast dich heimlich mit ihm getroffen.

Mutter drehte sich um, ging zu meinem Sofa, setzte sich darauf und weinte. Milena blieb in der Mitte des Zimmers stehen.

Das stimmt nicht, sagte Milena ruhig, ging dann zu ihrem Schrank und nahm eine volle Reisetasche daraus. Wann hatte sie gepackt, als Mutter schlief und ich in der Schule war?

An uns denkst du gar nicht. Was aus uns wird.

Was soll schon werden, Zora wird weiter brav in die Schule gehen und du zur Therapie und ich bin ja nicht aus der Welt, ihr könnt jederzeit zu mir kommen, ich werde für euch da sein...Mutter unterbricht sie:

Du kannst nicht einfach so gehen, nach allem, was wir... Mutter spricht nicht weiter, sie weint. 

Mutter und Milena haben ihre Weißt-du-noch-Zeit. Sie dauerte siebzehn Jahre, in der sie im Vorort eines Städtchens Haus an Haus lebten, den gleichen Schulweg hatten, in eine Klasse gingen. Wenn sie von dieser Zeit sprechen, lachen sie und ihre Augen leuchten. 

Die Was-wir-durchgemacht-haben-Zeit umfasste zwei Tage, von denen ich wenig weiß, nur dass ihre Familien vor ihren Augen umgebracht wurden. Wie sie sich retten konnten, habe ich nicht erfahren, auch über ihre Flucht und die Zeit bis zu meiner Geburt sprachen sie nicht, jedenfalls nicht vor mir.

Wirklichkeit nannte Milena die Zeit, die danach kam und bis heute dauerte.  

Bei allem was ich getan habe, dachte ich an Milena und daran, wie Milena es gemacht hätte. Beim Einkaufen, was sie gekauft hätte, beim Kochen, wie sie es kochen und würzen würde.

Solltest du ihren Namen aussprechen oder mit ihr telefonieren, dann werde ich dir alle Zähne ausschlagen. Hast du verstanden. Sie machte eine Pause, Mutters Mundwinkel hingen herab, sie kaute auf der Unterlippe.

Natürlich habe ich es verstanden, sie hat es klar und deutlich gesagt. Ich schwieg und nickte und sie fügte noch hinzu:

Und wenn du dich mit ihr treffen solltest, dann werde ich dir beide Beine brechen. Mit großen Augen schaute sie mich an, ich nickte nochmal. Dann als wäre nichts gewesen, fing sie an von einem Nabel-Piercing zu reden.

Das tut aber weh, sage ich zu ihr.

Nein, das tut überhaupt nicht weh, sagte sie und lachte laut, lachte und lachte, konnte gar nicht aufhören zu lachen.

Beim kleinsten Schmerz jammert sie, wenn sie einen Wadenkrampf hat schreit sie, ihre Kopfschmerzen betäubt sie gleich mit starken Schmerztabletten, beim Zahnarzt wird sie nur unter Vollnarkose behandelt.

Mutter läuft nackt durch die Wohnung. Sie hat unzählige Piercings im Gesicht, an den Brustwarzen, am Nabel. Ich will schreien, doch sie kommt mir zuvor und beendet mit ihrem Schrei meinen Albtraum. Ich stehe auf, gehe zu ihr.

Als ich am nächsten Tag aus der Schule nach Hause komme, streckt sie mir ihre Hände entgegen, sie hat künstliche Nägel. Jeder einzelne ist mit einem goldglitzernden Bild verziert, nur die Nägel der beiden kleinen Finger nicht.

Das wäre dann doch zu viel, sagt sie.

Durch die ist ein Loch gestanzt, ein kleiner Ring durchzogen, daran ein goldfarbenes Herz befestigt. Es ging also nicht um ein Nabel- sondern um ein Nagel-Piercing. Wozu soll das gut sein, frage ich mich im Stillem und als hätte sie es gehört, sagt Mutter: Ich will mich als Frau fühlen.

Fühlt man sich als Frau, wenn einem Herzchen von den Nägeln der kleinen Finger baumeln?

Ich würde gerne einen Kaffee trinken, sagt sie. Übersetzt bedeutete das, ich soll den Kaffee kochen. Also gehe ich in die Kochnische, fülle die Moccatasse mit Wasser und gieße es in die Cezve ein, wiederhole das drei Mal, gebe drei Teelöffel Zucker dazu, stelle die Cezve auf die Kochplatte und warte bis das Wasser anfängt zu kochen, nehme es dann von der Platte, tue drei Teelöffel feingemahlenen Kaffee hinein, lasse es drei Mal aufkochen. Dann gieße ich den Kaffee in ein kleines Tässchen und bringe ihn auf einem Tablett ins Zimmer. Es ist nicht das erste Mal, dass ich den Kaffee für sie gekocht habe.

Setz dich Zora, ich muss mit dir reden, sagt sie.

Ganz aufgeregt setze ich mich auf mein Sofa. Auf dem anderen Sofa mir gegenüber sitzt Mutter und schweigt. Ich schweige auch. Jetzt, jetzt ist es soweit, denke ich, jetzt wird sie mir alles sagen, vielleicht nicht alles, aber das wozu Milena sie gedrängt hat, ich sehe das Geheimnis näher kommen, heraus an die Oberfläche, ans Tageslicht.

Weißt du Zora, du wirst bald siebzehn, beginnt sie, und  siebzehnjährige Mädchen sind unerfahren, unvernünftig und unberechenbar.

Sie erzählt und erzählt, was Siebzehnjährige denken und fühlen und ich schweige und denke daran, wenn ich ihr jetzt widerspreche, wird sie anfangen zu heulen und tagelang nicht damit aufhören.

Ich werde nächsten Monat siebzehn, ich weiß, was und wie ich denke und fühle. Bei dir ist es siebzehn Jahre her, sage ich dann doch. Dazwischen liegt die ganze Wirklichkeit.

Sie weint immer noch nicht, schaut mich nur mit ihren großen Augen an, als würde sie mich das erste Mal in ihrem Leben sehen.

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