Literatur-Nachrichten

Zum Licht

Von Rolf-Ulrich KramerMann, Kumpel, gibt’s dich noch? Lange nicht gesehen! Warst länger im Ausland, hab ich gehört. Gut schaust du aus. Wie’s mir geht? Naja, halt eher bescheiden.

Wieso? Könnt ich dir sagen, klar. Bloß, die meisten winken schon ab, wenn ich auch nur den Mund aufmache. Im Dorf halten sie mich für bekloppt. Und der Hausarzt? „Lass mal gut sein, Josef, lass mal gut sein", sagt er, und dann gibt’s Beruhigungsmittel.

Und du willst es wirklich wissen? Na gut. Hat angefangen damit, dass ich mich von außen gesehen hab. Von zehn Meter Höhe hab ich mich auf meinem Trecker sitzen sehen, wie ich den Feldweg entlang tuckere. Tatsache! Aber da tippen sich die meisten schon an die Stirn.

Siehste, auch du ziehst die Augenbrauen hoch. Nicht so gemeint? Na gut, mach ich mal weiter. Kannst ja austrinken und gehen, wenn’s dir reicht. Das Leben ist eh scheiße, ob mir einer zuhört oder nicht.

Jedenfalls ich sitz auf meinem Trecker, hinten dran der Hänger mit der letzten Ladung Rüben für den Tag, und ich bin richtig gut drauf, weil wir haben ordentlich was weggeschafft. War so gegen acht, noch hell. Ich tucker da entlang und träum vor mich hin, alles friedlich, schöner ruhiger Abend.

Dann hebt’s mich irgendwie. Auf einmal sehe ich von oben, wie ich unten auf dem Trecker sitze. Wie gesagt. Und dann kommt von links so was wie ein Flutlicht. Aber tausend Scheinwerfer gleichzeitig, sag ich dir! Ein Loch ist in der Welt, ein Loch aus Licht. Wie eine Höhle im Himmel und das Licht scheint raus, gleißend hell.

Wart, es geht noch weiter. Als nächstes packt mich eine Druckwelle, auch von links. Haut erst gegen mich wie eine Faust und zieht mich dann rüber. Erst das Licht, dann die Faust. Kommt aus dem Nichts, zack, und greift nach mir.

Ich natürlich voll die Panik, kannste mir glauben. Richtig zusammengeschrumpft bin ich vor lauter Angst. Du nickst? Bist’n feiner Kerl. Kapiert nämlich nicht jeder. Prost.

Ab da war ich wie abgemeldet. Ich wollt ja bloß zurück auf meinen Trecker und weiterfahren, aber das Ding da drüben, das Licht, es zieht mich an wie ein Magnet. Gnadenlos. Kann ich machen, was ich will. Und auf einmal bin ich in dem Licht drin. Ohne Übergang. Kann dir nicht sagen, wie. Wie ein Schwimmbecken aus Licht, warm und hell, ohne Grenzen, kein oben, kein unten.

Ab da hab ich an mein Fuhrwerk überhaupt nicht mehr gedacht. Das gab’s für mich nicht mehr. Für mich gab’s nur noch das Licht. Ich schweb da drin wie ein Engel im Sonnenschein. Ja, klingt abgehoben, aber trotzdem. Irgendwie so’n heiliges Gefühl dabei, verstehste? So hallelujamäßig.

Schön, dass du mir noch zuhörst. Aber warte, das miese Ende kommt erst. Bis hierher ging’s ja noch gut. Erst im Anschluss wird’s übel. Bestell dir besser noch’n Korn.

Als nächstes spür ich einen Sog. Aber mit Macht! Werde angesogen wie eine Fliege vom Staubsauger. Ich wehre mich, aber es saugt mich aus meiner Lichtsuppe raus, und plötzlich bin ich in einem großen Raum drin. Wieder ohne Übergang. Kreisrund ist der Raum, Kuppeldecke, vollgestopft mit Instrumenten. Rundherum ein Schaltpult. Lampen, Knöpfe, Monitore, wie im Überwachungsraum vom Atomkraftwerk. Ungefähr acht Meter Durchmesser. Ich ziemlich mittendrin, aber nicht am Boden, sondern frei in der Luft. Aber ohne Körper, falls du das kapierst, den hab ich ja auf dem Trecker gelassen. Und trotzdem gibt’s mich irgendwie, wie soll ich dir das auch beschreiben. Ist wahrscheinlich eh alles Mist, was ich hier von mir geb.

Ja, ist gut, ich red schon weiter. Nicht so einfach, glaub mir! Wink der jungen Dame mal, ja bitte hier, für mich auch noch’n Korn.

Also weiter. Ich hänge da in dem Kuppelraum. Niemand da außer mir. Trotzdem geschieht was mit meinem Kopf, wie als würde der in einem Kasten stecken und die ziehen den auf Vakuum und mir platzt die Birne. So’n Gefühl etwa. Kopfschmerzen, du machst dir keine Vorstellung! Auch jetzt, wo ich drüber red. Immer wenn ich drüber nachdenk, hab ich wie Brennstäbe im Hirn, praktisch die ganze Zeit. Weil ich denk ja kaum an was anderes. Wie ein Mühlrad. Kenn das schon in- und auswendig. Das einzige, was hilft, ist nicht denken. Aber mach das mal.

Tja, wie geht’s weiter ...? Eigentlich damit, dass ich nicht mehr weiß, wer ich bin und wo ich herkomme. Erinnerung total ausgeknipst. Kannste dir das vorstellen? Dass du nicht weißt, wer du bist und wo du herkommst? Du hängst mitten in so einem Elektroniklabor, weißt nicht, wie du da hingekommen bist, und irgendwas passiert mit deinem Kopf, dass du meinst, der fliegt dir auseinander. Du willst schreien, aber es kommt kein Ton aus dir raus. Du willst dich wehren, aber gegen was?

Mannomann. Ich stand voll unter Strom, es war wie an einer Hochspannungsleitung hängen. Und das hört und hört nicht auf. Ich vergesse alles, ich bin weg, ich bin leer, vernichtet.

Guck nicht so. Gib mir lieber’n Taschentuch.

Irgendwann bin ich wieder draußen, außerhalb der Kuppel. Hänge auf Wolkenhöhe. Drifte runter zum Erdboden. Ganz sachte. Der Kuppelraum schwebt weg von mir. Oder ich von ihm. Sieht von außen aus wie ein Brummkreisel, wie diese bunt angemalten Blechdinger, weißt du, hatten wir früher als Kinder. Nur dass dieser hier grau ist. Mitten in der Luft hänge ich, unter mir die Landschaft, der Fluss, die Berge. Ich bin ohne Ziel, komplett verwirrt. Ich staune bloß. Ich schaue auf die Hecken und die Äcker, als hätt ich so was noch nie gesehen.

Wie das gehen soll, dass ich da so frei schwebend in der Luft häng? Tja, was weiß ich, ich kann’s dir nicht sagen. Am Anfang, als links das Lichtloch aufreißt, ist das wie in eine Blendlampe gucken. Orientierung futsch. Dann der Lichtsog und es zieht mich aus meinem Körper raus. So als hätte ich meinen normalen Körper, wie jetzt, wo ich vor dir sitze, und als gäb’s außerdem noch was. Ich wurde aus dem normalen Körper rauskatapultiert wie ein Jet-Pilot im Schleudersitz. Ab da läuft die Kamera von irgendwo außerhalb.

Übrigens, in dem Raum mit dem Schaltpult, wo sie mich am Kopf drangsaliert haben, da lief noch was anderes, das hab ich vorhin vergessen. Da dockte was von hinten an und zog mich nach rückwärts aus mir raus. Als würd ich ausgelutscht und leer geschlürft. Als würd einer in mich reingreifen und mich umstülpen wie einen Handschuh. Das, was ich bin, das holt der raus. Ich will bei mir bleiben, schrei ich. Das ist dem egal. Der saugt alle Kräfte aus mir raus. Alle. Mich selbst auch. Ich verschwinde. Es wird schwarz um mich und in mir. Ich werde bewusstlos, nichts zu machen. Alle Kraft ist aus mir raus.

Mann, siehste wie die Hände zittern? Tut gut, sich mal bei wem auszukotzen. Bist echt’n Freund. Ja, hast recht, gehen wir raus, eine rauchen.

Wie lang das Ganze gedauert hat? Schätzungsweise fünfzehn bis zwanzig Minuten. Höchstens ’ne halbe Stunde. Danach bin ich außerhalb dieses Kuppeldings. Drifte zur Erde, bin leer, taub, stumpf, tot. Unten das grüne Gras, da löse ich mich drin auf, da sicker ich rein wie ein Tautropfen. Endlich Frieden, sag ich dir, endlich Frieden.

So langsam kam mir ich dann wieder zu mir. Links von mir ein Feldweg. Den kennste doch, denk ich? Und ungefähr zwanzig Meter weiter steht der Trecker mit der Ladung Rüben hintendran. Tuckert im Leerlauf vor sich hin. Ist einfach stehen geblieben. Ebene Strecke, zum Glück.

Nur, wo bin ich? Mein Körper, meine ich , wo ist der? Ich seh den Trecker, aber nicht den Bauern, also mich, verstehste?

Frag nicht, das kann man nicht erklären. Da wirste richtig kirre dabei, wenn du das versuchst. Ich jedenfalls. Und du meinst, du kapierst das? Naja.

Wo war ich? Ach so, der Trecker. Ich weiß erst mal nicht, was das soll mit dem. Steht da, Motor läuft, keiner dabei. Und dann endlich seh ich auch den Bauern. Der liegt gekrümmt am Boden, auf der Seite, Knie angezogen. Ohnmächtig. Hat meinen grünen Overall an und die olle „John Deere“-Kappe auf. Ich seh das Bild vor mir, als wär’s gestern gewesen.

In den Bauern flutsch ich rein. Ganz von selbst, es passiert einfach. Dann wach ich auf und stehe auf, und das erleb ich wieder wie normal, also von inwendig, von mir selbst aus. Hat sich angefühlt wie das allererste Mal. Als hätt ich vorher noch nie auf zwei Beinen gestanden.

Irgendwie komm ich wieder auf den Bock und leg den Gang ein. Wohin es gehen soll, weiß ich nicht, mir alles egal. Der Trecker steuert den Fahrer, nicht umgekehrt. Der Trecker findet den Weg allein nach Haus. Ich weiß nicht, wo ich bin und wieso. Fühl mich fremd. Bis heute, im Grund genommen. Bin nicht mehr der alte.

In dem Brummkreisel haben sie mir mein Denken ausgetrocknet. Übrig geblieben ist’ne taube Nuss im Kopf. Fühl mich grau seitdem, kein Saft mehr drauf. Grau und schwer. Ich lass mich treiben, ist doch sowieso alles scheißegal. Ich funktionier einfach bloß noch. Was mal war, ist wie ausradiert. Ist alles gar nicht mehr wahr.

Überhaupt, was red ich hier eigentlich für’n Zeug zusammen? Das ist doch bloß, weil du mich ständig so anstarrst. Willste mich ausquetschen oder was? Gib dir mal bloß keine Mühe. Sich Mühe geben ist doch voll für’n Eimer. Ich für mein Teil geb mir jedenfalls keine mehr. Ich warte einfach drauf, dass mir irgendwie einfällt, was ich machen soll. Wenn nicht, dann nicht. Was Eigenes machen ist Blödsinn, es gibt nur Warten.

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