Literatur-Nachrichten

Die Muschel

Von Margret Küllmar„Ich esse zum Frühstück einen Joghurt mit einem Teelöffel Leinsamen vermischt, seitdem flutscht es.“ „Also ich schwöre ja auf gedörrte Pflaumen.“ Ruth beteiligte sich nicht an dieser Diskussion, bei der sich die Damen, während sie auf das Abendessen warteten, in allen Einzelheiten über Verdauungsprobleme ausließen.

Sie fragte sich stattdessen zum x-ten Male welcher Teufel sie geritten hatte, als sie sich zu dieser Gruppenreise nach Rügen anmeldete. Krankheitsverläufe, Anwendung von Medikamenten, Erfahrungen mit Ärzten und Kliniken und die negativen Auswirkungen der Gesundheitsreform waren die Themen, um die sich fast alle Gespräche drehten.

Ruth hatte das Reiseangebot in ihrer Tageszeitung gefunden, seniorengerechtes Programm mit Exkursionen von ortskundigen Reiseleitern begleitet. Die Kosten hielten sich sehr in Grenzen, was kein Wunder war, jetzt Ende Oktober. War es Reiselust, war es die Einsamkeit, brauchte sie mal einen Tapetenwechsel, oder war es so etwas wie Heimweh, Sehnsucht nach dem Meer, Ruth konnte es nicht benennen.

„Egal was für ein Programm heute angeboten wird, weder Wassergymnastik, noch Tanztee oder ein Vortrag über Bachblüten und auch keine anderen Bespaßungen, ich nehme an nichts teil“, dachte Ruth, als sie am nächsten Morgen aufwachte. Draußen war es dämmrig, es regnete und stürmte. Das war ihr einerlei, sie würde den allmorgendlichen Angriff auf das Frühstücksbuffet mitmachen und dann ganz allein zu einem langen

Strandspaziergang aufbrechen. Eine gute Stunde später stand sie am Wasser. Die Wellen waren ungewöhnlich groß, trugen Schaumkronen und schlugen mit Wucht gegen die alten hölzernen Wellenbrecher. Sturm und Regen schienen stärker zu werden, kreischende Möwen flogen aufgeregt umher, weit und breit war kein Mensch zu sehen. Das alles ließ die Situation düster, bedrohlich, beinahe unheimlich erscheinen. Ruth überlegte, ob es nicht vernünftiger wäre, ihren Spaziergang zu beenden. Und dann sah sie etwas. Wie elektrisiert bückte sie sich, mit beiden Händen griff sie danach, hob es auf und befreite es von dem nassen Sand. Es war eine Muschelschale, die obere Hälfte einer Herzmuschel. Ruth vergaß augenblicklich das unwirtliche Wetter und die aufgewühlte Ostsee. Was um sie herum geschah war so unwichtig.

Sie befand sich im Frühjahr 1945, in einem kleinen Fischerdorf an der pommerschen Ostseeküste. Ruth war gerade fünfzehn Jahre alt geworden und saß mit Ilja in einem ausgedienten Fischerboot am Strand. Es war schon spät am Abend, nachdem die Mutter zu Bett gegangen war, hatte sie sich aus dem Haus geschlichen, um sich mit ihm zu treffen. Ilja begrüßte sie mit einem langen Kuss, dem weitere Liebkosungen folgten.

Sylvester war es, als sie sich getroffen hatten. Ruths Onkel Emil hatte eine kleine Feier organisiert, seine Gäste sollten für ein paar Stunden den Krieg, den Tod und den drohenden Verlust der Heimat vergessen können. Ilja war auch eingeladen, er war siebzehn Jahre alt, kam irgendwo her aus der Weite Russlands und half Onkel Emil beim Fischfang. Ruth war vom ersten Moment an von seinen wasserblauen Augen fasziniert. Sie musste ihn dauernd anschauen und er schaute zurück. So hatte ihre Liebe begonnen und war von Woche zu Woche stärker geworden. Wann immer es ging, trafen sie sich, natürlich heimlich, niemand durfte etwas merken. Ein fünfzehnjähriges Mädchen aus einem pommerschen Dorf hatte sich nicht mit einem siebzehnjährigen Russenjungen abzugeben. Dafür gab es viele Gründe, sie waren zu jung, Iljas Herkunft war suspekt und das in dieser ungewissen Lage. Täglich rückte die Front näher, von Flucht und Vertreibung war die Rede. Immer wieder läuteten die Kirchenglocken für einen gefallenen Soldaten. Über all das machte sich Ruth wenig Gedanken. Sie war verliebt und das allein zählte. Gewiss, manchmal war sie traurig weil ihr Vater, der Dorfschullehrer, im Krieg war, aber sonst…. Sie fragte auch nicht wo Ilja herkam und warum er seine Heimat verlassen hatte, Nein, sie lachte über sein drolliges Deutsch und wusste nur das ist mein Ilja mit dem seltsamen, für sie unaussprechlichen Familiennamen.

An jenem Abend sahen sie etwas helles Leuchtendes im Schein des Mondes im Sand liegen. Ilja hob es auf, es war eine Herzmuschel. Mit dem Taschenmesser nahm er sie auseinander, gab ihr die obere Hälfte und nahm selbst die untere Schale. „Das ist jetzt Verlobung, wir gehören zusammen. Wenn Zeiten besser sind und wir sind älter ….“, er sprach nicht weiter. „Oh ja, wenn die Zeiten besser sind, hoffentlich bald“, antwortete Ruth. Sie küssten sich und schworen einander ewige Treue. Glücklich ging sie nach Hause.

Aber die Zeiten wurden nicht besser, im Gegenteil. Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen vom Fischerdorf an der Ostsee. Ein Treck wurde in aller Eile zusammengestellt. Ruths Mutter lief weinend im Haus herum, suchte Sachen zusammen, packte ein und wieder aus, zog ihre beste Kleidung an, lud den Handwagen voll, schimpfte mit Ruth, die apathisch zuschaute. Sie konnte es nicht begreifen. Vor ein paar Stunden war sie trotz allen so glücklich und nun dies. Sie lief aus dem Haus zu Onkel Emil. Auch dort packte man und wie im ganzen Dorf herrschten Trauer und Abschiedsschmerz. „Wo ist Ilja?“, schrie Ruth, niemand hörte sie und Ilja war nirgendwo zu sehen. Sie suchte eine Weile nach ihm, bis die Mutter kam und sie mit sich fort zog. Die Flucht begann. Eine Hand an der Deichsel des Handwagens, die andere in der Manteltasche, die Muschel fest umklammernd, so lief sie mit vielen anderen dem Westen entgegen.

Sie konnte sich ihr Leben lang nicht an Einzelheiten der Flucht erinnern, wie in Trance, machte sie das, was allen taten und was gerade notwendig war, sie sprach und aß kaum. Irgendwann waren sie in Westdeutschland und kamen auf einem Bauernhof unter. Die Mutter half dort und sorgte dafür, dass Ruth die Realschule besuchen konnte und ihren Abschluss machte. Mit der Zeit normalisierte sich das Leben. Sie bekamen eine Wohnung in der Stadt, der Vater kam aus der Gefangenschaft zu ihnen und Ruth begann eine Ausbildung im Rathaus. In dieser Behörde arbeitete sie bis ihr Ruhestand begann, machte Kariere, interessierte sich ein wenig für Literatur und Musik, machte ein paar  große Reisen und heiratete nie. Beziehungen gingen nach kurzer Zeit in die Brüche, weil sie jeden Mann mit Ilja verglich. Die Muschel hütete sie wie ihren Augapfel, trug sie stets bei sich und nahm sie immer wieder in die Hand.

Als sie vor Jahren an einer Kreuzfahrt teilnahm, passierte es. Sie stand an der Reling, sah aufs Meer, dachte an Ilja, bekam einen Schubs ab und die Muschel fiel aus ihrer Hand, direkt ins Meer. Am liebsten wäre sie hinterher gesprungen, aber ein Rest von Vernunft verhinderte dies. Überhaupt merkte sie nach ein paar Monaten, dass ihr der Verlust der Muschel gut tat. Die Erinnerung an Ilja verblasste etwas, sie konnte sich anderen Dingen zuwenden, verhaltene Lebensfreude stellte sich, dennoch lebte sie sehr zurückgezogen und war recht einsam. Und nun fand sie diese Muschelhälfte und die Erinnerung kam mit aller Macht zurück, nahm sie mit an jenen Abend im alten Fischerboot in ihrem pommerschen Heimatdorf. Natürlich war Ilja dort.

Ein Rettungswagen mit gellendem Martinshorn und wild zuckendem Blaulicht holte sie jäh in die Wirklichkeit zurück. Mit quietschenden Bremsen hielt er genau vor ihren Füßen. Und diese standen bis zu den Knöcheln im Wasser. Jetzt merkte sie es, ihre Kleidung und ihre Haare waren durch und durch nass, sie fror plötzlich erbärmlich, zitterte am ganzen Körper. „Ich hatte…., ich wollte…“, stotterte sie mit klappernden Zähnen. „Kommen sie erst einmal mit ins Warme“; sagte ein Sanitäter und führte sie behutsam in den Krankenwagen. Sie ließ alles willenlos über sich ergehen. Man entfernte ihre nassen Anziehsachen, packte dicke Wolldecken um sie herum und gab ihr warmen Tee zu trinken. Dann brachte man sie in eine Klinik. Auf dem Weg dorthin wurde ihr allmählich warm, sie konnte wieder denken, natürlich an Ilja. Ihre Lebensgeister kehrten zurück, beinahe trotzig sagte sie sich: „Ich werde Ilja suchen, es wird allerhöchste Zeit und wenn es das letzte ist, was ich tue“.

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