Literatur-Nachrichten

Glaschke geht zu weit

Von Udo NarugaDer Killer hatte es geschafft: Er war alt geworden. Glaschke saß über den Küchentisch gebeugt, breitete eine stattliche Ansammlung von Pässen vor sich aus und vergaß die Zeit.

I

Bei der Durchsicht der Ausweise stieß er auf seine Lieblingsexistenz: Carl Wieland von Plank. Glaschke nahm eine Lupe zur Hand und begutachtete das Meisterwerk eines Fälschers aus Hamburger Zeiten. Erfreut stellte er fest, dass sein Pseudonym auf den Tag neunundsiebzig Jahre alt geworden war. Glaschke sah durch das Fenster in einen wolkenlosen, hellblauen Himmel, sah eine im Wind treibende Möwe. Ein guter Tag zum Feiern.
Er entschied sich für das „Kiek Ut“ am Husumer Binnenhafen. Ein paar Friesenwaffeln mit Pflaumenmus und eine Kanne Tee, das musste reichen. Kein Alkohol, keine auffällige Kleidung. Seine Sprache hatte sich inzwischen dem nordischen Singsang angepasst. Das Risiko erkannt zu werden, wäre minimal. Gäste und Kellner mochten in ihm lediglich einen alten Mann sehen, der nach einem Spaziergang durch die Husumer Altstadt in einer Ecke des Cafés saß, seinen Tee und die Zeit genoss.

Glaschke verstaute die restlichen Ausweise in einem Hohlraum unter einer Holzdiele. Anschließend griff er in den Kachelofen, zog ein Päckchen hervor und wickelte es aus. Er überprüfte das Magazin der halbautomatischen Glock auf Vollständigkeit und schob sie in das Schulterhalfter. Ein
letzter Blick in den Spiegel. Eine letzte Korrektur des Krawattenknotens. Gut gelaunt und erhobenen Hauptes verließ Glaschke das Haus durch die Hintertür.

Glaschke ging einen abgelegenen Weg am Kanal entlang, überquerte den Friedhof Richtung Norden und bestieg erst in der Flensburger Chaussee einen Bus. Nachdem er sich einen Platz in der letzten Reihe gesucht hatte, um die ein- und aussteigenden Menschen im Blick zu behalten, lehnte er sich
zufrieden zurück. Unerkannt fuhr er durch die Stadt und niemand hätte ihm zugetraut, dass er mehr als dreißig Menschen umgebracht hatte.

Glaschke blickte stolz auf sein Lebenswerk zurück: Das Böse, das waren die anderen. Aufträge hatte er zuverlässig und dezent erledigt. Grundsätzlich allein. Das Ergebnis: Keine Spuren, keine DNA, keine Anhaltspunkte. Glaschke hatte nie ein Polizeirevier von innen gesehen. Glaschke existierte nicht. Nachdem sein letzter Auftraggeber vor zwei Jahren bei einem tragischen Unglücksfall ums Leben gekommen war, hätte er eigentlich beruhigt schlafen können. Wäre da nicht das Berufsrisiko geblieben.

In der Süderstrasse stieg ein Mann zu. Mitte zwanzig, groß gewachsen, schlank, die strohblonden, schulterlangen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er trug einen Rucksack und ein Fotostativ bei sich, aber das war nicht das Problem. Zu dieser Jahreszeit trieb es etliche Touristen an die Küste. Glaschke kramte seine Brille aus dem Sakko und fixierte den Mann. Es waren die Augen des Blonden, die Glaschke nervös machten. In früheren Zeiten hatte er in den Augen seiner Opfer
ihre Angst erkannt, ihren Mut, ihre Verzweiflung, nicht selten ihre Gleichgültigkeit. Der Ausdruck des Blonden blieb ihm ein Rätsel. Glaschke schob es auf seine seit Monaten zunehmend nachlassende Sehkraft. Eine Entwicklung, die ihm Sorgen bereitete.

Eine Haltestelle vor dem Bahnhof verließ Glaschke den Bus. Und mit ihm der Blonde. Gewohnt, Gegner vor sich zu haben, ließ Glaschke den Mann an sich vorbei ziehen und wartete, bis er hinter der nächsten Häuserecke verschwunden war. Glaschke atmetet durch und verstaute seine Brille. Sein Blick wanderte auf die gegenüber liegende Straßenseite. In Höhe einer Fußgängerampel tauchte der Blonde wieder auf. Ein Umstand, mit dem Glaschke nicht gerechnet hatte, der ihn irritierte. Der Blonde schien nicht daran zu denken, umzudrehen oder weiter zu gehen, machte keine Anstalten, zu verschwinden. Glaschke aber wollte seinen Geburtstag feiern und seine kostbare Zeit nicht mit einem Mann verbringen, dem es scheinbar gefiel, ihn zu verfolgen und anzustarren. Mit einem beiläufigen Griff kontrollierte Glaschke den Sitz seiner Glock und machte, ohne den Blonden aus den Augen zu lassen, einen Schritt auf ihn zu. Ein Schritt zu weit.

II

„Fass. Mich. Nicht. An.“, sagte Glaschke. „Alles gut.“ Der Blonde zog den Rollstuhl vom Fenster weg und drehte ihn zu sich herum. Routiniert legte er Glaschke eine Blutdruckmanschette an.
„Gleich vorbei.“
Glaschke sackte in sich zusammen. Zu gerne hätte er dem Blonden die Kehle zugedrückt oder eine Kugel ins Hirn gejagt. Seine Glock aber war ebenso verschwunden wie seine Kraft. Wegkatapultiert von einem rasenden Range Rover. Anschließend war er von einem Krankenhaus in das nächste geschleppt worden und schließlich - da er keine Angaben zu Angehörigen machen wollte – als Carl Wieland von Plank in einem Heim für Senioren gelandet. Ein Ort, der in Glaschkes Liste vermeidenswürdiger Plätze gleich hinter Santa Fu rangierte. Sein Ende hatte er anders geplant.

Nicht dass Glaschke sich an den Unfall hätte erinnern können, auch die drei Monate Krankenhaus und die zwei ergebnislosen Operationen blieben für Glaschke verschwommen. An den letzten
Besuch des Oberarztes dagegen, an den konnte er sich gut erinnern. „Querschnittslähmung, Herr von Plank, leider.“
Durch den Aufprall waren zwei seiner Lendenwirbel gebrochen. Er spürte seine Beine nicht mehr. An seinem Rollstuhl hing ein Beutel, in den sein Urin floss. Glaschke hatte die Kontrolle über sein Leben verloren.

Und jetzt auch noch der Blonde. Wieder der Blonde. Glaschke hatte gerade die zweite Nacht in seinem neuen Domizil verbracht, als der Blonde in seinem Zimmer auftauchte und sich einsilbig als sein Pfleger vorstellte. Das Namensschild an seiner Brust wies ihn als Bjarne Laue aus. Kein Name, den Glaschke kannte. Kein Opfer, das er mit diesem Namen in Verbindung gebracht hätte. Einen Zusammenhang mit seiner Vergangenheit konnte er nicht herstellen. So sehr er auch in seinen Erinnerungen bohrte. Nichts. Für Glaschke blieb er der Blonde aus dem Bus. Sein Urteil: Schuldig.

„Ich bring Dich um“, sagte Glaschke. Der Blonde nahm ihm die Blutdruckmanschette ab und tätschelte seinen Arm. „Ihre Werte sind schlecht.“ Machte ein paar Notizen und packte zusammen.
Glaschke hatte Mühe, das Genuschel zu verstehen, wischte angewidert über die Stelle, an der ihn der Blonde berührt hatte; rollte zu seinem Nachtschrank und zog eine Packung Zigaretten aus der Schublade. „Wer hat Euch geschickt?“
Keine Reaktion.
Glaschke zündete sich eine an und inhalierte tief. „Der Range Rover. Wer hat Euch bezahlt?“
Der Blonde öffnete das Fenster, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Kalte Herbstluft strömte in das Zimmer hinein.

Glaschke bebte innerlich, mahnte sich aber zur Ruhe. Er musste unbedingt wissen, wem er diesen feigen Anschlag zu verdanken hatte; was hatte er übersehen, wo und wann hatte er einen Fehler gemacht?
„Der Fahrer und Du, wie habt Ihr Euch verständigt? Per Funk?“
Wieder nichts.
Glaschke rauchte und wartete. Was hätte er auch tun können? Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Bewegung in den Blonden. „Den Menschen hier wird die Zeit lang. Sie machen sich zu viele Gedanken. Und dann erfinden sie Geschichten. Ich glaube, Sie brauchen eine Aufgabe, etwas, das Sinn macht.“
„Du hast mich beobachtet. Warum?“
„Stand nicht gerade gut um Sie nach dem Crash.“
Glaschkes Hände begannen zu zittern, die Asche der Zigarette fiel auf den Boden. Der Blonde stand auf, nahm ihm den Stummel aus der Hand, schnippte ihn aus dem Fenster und fluchte leise vor sich hin.
„Lauter, ich versteh nichts.“, sagte Glaschke.
Der Blonde trat an seinen Rollstuhl heran und beugte sich langsam zu ihm hinunter. „Halten Sie sich eigentlich nie an Regeln? Warum mussten Sie unbedingt bei Rot über die Strasse? So eilig kann man es in Ihrem Alter doch gar nicht mehr haben.“
„Wenn ich rechtzeitig rübergekommen wäre, müsste ich mir Deinen Scheiß nicht anhören.“
Der Blonde tippte Glaschke mit dem Zeigefinger auf die Brust.
„Ich habe Ihnen das Leben gerettet.“
„Was weißt Du schon vom Leben.“
„Genug, um zu wissen, dass der Mann, der da halb tot auf der Strasse lag, einiges bei sich hatte, das er nicht hätte haben dürfen.“
Die beiden Männer ließen sich nicht aus den Augen. Glaschke hatte bereits im Krankenhaus darüber nachgedacht, wo die Glock geblieben sein konnte. Niemand hatte ihn bisher darauf angesprochen und er hatte sich gehütet, nachzufragen.
„Du machst einen großen Fehler, Junge.“
Der Blonde wischte die Bemerkung Glaschkes mit einer abfälligen Handbewegung weg. „Kennen Sie den Mann von Zimmer zweihundertneunzehn?“
„Wozu?“
„Kommissar Bernsen, lange pensioniert, aber interessant. Hat viel zu erzählen. Ermitteln, observieren, verhören, das ganze Programm. Die meisten, sagt er, hat er erwischt. Bis auf einen. Und das lässt ihm keine Ruhe.“
Glaschke Fluchtreflexe in sich aufkommen. Aber in seinem Zustand? Keine Chance. Jetzt nicht. Morgen nicht. Nie mehr. Der Blonde straffte sich, sah ihn ernst an. Ein Blick, der Glaschke unbehaglich war.
„Wenn er könnte, er würde ins Watt gehen und auf die Flut warten“, fuhr der Blonde fort. „Kann sich aber kaum noch rühren, der arme Mann. Will so gerne sterben, kann nicht loslassen. So was gibt‘s hier alle Tage. Tragisch. Ein echtes Problem. Wenn Sie verstehen.“
Glaschke ließ den Kopf auf die Brust sinken. „Für jedes Problem gibt es eine Lösung.“, sagte er. Ein Glaubenssatz aus vergangenen Tagen. Leise hervorgebrachte Worte, denen er
selbst kein Vertrauen mehr schenkte. Der Blonde griff in den Bund seiner Hose, holte die Glock hervor und legte sie Glaschke in den Schoß. „Ich könnte mir vorstellen, dass Sie mehr Talent haben als ich.“
Glaschke war mit einem Schlag hell wach. Er nahm die Waffe in beide Hände. Kein Zweifel, es war seine Glock. Der Blonde drehte Glaschke den Rücken zu und schloss das Fenster. Glaschke zielte, wollte abdrücken, zögerte. Etwas stimmte nicht. Sie war zu leicht. Er zog das Magazin aus der Glock und überprüfte es.
Glaschke hatte einen Schuss.

Ende

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