Literatur-Nachrichten

Blobfisch

Von Stefan PauliniHeimkehren. Der Weg nach Hause. Langsam. Gebeugt. Zittrig. Immer wieder das Gefühl, ihm würden die Beine wegsacken. Der Anranzer vom Chef heute. Nach all dem Anderen. Zu viel. „Blobfisch“, hat er gesagt. „Blobfisch, konzentriere dich, oder du fliegst. Deine volle Mitarbeit kann ich mittlerweile  wieder erwarten.“

Ihm hätten in dieser Situation wie so oft Tränen in die Augen treten können. Aber er unterdrückte sie. Er hat seinen eigenen Blobfisch daheim. Einen echten Dickkopf-Groppen aus der Tiefsee. Ist auch selber Schuld. Warum musste er seinen Arbeitskollegen davon erzählen. Wie er ihm liebevolle Schimpfworte an den Kopf wirft und sich dann an seinem ständig traurigen Gesichtsausdruck ergötzt. Der unförmigen breiten Nase. Den leeren schwarzen Augen. Dem glibbrigen Äußeren und dem ständigem Sabber im Mundwinkel. Eine echte Schönheit eben. Er hatte es ihnen gesagt. Sogar ein Bild mitgebracht. Sie aber waren nur fassungslos. Er wusste ihre Schweigsamkeit zu deuten. „Wie kann man sich nur so eine Monstrosität ins Haus holen?“, haben sie gefragt. „Hast du es denn so nötig?“, war die Frage eines Kollegen und er hörte Enttäuschung und Widerwillen darin.

Die Wellenlänge stimmt einfach nicht mehr. Das ist die Schuld des Neuen. Er hetzt sie gegen ihn auf. Seit der kurz vor dem Autounfall in die Firma, ist auch sein Chef strenger geworden. Aber nach dem Tod von Frau und Tochter sowieso alles aus dem Ruder geraten. Da wollte er sich nur noch zu Hause einschließen. Sein Chef gab ihm drei Tage frei. Zeigte Verständnis. So ist das immer. Wenn es um seine Situation geht, haben sie Mitleid, aber wenn es um die liegen gebliebene Arbeit geht, lassen sie nicht mit sich reden.

Heißhunger. In letzter Zeit öfter. Manchmal wird ihm heiß und kalt und dann wieder bekommt er so einen Heißhunger. Auf irgendetwas. Das ist sein einziger Gedanke. Wie die nächsten fünf Minuten ohne einen Apfel überleben.

Klaus kramt den Schlüsselbund hervor. Er will jetzt nur noch nach Hause. Dabei entgleitet ihm das klirrende Etwas. Laut scheppernd fällt es auf den Boden. Er bückt sich. Seine Hände greifen danach wie Automaten. Führen es automatisch ins Schloss und drehen es zügig herum. Ankommen. Er lässt sich auf den Sessel fallen. Beobachtet den Blobfisch im Hochdruckzylinder. Die Scheiben könnten mal wieder gereinigt werden. Er nimmt sich vor, später den Wartungsroboter durch die Schleusen zu schicken. Später.

Der Sessel. Er hält ihn gefangen. Diese zwei bequemen Armlehnen und der weiche Polsterstoff. Klaus bleibt für den Moment wehrlos.

Die Glassäule lange Zeit leer. Das ärgerte Klaus. Einmal die Überlegung der Familie, einen großen Weihnachtsbaum darin anzupflanzen. Aber das war nicht wirklich zu bewerkstelligen. Schließlich reichte es ihm. Der ganze ungenutzte Raum. Das vor sich hin gammelnde Wasser. Der sinnlos herumschwimmende Roboter. Der immer wieder herunterkommen musste, um die Scheiben von Algen zu befreien. Die Erlösung. Der Anruf vom Tiefseefischer. Es war ihm gelungen einen lebendigen Blobfisch zu fangen. Klaus überglücklich. Das war vor zwei Wochen. Kurz vor dem Unfall. Sonntags bekommt er Seeigel und Krebse geliefert. Alles lebendig. So wie er es mag.

Ein tiefer Seufzer blobbt aus seinem Mund. Er löst sich aus der Gefangenschaft des Sessels. Mit Schwung, denn nur so gelingt es. Die tief einsinkenden Polster. Die Lehnen, die ihm die Arme festhalten. Das alles erfordert eine ungeheure Kraft. Der Weg in die Küche. Die langsam schlurfenden Schritte. Die Tür des Hängeschranks. Das breite geschliffene Glas. Eingießen aus der Cognacflasche. Seit dem Unfall tägliches Ritual. Vor einer Woche dann eine neue Flasche. Dreiviertel leer.

Der Weg zurück. Dorthin wo es kein Zurück mehr gibt. Der leicht hämmernde Schmerz hinter der Stirn. Benommen. Beklommen. Erneutes Einsinken. Das Abstellen des Glases auf der Platte. Der Laut, wenn Glas auf Glas stößt. Der Widerhall in seinem Kopf. Tiefes Ein- und Ausatmen.

Der Anblick des Blobfisches. Endlich entspannen sich seine Züge. Er lächelt. Grinst über den traurigen Anblick dieses wabbligen Etwas. Jetzt wird nicht mehr er der Blobfisch sein. Er hat seinen eigenen. Im Wasser. Unter einem Druck von 700 Bar. In einem Glaszylinder. Einer Glocke. Dort, wo er sich nicht wehren kann. Klaus beginnt seine Aufzählung von Nettigkeiten. Na, du kleiner Wabbelkopf. Hast dich wieder durchgefressen, was? Hast dir wohl deine fette Nase gestoßen. Oder war das der Stachel eines Seeigels. Ach, du Schwabbelhirn. Verstehst wohl nicht, was ich sage. Trauriger Wabbelmatsch, du. Jetzt siehst du mich an mit deinen leeren Augen. Mein kleiner Schleimklumpen aus der Tiefsee. Wabbel-Schwabbel-Schnabbel-Back.

Irgendwie erinnert ihn dieses traurige Etwas an seine Schwiegermutter. Schwiegermutter. Ja, das war schon was. Sie konnte ihn nie leiden. Behandelte ihn wie ein Stiefkind. Klaus, du solltest dich besser um die Familie kümmern. Klaus, du verbringst zu viel Zeit in der Firma. Gott, wie bist du denn wieder angezogen. Hast du eigentlich je eine Freundin gehabt vor deiner Ehe. Wenn du keine Zeit mehr für sie hast, solltest du vielleicht über die Scheidung nachdenken. Klaus hier, Klaus da. Immer war er der Dumme. Durfte sich Belehrungen von ihr anhören und als Dank die Botengänge für sie erledigen. Seine Frau nahm sie regelmäßig in Schutz. Sie ist alt und einsam. Denk nur, wie sie unter dem Diabetes leidet und dazu noch die furchtbaren Nachbarn. Da konnte er dann wirklich nichts mehr sagen. Ja, diese dicke Knollnase und der traurige Gesichtsausdruck. Genau wie bei seiner Schwiegermutter.

Einen Tag nach dem Unfall hatte er sich überwunden. Sie besucht. Um alles zu erzählen. Schweigen. Rausgeworfen hat sie ihn. Ein paar Tage später Einladung zum Kaffee. Er ging hin. Voller Hoffnung sich zu versöhnen. Gemeinsam leiden. Meine Gedanken sind deine Gedanken. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz. Nichts davon geschehen. Sie war sogar noch unerträglicher als sonst. Die ständigen Vorwürfe. Das Gemecker. Klaus, warum hast du sie denn nicht zum Ballett gefahren? Wie, zu müde und Kopfschmerzen? Was hast du denn davor gemacht? Was, samstags arbeiten? Seit wann machst du das denn? Klaus, ich glaube, du hast das Auto nicht richtig gewartet. Wann bist du denn eigentlich das letzte Mal zum TÜV Klaus? Einige von den Kontrolleuren sollen ja bestechlich sein. Klaus, was ist denn? Du antwortest ja gar nicht. Wer übernimmt eigentlich die Beerdigungskosten. Also, ich kann das bestimmt nicht. Mit der mickrigen Rente. Nimm doch noch ein Stück Kuchen, Klaus. Noch Kaffee. Irgendwann hat es ihm dann gereicht und er hat sich verabschiedet. Seine Schwiegermutter hat man schließlich nur einmal. Genau wie diesen Blobfisch. „Na du kleiner Schwiegermutterfisch. Möchtest du noch Kuchen. Soll ich noch Kaffee nachschenken. Du Schwabbelhirn.“

Zwei Tage später. Endlich die Kündigung. Blau verpackt. Noch immer verschlossen. Nicht die Kraft sie zu öffnen. Schock. Schockstarre. Festsitzen im Sessel. Gefangen. Wieder. Ein Gefangener in seiner eigenen Wohnung. Seinem eigenen Sessel. 

Erneuter Griff zum Cognac. Seine Kehle ein Wasserfall. Die angenehme Wärme im Magen. Eine Wohltat. Dann wieder das Scheppern von Glas auf Glas. Die Vibrationen in seinem Hirn. Tot. Ende. Finito. Hat alles keinen Sinn mehr. Vor ihm der Blobfisch. Gut sichtbar. Den Sand hat er entfernen lassen. Damit er sich nicht vergraben kann.

Heißhunger. Ein Apfel aus der Schale. Das Messer liegt noch von gestern. Beim Aufschneiden dann das Maleur. Er schneidet sich in die Hand. Klaus zittert. Blut tropft auf den Teppich. Leere. Ausgelutscht. Auf einmal sein Geist auf Wanderschaft. Der Blobfisch lächelnd. Er sieht sich selber zur Steuerkonsole hinaufgehen. Alles nur ein flüchtiger Augenblick. Dann wieder im schützenden Sessel. Auch in seiner Vorstellung. Im Hintergrund ein dämonisches Lachen. Ein lachender Blobfisch? Wie kann das? Realität? Was ist das überhaupt?

Der grüne Kugelschreiber vom Tisch. Langsam und nachdenklich. Das Trommeln auf seinem Kinn. Klickern der Hülse. Das Lachen verstummt. Statt dessen betriebsames Summen. Der Roboter beim Reinigen der Scheiben. In Höhe seines Freundes das Unvermeidliche. Der Blobfisch bespuckt den Roboter. Klaus muss  darüber jedes Mal lachen. Das Grinsen des Blobfisches. Geht wieder in Lachen über. Gemeinsames Lachen. Zum ersten Mal seit Langem. Geteilte Freude. Nach geteiltem Leid.

Ebenfalls freudig wackelt nun der Tank. Im Wasser. Aufsteigende Blasen. Lautes Zischen. Knacken der Scheiben. Wasserspritzen. Krawumm. Die massive Verschlusskappe hat die Tischplatte zerschlagen. Schreck. Nun wird es Klaus klar. Der Schleim des heimtückischen Blobfisches. Die Schleusen undicht gemacht. Der Roboter in seinem Nacken. Abstürzen. Freiflug. Und gleichzeitig Befreiung vom Sofagefängnis. Sein Blickfeld. Schwarz wie die Tiefsee. Er weiß jetzt, dass er gleich sterben wird. Noch einmal wandert sein Blick hinauf. Zu seinem verhassten Freund. Der lächelt nun nicht mehr. Wie immer ernst. Den gelblichen Sabber im Mundwinkel. Sterbend. Und er sieht in der Wassersäule sein eigenes Spiegelbild in ihm.

Fantasien. Zerstreuung. Aber was haben diese Gedanken nur zu bedeuten. Auf einmal nimmt er seine Faust und schleudert sie auf seinen Kopf. Bis der ganz platt ist. Er haut sich auf die Nase. Bis diese aussieht wie die des Blobfisches. Dann sticht er seine Finger in die Augen. So dass diese ganz klein und schwarz werden. Er kann es nun alles. Was er so lang nicht begriffen hatte. Er. Fliegend im Wasser der Tiefsee zwischen seinen Artgenossen. Den Blick zum Tisch. Das Glas leer. Energie leer. Tank leer. Der Apfelgriebsch bereits braun. Nicht mal ein Seeigel, der durchs Wohnzimmer schwumpert. Die Artgenossen reitend über saftige Seegrashügel. Unterwassersymphonie. Zwölftoniges Harfenspiel der Wasserflöhe. Klaus, der Blobfisch. Mit seinen schwarzen leeren Augen. Vergraben im Sand der Zeit für immer. Er wird einfach hier sitzen bleiben und auf den Tod warten.

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