Literatur-Nachrichten

Der Zaun

Von Myriam WittDer eine Moment, der die Veränderung in sich zusammenfasste, war der, als sie die Tür schloss und nicht als Gast, als Freundin oder Nachbarin eingetreten war, sondern als Putzfrau. Sie war dankbar, allein zu sein, nicht unter den Augen der anderen unverändert sein zu müssen, nicht die Notwendigkeit zu verspüren, so tun zu müssen, als habe sich nichts geändert.

Als seien sie auch weiter nur Nachbarinnen, die einander halfen. Die eine derjenigen, die ihren Job verloren hatte, mit Geld und die andere derjenigen, die befördert worden war, mit Zeit.

Sie ging durch das Haus und während sie versuchte, sich davon zu überzeugen, dass sie sich einen Überblick über die anstehende Arbeit verschaffte, wusste sie, dass sie im Grunde die andere mit den Augen einer Putzfrau neu kennen lernte. Sie sah, dass die andere kleinere Handtücher in der Gästetoilette aufhängte, als in ihrer eigenen. Sie sah, dass alle Regalböden in den Küchenschränken mit Schutzfolie ausgelegt waren. Sie sah eine einwandfreie Aufgeräumtheit, eine penetrante Sauberkeit, die ihr widerstrebte. Nichts, das gegen den Rahmen, den die Doppelhaushälfte setzte, verstieß. Sie erinnerte sich, dass sie als Nachbarin eine moderne Klarheit bewundert hatte, die ihr jetzt wie Kälte vorkam. Sie versuchte ihren Widerwillen abzustreifen, versuchte ein wenig gesunde Neugier aufzubringen. Sie las die gelben Sticker am Pinbrett in der Küche und betrachtete die Bilder im Schlafzimmer. Sie sah sogar in die Schränke mit der Unterwäsche. Aber es half nicht. Sie saß auf dem Doppelbett, erst auf der Seite, auf der die andere schlief, dann auf der Seite des Ehemanns und wusste, dass die andere geputzt hatte, bevor die neue Putzfrau, ihre Nachbarin gekommen war. Irgendwie machte es das noch schlimmer. Es demonstrierte, dass sie nicht gebraucht wurde, dass ihre Stelle als Putzfrau nichts weiter als schlecht getarnte Wohltätigkeit war.

Sie saß auf dem Bett und sie wusste, dass die andere ihre Hälfte des Hauses auch noch im nächsten Jahr besitzen würde und im Jahr darauf, während sie selbst dann vielleicht schon in einer billigen Mietwohnung lebte. Ohne irgendeine Anstrengung und ohne das Zutun der anderen fiel es ihr leicht, eine Abneigung gegen sie zu spüren.

Der großen Veränderung dieses ersten Tages folgten viele kleine Änderungen. Sie tranken nicht mehr gemeinsam Kaffee. Die neue Putzfrau, die die alte Nachbarin war, wurde ein letztes Mal zum Geburtstag eingeladen. Sie saß in einem Wohnzimmer, das sie selbst geputzt hatte und aß eine Torte, die sie selbst gebacken hatte. Dafür wurde sie Freundinnen der anderen jetzt nicht mehr als Nachbarin vorgestellt, sondern als Perle weiterempfohlen. Die Tage folgten aufeinander und sie fragte sich, wann diese Leere entstanden war, diese Unzufriedenheit. Diese Frage, wie geschehen konnte, was geschehen war: dass sie arbeitslos geworden war und ihr Leben damit verbrachte, die Regale und die Toilette der anderen sauber zu halten. Ob es sich lohnte, sich selbst aufzugeben, um ihre Hälfte dieses Doppelhauses weiter besitzen zu können, während sich mit jedem dieser Tage das Ende ihres Lebens näherte.

Sie war betroffen gewesen, als ihre Nachbarin ihre Stelle verlor. Aus dem Schauder, den es bei ihr auslöste, heraus und aus einer heimlichen Angst, die sie zwang, sich die Frage zu stellen, was wäre, wenn sie selbst diejenige sei, die ihre Arbeit verlor, ihre Kreditzinsen nicht zahlen könne oder die zukünftige Ausbildung ihres Kindes, hatte sie der Nachbarin die Putzstelle angeboten. Aber als diese fragte, wie viel Geld sie bekäme, dachte sie 200 Euro, öffnete ihren Mund und sagte 100 Euro. Statt sich gut zu fühlen, wie jemand der etwas Selbstloses tat, hatte sie sich schlecht gefühlt. Sie war ihre Nachbarin und irgendwie auch ihre Freundin gewesen. Jetzt war sie immer noch ihre Freundin, aber diese Freundin war jetzt arbeitslos. Eine Freundin ist nicht weniger Freundin, nur weil sie nicht mehr die Geschäftsführerin ist. Und doch ist es nicht dasselbe. Anfänglich hatte sie sich geschämt, dass diese Freundin für sie putzen sollte. Sie hatte selbst alles in Ordnung gebracht, bevor diese kam, hatte ihr einen Kaffee gekocht, hatte im Büro gesessen und sich vorgestellt, wie diese, den Kaffeebecher in der Hand, am Wohnzimmertisch saß, die Zeitung las und aus dem Fenster sah. Aber mit der Zeit schlich sich ganz gegen ihren Willen ein wenig Verachtung für diese arbeitslose Freundin ein – eine nette, eine liebevolle Art der Verachtung. Eine Verachtung, die nie entstanden wäre, wenn diese Freundin nicht ehemals etwas Besonderes gewesen wäre. Ein gestandene Geschäftsfrau, eine gute Ehefrau, eine hervorragende Mutter, eine beliebte Mitbürgerin. Die Leute hatten diese Frau bewundert, die allen Forderungen gleichzeitig und mit einem Lächeln genügte. Jetzt fühlte sich die andere besser, weil die eine kein Überfrau mehr war. Sie empfand eine Art schuldige Treulosigkeit, die es ihr leicht machte, Abneigung aufkommen zu lassen.

Die Männer dieser beiden saßen weiter an der Stelle im Garten zusammen, wo bei anderen Doppelhaushälften ein Zaun das wenige Grüne in meins und deins teilte. Sie tranken ein Bier und verstanden sich darin, dass sie ihre Frauen nicht verstanden.

„Ich habe deine Frau eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Sie ist doch nicht krank?“ sagte der eine.

„Nein“, antwortete der andere und nahm einen Schluck. „Meiner Frau geht es gut. Deine Frau und meine habe irgendeine Art Streit miteinander. Das geht schon seit Wochen so“, schmunzelte er und blies ein wenig von dem Schaum in den Wind. „Das Merkwürdige ist, dass sie gar nicht recht zu wissen scheinen, um was es geht. Aber ich halte mich da raus. Ich weiß ohnehin nicht, worum es geht.“

„Ich auch nicht. Sie werden sich schon wieder beruhigen.“

Der eine lachte zweifelnd und der andere antwortete mit einem zweifelnden Lachen. Aber am Ende steckten die Frauen die Männer doch an. Sie fühlten die Spannung und nahmen sie in sich auf. Sie fühlten sich schlecht, wenn sie den anderen sahen. Es schien nicht in Ordnung zu sein, gemeinsam ein Bier zu trinken und sich zu verstehen, wenn ihre Frauen das nicht taten. Sie hätten nicht recht sagen können, warum der Streit ihrer Frauen es notwendig machte, dass sie sich auch zu streiten hätten, aber es erschien unausweichlich. Sie waren die Ehemänner der Frauen, es gab keine Fluchtmöglichkeit.

Eines Tages fand der eine den anderen, wie er dort, wo nie ein Zaun gestanden hatte, einen Zaun aufstellte. Eine undurchsichtige, klobige Konstruktion aus Holz und Metall, die meins und deins definierte und voneinander trennte. Der eine starrte den anderen an. Ein hartes, ein aggressives Starren.

„Was ist, was willst du?“ fragte der andere. Eine verbale Herausforderung, in einem rüden unfreundlichen Ton, den man benutzt, wenn man das, was man tut, nicht gerne tut und doch weiß, dass man sich nicht davon abbringen lassen kann.

Der eine spürte, wie Zorn sein Gesicht warm werden ließ, ging mit schwingenden Armen und sich ruckartig mitbewegender Brust auf den anderen zu. Er trat so nah heran, wie er es nie mit einem Glas Bier in der Hand getan hätte, präsentierte dem anderen gleichsam seine Brust, wie sie früher das Bajonett präsentierten. Der andere setzte ihm einen Finger auf die Brust, forderte Abstand ein und forderte damit auch heraus. Der eine stellte sich seine Frau vor, wie sie hinter der Gardine stand und zusah und wusste, dass es keinen anderen Ausweg mehr gab. Er hob die Faust zu einem Schlag.

Sie wurden von den Hunden gerettet, die auf sie zuschossen, bellend zwischen ihnen umhertollten und die Spannung brachen.

Der Zaun stand ein paar Tage unberührt und war eines Morgens fertig gestellt. Stand da, wo sie immer gestanden hatten, ihr Bier tranken und sich ein paar freundschaftliche Lügen erzählten.

Kinder werden müde, wenn sie sich voreinander verstecken und niemand nach ihnen suchen kommt. Bei Erwachsenen ist das anders. Sie glauben, dass sie ein Bild von sich selbst aufrecht zu erhalten haben. Wenn die anderen sie zurückwiesen, fällt es ihnen leichter, zu glauben, es sei ihnen egal, als aus ihrem Versteck hinter dem Zaun herauszukommen und etwas dagegen zu tun.

Daher passierte nichts weiter. Es hätte jahrelang nichts Weiteres passieren können. Das einzige was passierte war, dass die eine eine neue Stelle fand und aufhörte Putzfrau zu sein.

Es passierte, dass der eine hinter dem Zaun stand, auf dessen Pfosten der andere sein Bier abgestellt hatte und rief:

“Weißt du nicht, dass das mein Zaun ist?”

Er sprach in dem harschen, unfreundlichen Ton, der dem anderen zu verstehen gab, dass er nicht mochte, was sein eigener Mund gesagt hatte. Üblicherweise hätte der andere darauf reagiert, hätte mit dem Ärger des Verletzten, des zu unrecht Angegriffenen geantwortet und dem Fragesteller mit Genugtuung und gutem Gewissen Bescheid gestoßen. Sie hätten sich gestritten, leidenschaftlich und gewaltsam. So wäre es üblich gewesen. Aber es ergab sich, dass es ein milder Frühlingsabend war, dass die Hunde entspannt mit allen Vieren in der Luft im duftenden Gras lagen und dass der andere zu langsam war, um mit Feindseligkeit zu reagieren und diese über sein Zögern ganz vergaß. Er sagte:

„Ja, ich weiß. Aber wäre es nicht schön, wenn es nicht dein oder mein Zaun wäre, sondern einfach kein Zaun?”

Und so gab es eines Morgens keinen Zaun mehr.

Die menschliche Fähigkeit zum Selbstbetrug ist wahrscheinlich grenzenlos. Wie viele Menschen es tun, schrieben sie ihre Geschichte neu. Sie logen nicht wirklich, sie änderten die Ereignisse nicht, aber sie gaben den Ereignissen eine andere Bedeutung. Später, als die Männer wieder da, wo der Zaun gestanden hatte, ihr Bier tranken, und die Frauen am Wochenende bei einer Tasse Kaffee zusammen saßen und ihren Kindern beim Spielen zusahen, sprachen sie von dieser Zeit als von der harten Zeit. Als sei es die Zeit gewesen, als hätten sie mit der Entwicklung der Dinge nichts zu tun gehabt.

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