Literatur-Nachrichten

Die Schwimmerin

Von Clara VornholtNach der dunklen Eiseskälte empfing sie ein Schwall heißer Luft aus dem Schwimmbad. Der Gang war mit grellen Neonröhren beleuchtet und es roch stark nach Chlor. Als sie in die Umkleide kam, unterhielten sich gerade zwei Damen über ein Haarproblem.

Die Schwimmerin packte still ihren Badeanzug aus der Tasche. Für das Umziehen brauchte sie nicht lange, ihre Finger waren bereits geübt. Die Schwimmerin war vielleicht sechzehn Jahre alt, ihr Körper war glatt und durchtrainiert. Ihre Haut war dunkel und sie hatte sehr kantige Gesichtszüge. In der Halle wartete bereits ihr Trainer Igor, er begrüßte sie mit einem breiten Lächeln. „Hallo, Lara, hallo!“ Er rollte das ‚r‘. „Hallo Igor“, antwortete Lara. Ihre Aussprache war akzentfrei. „Was gibt’s Neues, Kind?“ „Ich ziehe wieder um.“ Er schaute sie betroffen an - das war natürlich nicht anders zu erwarten gewesen. „Wohin diesmal?“, fragte Igor, seine Stimme klang jetzt beinahe zittrig. So, wie die Stimmen immer etwas verwundert und erschrocken klangen. Ja, es war so, wie es immer war. „Polen“

Das Wasser empfing sie kalt und weich. Sie hob ihren Arm, begann geschmeidig eine Beinbewegung. Es folgte der zweite Arm, der Beinschlag war kräftig und unbeirrt. Sie schob das Wasser hinter sich. Sie ließ es zurück, wie ihre ganze Welt, bald. Schon wieder. Sie sah das alles schon vor sich, den großen Lastwagen, der mit all ihren Möbeln vollgestopft war. Kartons mit Beschriftungen wie „Küche“, „Lara“ oder „Geschirr“. Sie kannte es bereits, schon fünf Mal hatte sie die Einzelteile ihres Bettes die Treppen hinunter geschleppt, hatte zugesehen, wie der Lastwagen davonfuhr. Der abgeklärte Blick ihrer Mutter, ihr Vater, der sich gleich umdrehte und ein Häkchen auf seine Liste setzte. Sie kannte das Gefühl, sich die Treppen hinauf zu schleppen, ihre Tasche zu holen und in den Kofferraum des Mercedes zu werfen. „Haben wir alles?“, fragte ihre Mutter dann. „Wenn du die Papiere hast.“, antwortete ihr Vater.

„1000 Meter Lage“, sagte Igor am Rand. Lara nickte nicht einmal, sie stieß sich einfach ab von der Wand, weg von der Sicherheit, und begann, die gewohnten Bewegungen auszuführen. Nach 500 Metern wurde es anstrengend. Die Schwimmerin spürte das Blut in ihr Gesicht laufen. „Denk an etwas“, befahl sie sich leise, um sich abzulenken. Das Wasser war ihr Freund. Egal, wohin sie ging, ihr Vater suchte direkt am ersten Tag ein Schwimmbad und einen Trainer für Lara. Es gab nichts Schöneres, als nach einer langen Autofahrt schwimmen zu gehen. Ihre Beine verkrampften sich langsam, es wurde schwer, die Arme aus dem Wasser zu strecken. Sie biss die Zähne aufeinander. Sie musste weitermachen! Ihr rechtes Bein schmerzte immer mehr. Noch ein Zug, und noch einer Sie schleppte ihren Körper gegen den Willen des Wassers voran, immer weiter. So, wie ihre Eltern jedes Mal ihren Willen gegen sie durchsetzten. Wütend, mit hochrotem Kopf, stieß sie sich erneut von der Bande ab. Sie wollte nicht mehr weitermachen. Sie wollte einmal ankommen, und wissen, dass es nicht bloß für ein oder zwei Jahre wäre. Sie würde auspacken, in der Gewissheit, nicht wieder einpacken zu müssen. Sie sah sich selbst, wie sie ihre Eltern anschrie. Rasend, alle Muskeln angespannt. „Ich will nicht mehr weiter machen müssen! Ich will nicht!“ Sie streckte ihren Körper, fuhr fort mit den Bewegungen, kämpfte sich durch das kühle, sanfte Wasser. Als sie am Rand angekommen war, sagte sie: „Ich brauche eine Pause.“

Igor reichte ihr die Wasserflasche. „Wann bist du dann weg?“, fragte er. „In einem Monat.“ „So schnell?“ In Igors Augen konnte Lara die Verwunderung erkennen. „Ja.“ „Hm. Du tauchst jetzt 25 Meter, dann machst du 10 Sekunden Pause, und dann wieder 25 Meter tauchen.“ Die Schwimmerin nickte, stellte die Wasserflasche an den Rand und holte tief Luft. Sie tauchte unter und stieß sich ab. Das Wasser kühlte herrlich ihren Kopf. Sie schwamm tiefer. Nach kurzer Zeit spürte sie den Druck, der auf ihr lastete. Die Luft ging ihr aus. Die Schwimmerin versuchte, an die Wasseroberfläche zu kommen. Ihre Bewegungen wurden immer schneller, immer unkontrollierter. Als sie endlich auftauchte, war sie bereits am Ende der Bahn angelangt. Sie schnappte nach Luft und sog so viel ein, wie nur möglich. Auf der anderen Seite der Halle stand Igor. Er rief ihr zu: „Weitermachen, Lara!“ Sie warf ihm einen beinahe hasserfüllten Blick zu, holte noch einmal tief Luft und tauchte unter. Abermals drückte das Wasser auf ihren Körper. Sie spürte den Druck in ihren Ohren. Das Wasser war stark, wie ein Tier. Es konnte so hart sein wie Stein. Lara hatte im Internet einen Artikel über einen Mann gesehen, der von der Brücke gesprungen war. Er war tot. Würde sie von einer Brücke springen, wäre das Wasser nicht mehr ihr Freund. Ein ziemlich abstrakter Gedanke, aber wahr. Sie würde gegen eine harte Wand prallen. Wie so oft auch bei den neuen Mitschülern. Natürlich gab es vereinzelte Lücken in dieser Mauer, aber diese Lücken reichten nicht dafür aus, sich vollständig in ihnen zu verstecken. Es brauchte noch mehr, um glücklich zu werden. Diesmal ging der Schwimmerin die Luft schon viel früher aus. Nach der halben Bahn wollte sie nichts anderes mehr, als aufzutauchen. Sie wollte außerdem gehen, aus dem Schwimmbad, und weg von ihren Eltern. Gehen, und etwas Neues beginnen. Aber es sollte nicht so sein wie ihre letzten Neuanfänge. Es sollte lange halten.

Die Uhr an der gefliesten Wand zeigte acht Uhr an. Gleich musste sie wieder aufbrechen. „Zeit für die Sprints!“, sagte Igor. Lara schwamm zwei Bahnen, um sich zu erholen, trank einen Schluck Wasser und atmete tief durch. Sie kletterte aus dem Becken. Ihre Glieder fühlten sich schon ganz zittrig und instabil an. „Okay… In 30 Sekunden beginnen wir…“, murmelte der Trainer und sah angestrengt auf seine Stoppuhr. „10,9,8,7,6…“ Sie stand auf dem Startblock, alle Muskeln in ihrem Körper waren angespannt. Konzentriert starrte sie auf das Wasser, ihr Herz pochte, die Schwimmerin wartete auf das Signal. „Und… LOS!“ Sie stieß sich mit aller Kraft ab, begann die wellenartigen Bewegungen, bis sie zur Oberfläche gelangte. Laras gesamter Körper arbeitete, sie versuchte, ihre ganze restliche Kraft für diese Bewegungen zu verwenden. Sie stieß sich hinten von der Bande ab. Gab alles. Es ging darum, die Schnellste zu sein. Ihre Lunge füllte sich mit Wasser, sie spürte die Lahmheit auf ihrem Körper lasten. Sie konnte nicht mehr weiter. Es ging nicht! Mühsam zwang sie sich, fortzufahren. Die Schwimmerin wurde immer langsamer. Sie war kurz vor dem Ende. Gleich war sie fertig. Mit einem letzten Zug zwang sie sich zum Abschlagen. 46 Sekunden. Sie hatte sich verschlechtert. „Wir machen Schluss für heute.“, sagte Igor stirnrunzelnd.

Das heiße Wasser der Dusche rann über ihren ausgemergelten Körper. Sie schloss die Augen. Sie wollte weg. Weg von allem. In der Umkleidekabine war es leer; man hörte vom Gang schon die Putzfrauen, die den Boden mit Wasserschläuchen abspritzen. Die Strahlen waren schmerzhaft hart. Lara betrachtete ihr Spiegelbild, und in dem Moment wurde ihr etwas klar. Das, was sie bisher erlebt hatte, war nicht so schlimm wie das, was sie erwartete, wenn sie jetzt ausriss. Aber wenn sie erst einmal fort war, wäre alles besser. Die Schwimmerin schnappte sich ihre fertig gepackte Tasche und eilte zum Ausgang. Die kühle Luft war erlösend nach der heißen Temperatur. Sie war so schön frisch. Auf einmal fühlte sich die Schwimmerin frei. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Lara würde ihrem alten Leben entfliehen. Anders als sonst stieg sie nicht in den Bus, sondern in die Straßenbahn in Richtung Hauptbahnhof. Dort würde sie sich in den Zug setzen, und fahren, fahren, fahren. Die Schwimmerin lächelte müde.

3 Kommentar/e

1. Wolfgang Hilber 07.09.2013 22:23h 
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Großartige, fesselnde Geschichte! Man ist nah an der Protagonistin, fühlt mit, mental wie körperlich. Toll!

2. michaela niedermayr 21.09.2013 00:07h 
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unglaublich viele facetten eines lebensumbruchs eingebunden in diese trainingssituation - bemerkenswert! ich fühle mich zurückversetzt in meine eigene gefühlswelt in diesem zarten alter. das wasser war auch mein freund...
einen tusch auf die junge autorin!

3. Peter Kroth 08.10.2013 14:35h 
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Die Autorin Clara Vornholt nimmt hautnah mit in eine spannungsreiche Auseinandersetzung um das eigene,
das eigentliche Leben.
Die Schwimmerin ringt mit den Fragen nach
Geborgenheit, Freiheit und Glück und macht aus der reinenTrainingssituation einen echten Kampf.
Die Protagonistin gewinnt den Mut das eigene Leben zu wagen.
Ein Leseereignis!

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