Literatur-Nachrichten

Tochter der Revolution

Wie es sich unter Mao lebte, dem Abgott ihrer Kindheit, erzählt Zhao Jie eindrucksvoll in ihrem autobiographischen Roman "Kleiner Phönix". Außerdem empfehlen wir Jan M. Piskorskis erhellendes Buch "Verjagte", das sich dem Themen Flucht und Vertreibung widmet. Und begeistert fest liest man sich in dem zwei Kilo schweren und opulent bebilderten Band über "Die Medici".

Den Großen Vorsitzenden Mao Zedong hat die 1957 in Peking geborene Zhao Jie nur einmal und aus weiter Ferne gesehen, doch er war der Abgott ihrer Kindheit. Zwar hatte auch sie als Kleinkind die Folgen der großen Hungersnot zu spüren bekommen. Zwar erlebte sie mit, wie die von Mao betriebene Kulturrevolution Halbwüchsige in tollwütige kleine Sadisten verwandelte, die angebliche Verräter und Klassenfeinde erbarmungslos demütigten und umbrachten. Aber lange Zeit war sie selbst eine brave Tochter der Revolution, sprich: eine fanatische kleine Rotgardistin. Dass die wahre „Sonne ihres Herzens“ nicht der Massenmörder Mao, sondern ihre Großmutter war, ist ihr erst richtig klar geworden, als es schon zu spät war. Die Großmutter hatte für sie gesorgt, während Jies Eltern als Schauspieler im Dienste der Revolution unterwegs waren. Sie hatte die Enkelin vor der Hungersnot gerettet und sie in einem Pekinger Wohnhof zwischen Mäusen und Hühnern aufgezogen. Zhao Jies Erinnerungen sind eine Hommage an diese beherzte Frau und machen das Leben unter Mao hautnah nacherlebbar. ub

 

Angst, Gewalt, das Gefühl des Verlorenseins und großer Einsamkeit, Durst und Hunger, Kälte und Hitze, Viehwaggons und Frachtschiffe, dazu der Tod, der sich zuerst immer die Schwächsten greift, die Kinder, die Alten. Das sind in großer Übereinstimmung die hervorstechenden Erinnerungen von Verjagten. Verjagt aus ihrem Haus, vertrieben aus ihrer Heimat. Das entspricht der Erinnerung von Millionen von Europäern. Unser Kontinent ist kein „weißer Fleck auf der Flüchtlingskarte“, schreibt Jan Piskorski, Professor für Vergleichende Geschichte Europas an der Universität Stettin, in seinem plastisch erzählten, erhellenden Buch. Damit spielt er auf die Flüchtlingsströme auf anderen Kontinenten an, die man abends im Fernsehen sieht. Auch in Europa – vom Baltikum über Spanien, Belgien und den Balkan – gab und gibt es eine erstaunliche Zahl an Flüchtlingsschicksalen. ky

 

Dieser mehr als zwei Kilo schwere Band hat wirklich Gewicht: Opulent bebildert, gibt er in 65 kurzen Kapiteln Auskunft über eine Dynastie, ohne die sich die italienische Sprache und Literatur, auch Europas Geschichte anders entwickelt hätten. Die Medici in Florenz gehörten zu den einflussreichsten Bankiers Europas, sie finanzierten Herrscher, wurden Großherzöge und Päpste. Ob psychologisch hochinteressante Biografien, Kunst und Kultur, Reisen, Wirtschaftsdenken, Schwangerschaften, die Stellung illegitimer Kinder, der Florentiner Fußball oder Ämtervergabe in der Kirche: Die Themen sind breit gestreut – selbst der Tathergang eines Attentats wird anhand des Skeletts des Opfers forensisch rekonstruiert. Die Themenbreite verblüfft: Am Beispiel von Carlo di Ferdinando erfährt man, wie früher Melancholie und Depression behandelt wurden; die Restaurierung kostbarer Kleider gibt Einblick in die Mode. Ohrringe, so erfährt man, wirkten auf die Florentiner anstößig, da sich vor allem die als lasziv geltenden orientalischen Frauen damit schmückten. In diesem Band liest man sich fest. hc

 

 

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