Literatur-Nachrichten

"Faszinierender Grenzgang"

Was regt Schriftsteller zu einem Buch an? Das ­Buchjournal hat Thomas Glavinic befragt, dessen neuer Roman in weiten Teilen um die Besteigung des Mount Everest kreist. Am Anfang stand für Glavinic der letzte Satz, der ihm bereits vor Jahren einfiel

Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, große Strecken Ihres Romans im Hochgebirge spielen zu lassen – in Regionen, in denen Sie selbst nie gewesen sind?
Thomas Glavinic: Das Höhenbergsteigen hat mich von Kindheit an fasziniert, und ich habe in den vergangenen 15 Jahren darüber alles gelesen, was mir in die Hände gefallen ist. Außerdem hat mir ein Jugendfreund von seinen Expeditionen berichtet, er war 2005 ohne Sauerstoff auf dem Mount Everest.

Können Sie genauer sagen, worin die Faszination besteht?
Mein Interesse gilt vor allem der Todeszone, dem Gebiet über 8 000 Meter, wo sich Menschen nur für kurze Zeit aufhalten können. Viele große Bergsteiger haben dort abenteuerliche Halluzinationen erlebt. Was ihnen in dieser Höhe widerfährt, ist ein faszinierender Grenzgang am Rande der menschlichen Existenz.

Gab es denn einen genia­len Einfall, sozusagen einen kreativen Urknall, der am Anfang Ihrer Arbeit an dem Buch stand?
Zumindest fiel mir der letzte Satz des Romans schon 2005 oder 2006 ein, ohne dass ich gewusst hätte, wie das Buch genau aussehen würde. Plötzlich war die Idee da, ich habe sie nicht gesucht, sie kam zu mir. Ich bin sicher, dass ich dabei im Café oder im Auto gesessen bin – das sind die Situationen, in denen meine Ideen auftauchen, warum auch immer.

In Ihrem Roman führen Sie uns durch viele ferne Städte: Montevideo, Tokio, Havanna oder Buenos Aires. Haben Sie die alle besucht und sich daraus Inspiration geholt?
Ich wusste ja schon länger, dass ich dieses Buch schreiben will. Von diesem Zeitpunkt an, etwa 2006, bin ich viel gereist, habe auch Lesereisen in Länder angenommen, die ich sonst vielleicht nicht gemacht hätte. Als hilfreich empfand ich das Alleinsein in einer Umgebung, die mir völlig unvertraut war. Hilfreich für das Schreiben des Buchs, meine ich, für mich war es nicht immer angenehm.

Ist es bei Ihnen häufig so, dass Sie ein Buch so lange in sich tragen wie im Fall von „Das größere Wunder“?
Unterschiedlich. Den „Kameramörder“ habe ich geträumt und die Rohfassung in sechs Tagen niedergeschrieben. Bei meinem Roman „Die Arbeit der Nacht“ war es ein wenig anders: Ich wachte nachts auf, ging zum Fenster und stellte fest, dass die sonst sehr befahrene Straße leer war: kein Auto, kein Mensch, und das fünf unerfreuliche Minuten lang. Ich hatte das Gefühl, vollkommen verlassen zu sein von allen Menschen. Ein paar Minuten später dachte ich: Wenn mich etwas so sehr verstört, muss ich darüber schreiben. An diesem Buch habe ich drei Jahre gearbeitet.

Also schlechter Schlaf als Quelle für Inspiration?
Offensichtlich! Es gibt demnach unangenehme Nächte, für die ich im Nach­hinein ausgesprochen dankbar bin

Zur Person
Thomas Glavinic wurde 1972 in Graz geboren. 1998 erschien sein Debüt „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“. Es folgten u. a. „Die Arbeit der Nacht“, „Das bin doch ich“,  vertreten auf  der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2007, und „Das Leben der Wünsche“. Die Romane „Der Kameramörder“ und „Wie man leben soll“ wurden fürs Kino verfilmt. Thomas Glavinic lebt in Wien.

 

Interview: Franziska Wolffheim

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