Literatur-Nachrichten

Wo der Samba noch authentisch ist

Paulo Lins ist einer der erfolgreichsten Autoren Brasiliens. Der 54-Jährige wurde in Rio de Janeiro geboren und schrieb den Weltbestseller „Die Stadt Gottes“. Mit dem Buchjournal sprach er über Musik, Gewalt, Favelas und über seinen neuen Roman "Seit der Samba Samba ist".

Ihr neuer Roman heißt „Seit der Samba Samba ist“. Warum spielt er in den 20er Jahren?
Paulo Lins: Weil in dieser Zeit die Schwarzen anfingen, für ihre Integration in die Gesellschaft zu kämpfen. Die Kraft dazu zogen sie aus ihrer Kultur, zu der ganz wesentlich auch der Samba gehört. Diese entscheidende, historische Entwicklung wollte ich unbedingt darstellen.

Welche Bedeutung hat der Samba für Sie persönlich?
Eine erhebliche! Und nicht nur für mich. Der Samba hat bei uns in Brasilien vor allem deswegen einen so hohen Stellenwert, weil er für soziale Eingliederung steht. Jeder kann so tanzen, egal aus welcher Schicht er stammt oder welche Hautfarbe er hat. Lange war ja versucht worden, die Kultur der afrikanischstämmigen Sklaven einzudämmen. Auf diese Weise sollte ihnen Kraft geraubt werden. Aber der Samba hat überlebt.

Wären Sie manchmal lieber Musiker als Schriftsteller?
Oh ja! Denn mit Musik lassen sich die Menschen leichter erreichen als mit Literatur. Meiner Meinung nach ist Musik die reinste Form der Kunst. Bei uns in Brasilien gehört sie fest zum Alltag und keiner kann ohne sie leben.

Sie schreiben immer über Außenseiter, Arme und Kriminelle. Was fasziniert Sie an diesen Menschen?
Es sind gar nicht so sehr die Menschen am Rande der Gesellschaft, die mich zum Schreiben motivieren. Mir geht es vielmehr um die gesellschaftlichen Umstände, die sie zu Außenseitern machen. Mein Antrieb sind der Rassismus, die Arbeitslosigkeit, die immense wirtschaftliche Ausbeutung der Entwicklungsländer und die Benachteiligung der unteren sozialen Schichten. Darüber schreibe ich. Die wahren Verbrecher sind nicht Kleinkriminelle, Zuhälter oder Prostituierte.

Sondern?
Korrupte Politiker, skrupellose Geschäftsleute, gewalttätige Polizisten und Militärs. Sie beherrschen große Teile der brasilianischen Gesellschaft und sie sind es, die unser Land herunterwirtschaften.

Ihr neuer Roman spielt in einer einfachen Samba-Bar voll von schrägen Typen. Besuchen Sie selbst Etablissements wie diese Bar do Apolo?
Gerade gestern war ich wieder in einer ganz ähnlichen, allerdings lag sie weit entfernt von der Gegend, in der mein Roman spielt. Früher konnte man die Bars und Bordelle, die ich beschreibe, noch in der Innenstadt finden. Inzwischen ist es dort aber sehr touristisch und künstlich geworden. Wenn ich heute eine solche Bar besuchen will, fahre ich meist weiter hinaus in die Vororte, dorthin, wo der Samba noch authentisch ist.

Zur Person
Paulo Lins, geboren 1958 in Rio de Janeiro,  ist ursprünglich Anthropologe und Soziologe. Er ist einer der international erfolgreichsten brasilianischen Autoren der vergangenen 15 Jahre. Sein Roman „Die Stadt Gottes“ („Cidade de Deus“) wurde 1997 zum Weltbestseller, 2002 als „City of God“ verfilmt und für vier Oscars nominiert. Sein neuer Roman „Seit der Samba Samba ist“ spielt im Rio de Janeiro der 20er Jahre.

Interview: Günter Keil

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