Literatur-Nachrichten

"Auskunft über Lebensräume"

„Stadt Land Fluss: Geschichten von der Gegenwart“ heißt das Motto beim forum:autoren im November. Kuratorin Dagmar Leupold lädt ein zu einer literarischen Reise durch die Provinz und in die Metropolen.

In diesem Jahr kuratieren Sie das forum:autoren, das im Rahmen des Münchner Literaturfests stattfindet. Wie feiert man ­Ihrer Meinung nach Literatur am besten?
Dagmar Leupold: Indem man die Begegnung mit Autoren und ihren Texten zu echten Begegnungen werden lässt. Die literarischen Figuren und Schauplätze sollen das Publikum überwältigen und im besten Fall mehr Vitalität ausstrahlen als die Realität vor der Tür. Ich biete keine literarischen Pauschalreisen an, stattdessen sollte jeder seine individuellen Erfahrun­gen machen können.

Was wäre denn eine literarische Pauschalreise?
Eine Begegnung mit literarischer Konfektionsware. Die Literatur, an der mir liegt, lässt sich dagegen nicht in feste Formate pressen. Sie ist freier und unberechenbarer. Diese Begabung zur Unberechenbarkeit macht für mich den großen Reiz von Literatur aus.

Für das diesjährige forum:autoren hatten Sie aber noch weitere Auswahlkriterien. Ihr Programm steht unter dem Motto „Stadt Land Fluss: Geschichten von der Gegenwart“.

Ich wollte nicht nur literarische Erfahrungsräume schaffen, Raum interessiert mich auch topografisch beziehungsweise geografisch. So habe ich mich beispielsweise gefragt, was die Metropolen, die Vorstädte und die Provinzen verbindet. Ist die Provinz vielleicht der letzte Rückzugsraum von Eigenart und Heimat oder ist auch dort längst alles genormt und standardisiert? Die Literatur, die ich ausgewählt habe, sollte eine Verankerung in Zeit und Raum haben.

Spielen nicht die meisten Romane irgendwo und irgendwann?
Natürlich, aber mir ging es darum, dass dieses Wo nicht nur Kulisse ist für eine ­Liebesgeschichte oder Ähnliches, sondern selbst Gegenstand literarischer Erkundung.

Wie genau schlägt sich Ihr Motto im Programm nieder?

Es wird in den Lesungen um die ganz großen Metropolen dieser Welt gehen, aber auch um abgeschiedene Landstriche, wie etwa das alte Galizien und die neue Ost­ukraine. Das Stichwort Fluss habe ich der Lyrik zugeordnet. Da geht es dann eher im metaphorischen Sinn um Flüssiges, um Verbindendes, aber auch um Wasser in allen seinen Erscheinungsformen.
Welche Art von Literatur findet im diesjährigen forum:autoren keinen Platz?
Ich habe versucht, auch den zweiten Teil meines Mottos, „Geschichten von der Gegenwart“, sehr ernst zu nehmen. Historische Romane kommen unter dieser Vorgabe nicht infrage. Was auch herausfällt, sind rein sprachvirtuose Bücher, die eben keine Auskunft geben über Lebensräume.

Auf welche Veranstaltungen freuen Sie sich besonders?
Ich bin sehr neugierig auf ein Podium, das „Spielräume des Alltags“ heißt. Dort werden zwei Architekten, ein Architekturtheoretiker und ein Architekturkritiker über Lebensräume und architektonische Kostümierung sprechen. Francis Kéré, der das Operndorf in Burkina Faso für Chris­toph Schlingensief gebaut hat, wird zum Beispiel auch mit dabei sein.

Und wie sieht es mit den literarischen Programmpunkten aus?
Es wird eine sehr schöne Lyrikveranstaltung geben, die an der Isar in der Muffat-Halle stattfindet. Vier Lyriker werden zum Thema Wasser reimen, singen und vorlesen – unter ihnen der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch, der auch seine kleine Band mitbringt. Und ich freue mich auf den indischen Autor Jeet Thayil, der mit „Narcopolis“ einen Roman über Mumbai geschrieben hat, den ich für eine wirkliche Landmarke halte (siehe Seite 37). Man begreift ganz Wesentliches über einen solchen Koloss von Stadt, wenn man das Buch liest. Das ist jetzt allerdings nur eine ganz spontane Auswahl aus dem Programm. Ich werde meine Vorfreude natürlich paritätisch aufteilen müssen. Insgesamt wird es ja 20 sehr interessante Veranstaltungen geben.

Zur Person
Dagmar Leupold, geboren 1955 in Niederlahnstein, ist seit 1980 freie Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie gehört dem Vorstand des Deutschen Literaturfonds an und leitet das „Studio Literatur und ­Theater“ der Universität Tübingen. Ihr Roman „Unter der Hand“ ( Jung und Jung) stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2013. ­Leupold lebt in München.

Interview: Nadja Einzmann

Das Literaturfest München bietet vom 6. bis 24. November zahlreiche Veranstaltungen rund ums Buch und läd dafür über 80 Autoren aus aller Welt in die bayerische Landeshauptstadt ein. Karten sind bei den jeweiligen Veranstaltungsorten und bei München Ticket zu erwerben über www.muenchenticket.de. Das vollständige Programm und den Newsletter zum Festival finden Sie unter www.literaturfest-muenchen.de.

Das Buchjournal ist Medienpartner des Literaturfests München!

 

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