Literatur-Nachrichten

Die Wohnträume der Elefanten und Gottes Humor

Der Literaturkritiker Denis Scheck stellt in seiner Sendung am 27. Oktober (Das Erste, 23.35 Uhr) die Bücher "Warum ich kein Christ bin" von Kurt Flasch (C.H. Beck Verlag) und Sabine Schos "Tiere in Architektur" (Kookbooks Verlag) vor.

Hier kommen die Informationen des Senders:

Hat Gott Humor? Kurt Flasch erklärt seine Zweifel am Glauben

 

Verschwenderische Bischöfe, Missbrauchsskandale an Internaten, antisemitische Bruderschaften – es gäbe genug Gründe, um mit einiger Skepsis auf die katholische Kirche zu schauen. Kurt Flasch aber, als Fachmann für antike und mittelalterliche Philosophie mit den Quellen des Christentums vertraut, schaut über aktuelle Anlässe hinaus. Seine Kritik gilt nicht dem heutigen Zustand der Amtskirche, sondern der christlichen Lehre selbst.

„Kann man vernünftigerweise Christ sein oder bleiben? Dies sorgsam zu erörtern, liegt, scheint mir, im allgemeinem Interesse. Es gibt viele Zweifler; die Zeit homogenen Volksglaubens ist in Europa vorbei. Es hagelt Kirchenkritik, aber die kirchlichen Lehren erfreuen sich großer Schonung. Viele reduzieren sie auf Nächstenliebe und lassen alles, was darüber hinausgeht, auf sich beruhen. Gerade darüber, also über die Wahrheit des christlichen Glaubens, möchte ich Unterhaltungen anregen. Es geht nicht um ‚Religion‘ im allgemeinen, sondern um christliche Ansprüche hier und heute. Sie fordern öffentlich politischen und gesellschaftlichen Einfluß, zum Beispiel auf die Gesetzgebung des Bundestags, auf die Gesundheits-, die Schul- und Medienpolitik. Schon deshalb sind sie in Ruhe zu prüfen.“

Der 83jährige Flasch tut dies mit gelassenem Blick, analytischer Schärfe, ohne Zorn, freundlich, geistreich. Seine Ausführungen gehören zum profundesten, das in jüngerer Zeit über die Kirche geschrieben wurde, und seine Fragen lassen sich oft ohne weiteres auch an andere Religionen stellen, an den Islam, das Judentum, den Buddhismus. Der Zweifel gehört zum Glauben, und Kurt Flasch zeigt uns höchst anregend, dass er als Grundhaltung des Lebens einige Berechtigung hat.

Kurt Flasch, geboren 1930, ist Philosoph und Historiker. Er lebt in Mainz. 2012 wurde er mit dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet.

(Kurt Flasch: Warum ich kein Christ bin. C.H.Beck Verlag)

 

Wie wollen Elefanten wohnen? Sabine Scho entwirft eine Poesie des Zoos

Das Paradies! Nichts anderes suchen wir, wenn wir in den Tierpark gehen. Die schönsten und wildesten Tiere in natürlicher Umgebung, ohne trennende Gitter, anmutig und friedlich vor Felsenimitat und anderen Simulationen. Schon in der Antike wurden gern Tiere ausgestellt, und heute entwerfen berühmteste Architekten spektakuläre Gebäude für die großen internationalen Zoos. Oder man stellt wenigstens ein Aquarium ins Wohnzimmer. Wir schauen die Tiere an, und die Tiere schauen zurück. Manchmal. Aber was denken sie sich dabei? Und was macht das mit uns?

„Das erste Tier, das kam, wann ich wollte, war ein Kamel, die Oberlippe gespalten.

Trauerbuche Europa titelte der Baum vor seinem Quartier. Es rutsche auf den Vorderläufen langsam die Kuppe herab, wenn es mit seinen geteilten Lippen aus meiner Hand tastend die Eicheln fraß. Seltsame Früchte, die auf seinem Planeten nicht wuchsen.

‚Es gibt nichts genau Definiertes, außer es wird exakt beschrieben: Um aber exakt zu beschreiben, muss man gesehen, nochmals gesehen und geprüft haben.‘

Ich überwand bis auf Armlänge den Ring aus Beton, mit Bodendeckern bepflanzt, der uns trennte. Was anderen und mir aus der Hand glitt, sammelte sich in dem wasserlosen Graben dahinter, einem überflüssigem Vorratsraum, dem zweiten Kreis eines begrenzten Wandelsterns, den man nicht heizte.

Jede Fotosafari begann hier…“

Die Lyrikerin Sabine Scho streift durch die Zoos dieser Welt, beschreibt, betrachtet, wundert sich. Welche Menschen bauen was für Tiergehege und warum? Mögen die Kamele, wie sie wohnen? Und wie fasst man das in Worte? Ein verblüffendes, lustiges, kluges, sprachlich originelles, außergewöhnliches Spiel, das alle Schubladen literarischer Genres souverän ignoriert und deshalb mehr Freude beim Lesen macht als Brehms Tierleben, der ganze Walt Disney und ‚Bambi‘ zusammen.

Sabine Scho wurde 1970 in Ochtrup geboren, sie studierte Germanistik und Philosophie und lebt in Berlin und Sao Paulo. 2001 wurde sie mit dem Leonce-und-Lena-Preis ausgezeichnet.

(Sabine Scho: Tiere in Architektur. Kookbooks Verlag)

 

…außerdem, wie immer, Denis Schecks Kommentar zu den Büchern auf der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste (diesmal Belletristik) und eine ganz persönliche Empfehlung: Silvia Bovenschen, Nur Mut. S. Fischer Verlag!

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