Literatur-Nachrichten

Der Allround-Künstler

Er illustriert und schreibt, singt und spricht Hörbücher ein. Es gibt kaum eine Kunstform, die Martin Baltscheit nicht beherrscht. In seiner Heimatstadt Düsseldorf sprachen wir mit ihm über seine Sehnsucht nach größtmöglicher künstlerischer Freiheit und über das perfekte Buch.

Die Kaffeemaschine macht es ihm schwer, sie pufft und blubbert, bis der Espresso schließlich aus nicht dafür vorgesehenen Ritzen rinnt. Martin Baltscheit ist ein bisschen verlegen. Es sei nicht grundsätzliche technische Unfähigkeit, sagt er, aber schließlich sei er Teetrinker, sodass die Kaffeezubereitung eigentlich in den Verantwortungsbereich seiner Frau Tina falle. Die aber werkelt gerade oben im Atelier und nutzt die Zeit, während die beiden Jungs im Kindergarten sind, endlich wieder ein wenig mit der Arbeit am nächsten Bilderbuch voranzukommen.

Ein schläfriger Flamingo wird darin die Hauptrolle spielen. Die gesamten Tier-Charaktere hat Martin Baltscheit erdacht und skizziert, ihre farbenfrohe räumliche Fülle verleiht ihnen nun seine Frau. „Als gelernte Restauratorin stehen ihr dabei eine Menge raffinierter Techniken zur Verfügung“, erklärt ihr Mann stolz. „Diese wunderbaren Farbverläufe, all diese Feinheiten“, so etwas beherrsche er leider nicht.

Wenn er Bücher allein illustriert, koloriert er alles mithilfe des Computers, mit Photoshop und InDesign. Dadurch wirken seine Bilder deutlich plakativer, die Figuren weniger dreidimensional – aber auch das hat seinen großen Reiz.

Abgesehen vom Kaffeekochen und den eleganten Farbverläufen kann Martin Baltscheit eigentlich alles. Er ist ein Allrounder. Angefangen hat er als Schauspieler beim Jungen Ensemble Düsseldorf, gleichzeitig hatte es ihm aber auch das Illustrieren angetan. Zu einer Karriere als Sänger hätte er selbstverständlich ebenfalls nicht Nein gesagt und dann war da noch die Schriftstellerei.
Sich zu entscheiden, ist ihm schwergefallen. Schließlich hat er dann mit Mitte zwanzig Kommunikationsdesign studiert. Seine Tochter kam damals zur Welt, und ein Leben als Schauspieler erschien ihm auf einmal zu unsicher.

Ganz davon abgesehen hätte ihn das Theaterspielen allein nie glücklich machen können, da ist er sich sicher: „Schließlich muss man immer genau so in die jeweiligen Rollen schlüpfen, wie der Regisseur es sich vorstellt. Wo bleibt da die kreative Freiheit?“ Mittlerweile setzt er seine schauspielerische Begabung deshalb nur noch als Hörbuchsprecher ein.

Sein eigener Regisseur ist er in seinen Büchern.  Er bestimmt das Timing, ist Kos­tümbildner, Beleuchter, Autor und Dramaturg in einem. Am Ende soll alles perfekt sein. Am Ende ist dann auch alles perfekt, zumindest wenn ihm der Verlag nicht zu viel hineinrede. Manchmal regt er sich über Literaturkritiker auf, die meinen, ihm irgendwelche Flüchtigkeitsfehler und Unsauberkeiten nachweisen zu müssen. Dabei ist, wenn das Buch am Ende erscheint, alles durch so viele Hände gegangen – durch die seiner Frau, durch die von Freunden und des Lektorats –, dass schließlich „nichts mehr zufällig, sondern alles volle Absicht ist“. Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor, für die Martin Baltscheit 2011 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, ist für ihn solch ein perfektes Buch geworden: „Die Illustration, die Typografie, der Text, alles greift ideal ineinander.“

Wer sich einmal ausführlich mit diesen Illustrationen und diesem anrührend vergesslichen Fuchs befasst hat, wer sich mit all den liebevollen Details beschäftigt hat, wie  den Seitenzahlen, die immer von einem gelenkigen Füchschen balanciert werden, der ahnt, mit wie viel Sorgfalt dieses Bilderbuch konzipiert wurde. Vielleicht ist es tatsächlich das perfekte Buch.

Martin Baltscheits neuestes Werk ist diesmal nicht für die jüngeren Kinder gedacht. Geschrieben hat er es für Jugendliche und Erwachsene. Es ist aus einem Theaterstück entstanden, für das der Autor 2010 den Deutschen Jugendtheaterpreis erhalten hat.

Auch in seinen Bilderbüchern scheut sich Baltscheit nicht, schwierigere, weniger sonnige Themen aufzugreifen. „Schon deshalb“, sagt er mit Nachdruck, „weil so ein Bilderbuch immer auch etwas für die ganze Familie ist. Der Vater und die Großmutter sollen sich genauso unterhalten fühlen wie der Nachwuchs.“

In „Die besseren Wälder“ geht es dann aber gleich noch eine Stufe weniger sonnig zu. In der friedlichen Welt der Schafe geschieht ein grausamer Mord. Verdächtigt wird der Wolfsjunge Ferdi­nand, der von einem kinderlosen Schafs­ehepaar heimlich adoptiert und als Schaf erzogen wurde.

Tief im Innern, so sind nach dem Unglück alle überzeugt, ist Ferdinand eben doch ein Wolf geblieben. Aber ist er das wirklich? Baltscheit spielt mit dem, was wir von einer Tierfabel erwarten – alles soll am Ende auf den Menschen übertragbar sein. Und tatsächlich sind auf seinen Illustrationen auch keine Tiere zu sehen, sondern schafshafte und wölfische Menschen. Dennoch lässt sich, was erzählt wird, nicht eins zu eins in unsere Wirklichkeit übersetzen – die Schafswelt und die der Wölfe haben eine ganz eigene Präsenz und Vitalität. Wenn beispielsweise der kleine Wolfsjunge vor den Augen seiner Adoptivmutter über die Grenzmauer hüpft, tut er das mit so viel Muskelkraft und Springfreude, dass die metaphorische Grenzüberschreitung dagegen beinahe verblasst.

Auch diese Wirkung ist kein Zufall, sondern volle Absicht. Baltscheit hat sich, als er zu schreiben begann, sehr genau überlegt, wann etwas für ihn funktioniert und wann nicht. Was für ihn nicht funktioniert, ist die unvitale Inhaltsangabe, die in der Literatur, wie er findet, so verbreitet ist. Da wird oft nur erzählt und zusammengefasst, während der Leser doch eigentlich alles hautnah miterleben sollte. Er sollte hören, was die Figuren hören, und wenn gesprungen wird, sollte er das in den eigenen Muskeln spüren.

Vielleicht ist auch das noch ein Überbleibsel aus Martin Baltscheits Zeit am Theater. Seine Bücher, Illustrationen wie Texte, sind sehr körperlich, sehr dynamisch. Da wird umarmt, geklettert und gerannt,  bis der Atem pfeift. „Dabei“, sagt er und seine sehr blauen Augen leuchten vergnügt, „sind Schriftsteller ja meist keine Tatmenschen, sondern vielmehr Schreibtischtäter.“
Aber wenn sie schon nichts selbst erleben, sollten sie, was sie sich ausdenken, wenigstens zu einem Erlebnis für den Leser werden lassen.

Demnächst wird es Zeit, die Zwillinge vom Kindergarten abzuholen. Aber vorher wollen wir noch einmal seine Frau oben im Atelier besuchen. Die ist gerade dabei, auf den flaumig geplusterten Federball des Flamingo-Körpers einige pinkfarbene Akzente zu setzen. Für sie, sagt sie, ist das Illustrieren die größte Erholung. Und viel freie Zeit bleibt dem Paar ohnehin nicht neben der Arbeit und den Kindern. Die meiste Zeit wird in die Kunst gesteckt. Martin Baltscheit tut das, indem er Hörbücher einspricht, indem er auf manchen Hörbüchern auch singt, indem er Theaterstücke verfasst, Kinderbücher schreibt und illustriert – und vielleicht gelingt es im nächsten Jahr sogar, aus „Die besseren Wälder“ einen Spielfilm zu machen. „Aber natürlich trödelt auch er gelegentlich ein wenig herum“, sagt seine Frau. Und dann stellt sich heraus, dass Martin Baltscheit, der schon in so vielen Künsten heimisch ist, mit Vorliebe nachts vor dem Schlafengehen noch ein wenig auf dem Steinway seiner Frau herumklimpert. Klavier spielen kann er allerdings gar nicht. Vermutlich wird er auch das bald gelernt haben.

Nadja Einzmann

Titel

  1. Die besseren Wälder
    • VerlagBeltz, J
    • Preis 19,95 €
    • ISBN 978-3-407-82033-4

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    Hier reinlesen

  2. Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte
    • Preis 5,90 €
    • ISBN 978-3-937337-01-2

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  3. 5 Yetis suchen ein Zuhause (3 CDs)
    • VerlagDer Audio Verlag
    • Preis 14,99 €
    • ISBN 978-3-86231-290-0

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