Literatur-Nachrichten

"Damit habt ihr nicht gerechnet!"

Wenn Philip Ardagh, Axel Scheffler und Harry Rowohlt aufeinandertreffen, wird’s anarchisch-schräg hoch drei – wie ihr herrlich witziges Kinderbuch „Familie Grunz“ zeigt.

Er verrät Kindern das letzte große Geheimnis über Erwachsene: „Nur weil wir erwachsen sind, bedeutet es nicht, dass wir die Welt komplett begreifen und uns immer rational und sinnvoll verhalten“, sagt Schriftsteller Philip Ardagh. „Erwachsene sind genauso unsicher, kleinlich, eifersüchtig und haben Missverständnisse wie Kinder … wir sehen nur größer und älter aus und tun so, als ob wir alles kontrollieren könnten!“ Diese Tatsache parodiert der über zwei Meter große Brite in den erwachsenen Charakteren seines neuesten Kinderbuchs „Familie Grunz hat Ärger“ mit gro­ßem Vergnügen. „Es war an der Zeit, eine eher raubeinige Sorte verrückter Leute anzugehen. Ich mag es, dass Herr und Frau Grunz trotz ihrer scheinbaren Grobheit zueinander immer noch so verliebt sind wie am ersten Tag.“

Mit einem selbst gebauten Wohnwagen zieht das Paar durchs Land, bis der grummelige Herr Grunz eines Tages einen Jungen klaut, der an den Ohren an einer Wäscheleine hängt ... Er schenkt ihn seiner Frau, die entzückt eines ihrer alten Kleider blau färbt, weil sie weiß, dass „Blau die Farbe für Jungs ist“. „Sohnemann“, wie der sympathische Held der Geschichte genannt wird, besteht also fortan im Kleid seine Abenteuer – und davon gibt es viele. Ob es die Machenschaften des betrügerischen Geländerfabrikanten und Gutsbesitzers Herr v. Guuth aufzuklären gilt, er den Schuhputzjungen Mimi (der eigentlich ein Mädchen ist) vor attackierenden Bienen retten muss, vom Clown Lippi einen treuen Elefanten kauft und mit ihm die Sprengung der Guuth’schen Villa verhindert: Sohnemann ist stets warmherzig, hilfsbereit und mit Understatement klug.

„Leben ist, was man daraus macht“ lau­tet Ardaghs Botschaft. „Eine Sichtweise ist, dass Sohnemann das Opfer einer Entführung ist; er wurde von Herrn Grunz von einer Wäscheleine gestohlen, an Frau Grunz als Geschenk übergeben, aufgezogen in einem Campingwagen. Schock! Horror! Eine andere Sichtweise ist, dass sie ihn ­gerettet haben: Babys sollte man einfach nicht an den Ohren an einer Wäscheleine hängen lassen!“, meint Ardagh. „Das Leben schmeißt uns die verschiedensten Sachen vor die Füße und wir machen daraus das ­Beste, was wir können. Liebe und Freundschaft sind der Kitt, der uns dabei hilft, diese Dinge zu meistern.“

Mehr als 100 Bücher hat der 52-Jährige schon geschrieben, sogar mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis wurde er aus­­ge­zeichnet. Ihm gefällt es, „den Leser zu über­raschen (DAMIT habt ihr nicht ge­­rechnet!), und manchmal mag ich es, wenn der Leser fühlt, dass er mich überholt hat (Ich WUSSTE, dass das passieren würde, Herr Ardagh!). Je nachdem, wie man eine Geschichte erzählt, können diese Reak­tio­nen und Antworten mitgestaltet ­werden. Ich liebe es, MIT dem Leser zu arbeiten.“

Den unglaublichen Wortwitz aber könn­ten die deutschen Leser gar nicht genießen, wenn es nicht Harry Rowohlt gäbe. In ­puncto sprachlicher Eloquenz steht der vielfach ausgezeichnete Übersetzer Ardahg in nichts nach. Bei Wortreihen wie „Sie war bass erstaunt; verdattert; verblüfft; verstört. (Du weißt, was ich meine)“ ahnt man, wie viel Kreativität er beim Transfer von Sätzen und Situationen aufbringen muss, immer in der Überlegung, wie weit er sich vom Originalwort entfernen kann. Viele Wortwitze lassen sich nicht wirklich übersetzen: Dann muss Rowohlt selbst nacherfinden und schreiben.

Die Illustrationen zur „Familie Grunz“ stammen von Axel Scheffler, der 1982 Grafik in Corsham studierte und mit seiner ­Familie in London lebt. Hierzulande ist er höchst populär durch „Räuber Ratte“ oder das liebenswerte Waldmonster Grüffelo. Vergan­genes Jahr wurde dem 56-Jährigen die Ehre zuteil, die Weihnachtsbrief­mar­ken der Britischen Post zu entwerfen: ­Locker-lässig stehen seine Pinguine und Rentiere im Kontrast zum Kopf von Königin Elisabeth II.

Die Ideen für die Figuren der Grunzens entwickelten sich rasch: „Der Text ist einfach sehr witzig geschrieben, gegen den Strich gebürstet, da müssen es auch die Bilder sein“, erzählt Scheffler, „die Figuren kamen vom Kopf in die Hände und aufs ­Papier.“ Er macht zunächst Skizzen, zeigt sie der Lektorin und arbeitet dann aus. Philip Ardagh lässt ihn „die Grunzens auf seine Weise interpretieren. So bekommt der Leser sowohl meine als auch Axels Sicht der Dinge: zwei zum Preis von einem!“

Scheffler arbeitet am liebsten tagsüber im Studio unterm Dach seines viktorianischen Hauses mit Blick über Gärten. Beim Zeichnen hört er gern Musik, BBC 3 oder Deutschlandfunk; gelegentlich düsen Flugzeuge auf dem Weg zum Flughafen Heathrow übers Haus. Oder seine fünfjährige Tochter stürmt ins Studio und „arbeitet“ auch: „Sie kann eigentlich schon besser zeichnen als ich“, meint Scheffler und schmunzelt.

Als sich Scheffler und Ardagh in London trafen, hat die britische Verlegerin Kate Wilson als Pendant zu Philips Rauschebart einen Bienenbart konstruiert: „Wir haben ein Foto im St. James Park aufgenommen – das war schon komisch, die Leute guckten, als ich dort mit diesem Bart herumgelaufen bin ...“

Ardagh schreibt bereits an einem zweiten Band, in dem neben den Eseln Klipp und Klapp oder Elefant Finger neue Charaktere hinzutreten, etwa „ein Rollstuhlturner, der die Geschwindigkeit liebt, ein Mann, der entweder unglaublich unverschämt oder unglaublich ehrlich ist, ein Pärchen, das nichts Gutes im Sinn hat und einen falschen Schnurrbart zwischen sich zu teilen scheint“, erzählt Ardagh. „Und ein Mann in einer Tonne. Er trägt sie über seinen Kopf gestülpt, seine Füße ragen unten heraus und seine Arme durch Löcher an den Seiten. Sie wissen schon: die ganz typischen, ganz normalen Leute eben …“
Stefan Hauck

Titel

  1. Familie Grunz hat Ärger
    • VerlagBeltz, J
    • Preis 16,95 €
    • ISBN 978-3-407-82040-2

    bestellen

  2. Familie Grunz hat Ärger
    • VerlagBeltz, J
    • Preis 12,95 €
    • ISBN 978-3-407-82032-7

    bestellen
    Hier reinlesen

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld