Literatur-Nachrichten

Wasser und kaputte Menschen

John von Düffel ist ein großartiger Erzähler. Schade, dass es in seinen Büchern keine guten Nachrichten gibt. Seinen neuesten Erzählband kann man trotzdem nur empfehlen.

„Hat der nicht schon einmal was über Wasser geschrieben?“ Diese Frage bekommt man mit dem neuesten Erzählband John von Düffels in der Hand schnell gestellt. Mir ist es in der vergangenen Woche gleich dreimal so ergangen. Tatsächlich: Der Roman „Vom Wasser“ ist kurz vor der Jahrtausendwende erschienen. Der Erzählband „Wasser und andere Welten“ 2003. „Wir kehren immer zum Wasser zurück“, ist der erste Satz, den von Düffel nach eigener Aussage in Prosa verfasst hat. Es heißt, dass er sich selbst das Schwimmen beigebracht hat und schon seit Kindesbeinen eine Wasserratte war.

Immer wieder hat John von Düffel angekündigt, nicht mehr über das Schwimmen schreiben zu wollen. Gehalten hat er sich nie daran. Zum Glück. Die Besessenheit, mit der er über das Wasser und das Schwimmen schreibt, ist hoch poetisch. Und verstörend. Wer kein Wasser mag, kann hier versuchen zu verstehen, was andere in die eisigsten Fluten treibt - und dabei seine Zehen unter der behaglich warmen Bettdecke ausstrecken.

Über von Düffel ist bekannt, dass der Bühnenautor in den USA wie exzessiv Schwimmsport betrieben hat und tüchtig gedrillt wurde. Mit routinierter Konzentration krault er durch seine Erzählungen, die in der phänomenalen Frühjahrsvorschau von DuMont bestens aufgehoben sind. Elf Erzählungen sind in „Wassererzählungen“ enthalten. Wasser und kaputte Menschen haben in allen einen prominenten Platz: Was kann man aber an Leichtigkeit erwarten von einem Erzählband, der damit eröffnet, dass sich ein Mann im Winter in die Ostsee stürzt und dabei nur knapp dem Tod entkommt? Wo eine im neunten Monat schwangere Frau ein totes Kind mit sich herumträgt? Noch schrecklicher ist aber, dass die Beklemmung von Beginn an spürbar ist, wie bei einem Eisberg liegt bei von Düffel die große Gefahr unter der Wasseroberfläche verborgen. Gescheiterte Ehen, bankrotte oder zerrissene Familien, alt gewordene, verlorene Väter, untreue Frauen – von Düffel malt keine Welt aus Zuckerwatte. Vieles bleibt rätselhaft, mythologisch und nebulös: Seltsame Träume, der mysteriöse Japaner, der junge Frauen dafür bezahlt, dass sie zwei Mal 55 Minuten täglich achtsam in seinem Pool schwimmen, das alles ist seltsam und beklemmende Schauerliteratur, aber sehr schön. Man möchte sagen: tiefgründig, wenn das nicht eine Wassermetapher zu viel wäre.

Kai Mühleck

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