Literatur-Nachrichten

Auf der Suche nach Erkenntnis

Kinder lieben es, zu philosophieren und über Freundschaft, Glück oder Gut und Böse nachzudenken. Das hört auch mit der Pubertät nicht auf. Anregungen geben lesenswerte Bücher zum Nach- und Selberdenken.

Beim Stichwort „Philosophie“ erstarren viele erst in Ehrfurcht – und winken dann ab: Sie ist langweilig, lebensfern, nichts, was im Alltag nützt. Und Kant, Hegel oder Adorno versteht schon kaum ein Erwachsener, Kinder soll man mit ihnen doch bitte erst recht nicht quälen.

Diesem letzten Punkt stimmt Kristina Calvert zu, die seit mehr als 20 Jahren mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, den anderen beiden nicht: „Philosophieren macht vielen Kindern und Jugendlichen Spaß“, sagt sie, und es sei überhaupt nicht lebensfern. „Vielmehr geht es gerade um Themen, die kleine und auch große ­Menschen beschäftigen“: Freundschaft oder Glück zum Beispiel. Die 52-Jährige schreibt selbst philosophische Bilderbücher wie „Wolkenbilder und Möwendreck“ (aracari Verlag) und sie bietet Kurse in Kindergärten und Schulen an. „Es sind nicht nur besonders begabte oder von den Eltern geförderte Kinder, die sich dafür interessieren“, berichtet sie. Kinder brauchen keine besonderen Voraussetzungen. Sie müssen nicht einmal sprachlich besonders geschult sein: „Auch Kinder mit Migrationshintergrund, die noch nicht gut Deutsch sprechen, sind begeistert dabei.“ Das ändert sich auch nicht, wenn sie schließlich in die Pubertät kommen, und so gibt es dann auch für Teenager interessante und gut lesbare Bücher zum Nach- und Selberdenken.

Das erste Philosophiebuch, das viele junge – und auch ältere – Leser begeis­terte, war „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder. Jetzt gibt es von dem Norweger wieder etwas Neues zu lesen: „2084. Noras Welt“. Der Titel verweist auf George Orwells düs­tere Zukunftsvision „1984“ ebenso wie auf „Sofies Welt“.

Nora ist ein Mädchen, das sich mit dem Klimawandel und mit dem Menschen als dessen Verursacher auseinandersetzt. Gaarders Buch beginnt mit einem Silves­tertag, an dem das bisher übliche Schlittenfahren ausfällt, das Nora so sehr gemocht hat, weil kein Schnee gefallen ist – und „die Erwachsenen murmelten etwas von ‚globaler Erwärmung‘“. Nora hat sich dieses Erlebnis mit dem anderen Wetter tief eingeprägt, und als sie älter wird, macht sie sich Ge­danken darüber, wie die Welt im Jahr 2084 aussehen wird, wenn die Menschen weiterhin so viel CO2 in die Luft schicken, die Meere vergiften und die Wälder abholzen. Darüber diskutiert sie mit einem Freund, aber auch mit einem Psychiater, zu dem sie geht, weil sie ihre Eltern mit ihrer allzu heftigen Fantasie beunruhigt. Und dann bekommt sie zu ihrem 16. Geburtstag einen alten Ring geschenkt, von dem es heißt, dass er Wünsche erfüllen kann – und ein Wunder wäre ja dringend nötig, um die Welt zu retten. Jostein Gaarders neues Werk ist keine klassische Philosophieabhandlung, aber ein Buch, das sich um Ethik, um praktische Philosophie dreht und wichtige aktuelle Fragen reflektiert.

Oscar Brenifier ist ebenfalls kein Newcomer, wenn es um Philosophie für Kinder und mit ihnen geht. Er gibt Seminare, veröffentlicht die Buchreihe „Philosophieren mit neugierigen Kindern“ (ab 8) und außerdem eine weitere Reihe mit Illustrationen von Jacques Després über philosophische Fragen für schon etwas ältere Kids. Sie startete mit dem Band „Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?“. Das Buch setzt sich mit Grundfragen des philosophischen Denkens wie dem Gegensatzpaar Körper und Geist auseinander und wurde 2012 mit dem Deutschen Jugend­literaturpreis in der Sparte Sachbuch ausgezeichnet. Jetzt ist mit „Was, wenn Gott einer, keiner oder viele ist?“ der vierte Band der Reihe erschienen.

„Manche denken, dass Gott uns durch die heiligen Bücher, das Wort der Propheten oder der Geistlichen offenbart wird“, heißt es hier, und dabei sitzt eine von Després’ liebenswert-eigenwilli­gen Figuren mit riesigem Kopf an einem Tisch und beugt sich über Bücher. „Andere glauben, dass Gott sich jedem im Innersten zu erkennen gibt, sobald man seine Anwesenheit akzeptiert“, hier schaut die Figur auf einen kleinen Blütenzweig. Die Philosophiereihe lebt von dem Miteinander des kurzen, prägnanten Textes mit den witzigen Bildern.

Jens Soentgen erklärt in seinem Buch „Selbstdenken!“ Praktiken der Philosophie. Dazu zählen für ihn die Logik ebenso wie Gedankenexperimente, aber auch das Parodieren und Provozieren. Er berichtet von unangepassten Philosophen wie Sokrates, der von den Athenern zum Tod durch Gift – in Form des berüchtigten Schierlingsbechers – verurteilt wurde. Und vom frechen Diogenes, der sich in der Öffentlichkeit unflätig benommen und Alexander dem Großen gesagt haben soll, dass er ihm aus der Sonne gehen möge. Der leider nur kurze Abschnitt – es gab offenbar nicht allzu viele aufmüpfige Denker – endet in der Gegenwart, in der es schwer sei, zu provozieren, weil fast alles erlaubt ist.

Das höchst informative und lesenswerte Buch lädt zum Philosophieren, zum Selbstdenken, aber auch zur kritischen Distanz ein, und die ist gerade heute angesichts immer neuer Medienhysterien vielleicht noch nötiger als in vergangenen Zeiten. Man sollte früh mit dem Philosophieren beginnen und von da ab nie wieder damit aufhören. Dabei kann man sich immer auf interessante, anregende Bücher stützen.

Sabine Schmidt

Titel

  1. 2084 - Noras Welt
    • VerlagHanser, Carl
    • Preis 14,90 €
    • ISBN 978-3-446-24312-5

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  2. Selbstdenken!
    • VerlagBeltz, J
    • Preis 8,95 €
    • ISBN 978-3-407-75526-1

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  3. Was, wenn Gott einer, keiner oder viele ist?
    • VerlagGabriel Verlag/Thienemann
    • Preis 12,95 €
    • ISBN 978-3-522-30345-3

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