Literatur-Nachrichten

Das Spiel mit fernen Welten

Die Zukunft hat begonnen – jedenfalls in einigen wichtigen Romanen, die in jüngster Zeit erschienen sind. Die Autoren Georg Klein, Matthias Politycki, Reinhard Jirgl und Viktor Jerofejew entwickeln freilich völlig unterschiedliche Szenarien.

Sie wissen schon: „Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200.“ Und so weiter. Mit diesen Worten beginnt jede Folge der legendären Serie „Raumschiff Enterprise“, einer Saga mit unüberschaubar großer Fangemeinde. Wer es jemals wagen sollte, „Star Trek“ als einen trivialen Beitrag zur Populärkultur zu bezeichnen, darf mit scharfem Protest rechnen. Und das Genre der Science-Fiction – der Versuch, Utopien, Dystopien und Zukunfts­szenarien detailreich auszumalen – hat schließlich nicht nur im Film, sondern auch in der Literatur eine gute Tradi­tion, man denke nur an Huxleys „Brave New World“ oder an Orwells „1984“.

Und doch ist auffällig, dass allein in diesem Herbst mindestens vier Romane von hochkarätigen und etablierten Schriftstellern erschienen sind, die in einer mehr oder weniger fernen Zukunft angesiedelt sind, und das nicht nur als kleines Spiel, sondern als ernsthafte Versuchsanordnung. Nicht nur die Autoren sind gewichtig; ihre Romane sind es auch: Unter 380 Seiten macht es keiner. Was aber ist der Reiz am Spiel mit fernen Welten und Zukunftsvisionen? Welchen literarischen Mehrwert hat die Transformierung von Handlungen in eine ferne Zeit? Und lassen sich all diese Bücher überhaupt über einen Kamm scheren? Zumindest die Antwort auf die letzte Frage ist eindeutig. Sie lautet ganz klar: „Nein!“

Georg Klein zum Beispiel gilt als einer der avanciertesten Vertreter einer neoromantischen Bewegung in Deutschland. In seinem neuen Roman „Die Zukunft des Mars“ landen wir, ohne Anflug, ohne Vorwarnung, umgehend auf dem Roten Planeten, be­gleitet von einer im typischen Georg-Klein-Sound intonierten Erzählstimme mit all ihren Verniedlichungen, Poetisierungen und Ziselierungen. „Die Zukunft des Mars“ ist ein, wie könnte es anders sein, kompliziert gebautes und ungemein gedachtes Buch, voll kurioser Einfälle, bevölkert von Kindheitsfantasien, die auf literarischer Ebene höchst ernst genommen werden, allen voran eine Kreatur namens Mockmock, die als Projektionsgefäß einer ganzen Gesellschaft fungiert.

Und es gibt, als Gegenpol, den Blick auf den verheerten Blauen Planeten, auf die Erde, in der die Demokratie längst abgeschafft und Amerika von einem Vulkanausbruch ausgelöscht wurde. In Germania, der Hauptstadt des mittlerweile unter chinesi­scher Herrschaft stehenden Deutschlands, lebt, und das ist die weltliche Erzählperspektive, das Mädchen Alide, deren Bestrebungen gen Himmel gehen und die von einem Wissenschaftler auf den Mars geschickt wird. Georg Klein schert sich nicht darum, dass man seinen Plot abstrus finden könnte; ihm geht es um das Sehnen, um die Vereinigung der unterschiedlichsten Welten in der Literatur. Das ist legitim, und es ist kunstvoll gemacht.

Matthias Politycki, der vor einem knappen Jahrzehnt mit seiner Forderung nach einem „relevanten Realismus“ eine Debatte in den Feuilletons auslöste, könnte ästhetisch gar nicht weiter von Georg Klein entfernt sein. Und doch ist auffällig, dass sein Roman „Samarkand Samarkand“ mit einem postdemokratischen Szenario aufmacht. Das Deutschland des Jahres 2026 ist aufgerieben zwischen den Fronten von Russen, Chinesen und radikalen Islamisten und wird verteidigt von einer Gruppe sogenannter Deutschländer, einer türkischstämmigen Bevölkerung mit Bundeskanzler Yalcin an der Spitze. Von dort aus macht sich ein Mann namens Kaufner, Abenteurer und Söldner, auf in Richtung Usbekistan, um die heilige Grabstädte des Mongolenherrschers Timur zu finden und zu vernichten – ein symbolischer Akt; eine Art 9 / 11, nur umgekehrt. Kaufner gerät in ein Land mit unklaren Verhältnissen und in eine mächtige, erhabene Gebirgslandschaft obendrein (die der Autor selbst mehrfach persönlich erkundet hat).

Polityckis Roman ist eine mitreißende Abenteuergeschichte, und es ist unzweifelhaft, dass sie nicht als eine Schreckensvision, sondern als eine in die nähere Zukunft verlängerte Darstellung der Gegenwart gedacht ist. Die Konflikte, die uns umtreiben, hat Politycki verdichtet und weitergedichtet.

Ähnliches lässt sich auch über „Nichts von euch auf Erden“, den Roman des Büchnerpreisträgers Reinhard Jirgl, sagen. Jirgl, ein Apokalyptiker, hat sein Buch im 25. Jahr­hundert angesiedelt. Darin werden Zwangsarbeiter von der Erde zunächst auf den Mond und dann auf den Mars abtransportiert. Von Georg Kleins träumerischen Visionen ist Jirgls komplexes und in der bei ihm üblichen eigenwilligen, an Arno Schmidt erinnernden Orthografie verfasstes Werk buchstäblich Lichtjahre entfernt. Bei Jirgl wird die Zukunft zu einem Gedankenfeld dafür, was Menschen in der Lage sind, einander anzutun, und dabei kennt seine Fantasie keine Grenzen.

Eine aktuelle Zustandsbeschreibung in der überspitzten Form einer Zukunftsvision liefert schließlich auch der Russe Viktor Jerofejew. „Die Akimuden“, so der Titel seines Romans, steht für eine nicht näher bestimmte Inselgruppe, die auf der Landkarte nicht zu finden ist, aber eine Botschaft in Moskau eröffnet, die wiederum zu einem Kraftzentrum dunkler und unerklärlicher Umtriebe wird. Jerofejew stellt sich, wie auch sein Kollege Wladimir Sorokin in seinen Romanen, mit „Die Akimuden“ in eine lange Tradition des surrealistisch angehauchten Erzählens, das in Wahrheit nur einen Zweck hat: die politische Gegenwart satirisch überzeichnet zu entlarven. Nicht nur bei Sorokin lernen wir: Wie auch immer man die Zukunft in Romanen beschreibt – sie hat schon längst begonnen.

Christoph Schröder

Titel

  1. Die Zukunft des Mars
    • VerlagRowohlt
    • Preis 22,95 €
    • ISBN 978-3-498-03534-1

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  2. Samarkand Samarkand
    • VerlagHoffmann und Campe
    • Preis 22,99 €
    • ISBN 978-3-455-40443-2

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  3. Nichts von euch auf Erden
    • VerlagHanser, Carl
    • Preis 27,90 €
    • ISBN 978-3-446-24127-5

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  4. Die Akimuden
    • VerlagHanser Berlin
    • Preis 24,90 €
    • ISBN 978-3-446-24370-5

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