Literatur-Nachrichten

Wild at Heart

Mitten ins Herz getroffen hat uns der gleichermaßen zarte wie kraftvolle Roman "Wild at Heart". Außerdem empfehlen wir das große kleine Buch "Eine kurze Geschichte des Sterbens" und die Berliner Milieustudie "Blutsbrüder" von 1932, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat.

Justin Torres: „Wir Tiere“ (DVA)
Es ist die an jungen Wilden wie Junot Díaz geschulte Stimme des Autors, ihre unbändige Kraft und ihr Rhythmus, die den Leser mitreißt: „Wir waren sechs schnappende Hände, sechs trampelnde Füße; wir waren Brüder, Jungs, drei kleine Könige im Kampf um mehr.“ Wie junge Hunde streunen der namenlose Icherzähler und seine Brüder durch die Straßen der heruntergekommenen Kleinstadt in Upstate New York. Wie die drei versuchen, sich einen Reim auf ihre Welt und die Geheimnisse des Erwachsenenlebens zu machen, zeigt Justin Torres in einer Folge kurzer Kapitel. Dank der herausragenden Übersetzung von Peter Torberg überrollt uns die Geschichte mit der Wucht einer Heavy-Metal-Band – und trifft doch, zärtlich wie ein Liebeslied, mitten ins Herz. Niels Kahlefendt

Linda Benedikt: „Eine kurze Geschichte vom Sterben“ (Arche)
Nur etwas über 120 Seiten dick ist das Buch der 1972 geborenen Linda Benedikt, doch die haben es in sich. Sieben Tage, sieben Kapitel, rückwärts erzählt. Eine junge Frau kommt von London, wo sie lebt, in ein Münchner Krankenhaus. Dort liegt die Mutter, vom Krebs zerfressen, und stirbt. Die Tochter quartiert sich in ihrem Zimmer ein. Wäscht die Mutter, cremt sie ein. Die Beschreibungen sind ungeschönt. Das muss so sein. Denn während auf dem Krankenhausfern­seher die „Schwarzwaldklinik“ läuft, zeigt sich hier das wahre Leben – und das wahre Sterben. Zu Beginn glaubt die Tochter noch an einen höheren Sinn. Am Ende stellt sie fest, dass der Tod unnütz ist. Die Mutter war schön, die Tochter erinnert sich. Das Verhältnis der beiden ist ambivalent. Linda Benedikt lässt den beiden Frauen ihre Würde. Das ist das Große an diesem kleinen Buch. Christoph Schröder

Ernst Haffner: „Blutsbrüder. Ein Berliner ­Cliquenroman“ (Metrolit)
Sie heißen Jonny, Ludwig, Fred und Hans. Ihr Zuhause ist die Straße. Sie arbeiten als Tagelöhner, betteln oder stehlen und sind immer wieder auf der Flucht vor der Polizei. Ernst Haffners im Reportagestil verfasster Roman „Blutsbrüder“, der zuerst 1932 erschien, ist eine Wiederentdeckung dieses Bücherherbsts. Die Milieustudie über proletarische Berliner Jugendliche in der Zeit der Weimarer Republik erzählt in hart aneinandermontierten Kapiteln von der Armut, aber auch von der List, dem Erfindungsreichtum und der Solidarität der Jugendlichen – ungekünstelt, manchmal etwas zu holzschnittartig. Haffner vermittelt das drastische Bild einer schonungslosen Lebenswirklichkeit, das  seither nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Die Spur des Autors, der als Journalist und Sozialarbeiter tätig war, verliert sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Beate Tröger

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