Literatur-Nachrichten

"Wir dürfen nicht wegschauen"

Die Augen richten sich auf die Leipziger Buchmesse (13. bis 16. März 2014): Durch die dramatischen Ereignisse am Kiewer Maidan steht in diesem Jahr der Osteuropa-Schwerpunkt tranzyt, mit Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus, besonders im Fokus. Ein Interview mit Kurator Martin Pollack. 

Nicht wenige der nach Leipzig eingeladenen Autoren stehen in diesen Tagen auf dem Maidan. Mit welchen Gedanken verfolgen Sie die Fernsehbilder aus Kiew?
Auf der einen Seite habe ich unglaubliches Mitgefühl und Besorgnis, niemand kann heute abschätzen, wie sich die Dinge entwickeln. Auf der anderen Seite bin ich froh, dass mir die Buchmesse Gelegenheit gegeben hat, dieses Programm zu gestalten. In Zeiten wie diesen ist es unglaublich wichtig, offen zu sprechen, die Protagonisten selbst zu hören, ihnen Fragen zu stellen.

Ihr Programm haben Sie lange vor der Zuspitzung in der Ukraine konzipiert ...
Ich weiß nicht, ob man das Glück nennen sollte, aber wir haben schon die richtigen Themen gewählt. Wir haben nicht nur den "vergessenen" Ersten Weltkrieg im Blick, sondern natürlich auch die Protestbewegungen, das steht einfach auf der Tagesordnung. So holen wir etwa die Macher der Zeitschrift "proStory" nach Leipzig, die eine Nummer zum Maidan vorbereitet haben. Auch der Aufschwung der Neuen Rechten wird uns beschäftigen. Es ist gut, mit unseren Freunden offen darüber zu reden. Es ist wie ein Sprung in unbekanntes Gewässer: Man weiß nicht, wie tief es ist.

Sie haben oft beklagt, dass wir die Ukraine oder Weißrussland nur unter politischen Vorzeichen wahrnehmen, wobei die Literaturen dieser Länder zu kurz kommen. Lässt die aktuelle Situation diesen literarischen Blick überhaupt zu?
Man muss es positiv sehen: Solche Ereignisse sind auch eine Chance für die Literatur, weil die Aufmerksamkeit jetzt auf die Ukraine gerichtet ist. Das dann auch zu nutzen, halte ich nicht für unmoralisch Wobei ich nicht dafür bin, dass man die Literatur instrumentalisiert. Die Verlage spitzen jedenfalls nun beim Wort "Ukraine" die Ohren, das ist hilfreich. Die Literatur kann uns in einem weit umfangreicheren Maß erklären, was dort gerade passiert. Man muss tiefer graben, um zu verstehen.

In einem aufrüttelnden Beitrag für den "Standard" haben Sie gefragt, was der Westen tun kann. Sind sie inzwischen zu einer Antwort gekommen?
Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Zuallererst geht es um Information. Wir dürfen nicht wegschauen, diese dramatischen Ereignisse gehen uns direkt an.

2014 endet das auf drei Jahre angelegte tranzyt-Programm. Wie fällt ihre Bilanz aus?
Drei Jahre sind lang, wenn man nicht mehr so jung ist (lacht). Auf der anderen Seite sind sie natürlich auch kurz. Aber ich glaube, wir haben eine Menge Leute erreicht, deren Bewusstsein geschärft. Und auch bei Verlagen ist das Interesse heute größer als noch vor zwei, drei Jahren. Ich erlebe das jeden Tag. So produziert Fototapeta, ein kleiner deutscher Verlag, mit dem ich seit 2011 freundschaftlich verbunden bin, dieser Tage noch einen Band mit Texten über den Maidan. Residenz hat einen wunderbaren zweiten Band der ukrainischen Autorin Tanja Maljartschuk vorgelegt - so funktioniert es, in kleinen Schritten.

Und wie geht es weiter?
Wir sollten die drei Jahre nicht einfach vergessen. Man wird das, was in dieser Zeit passiert ist, vielleicht nicht mit derselben Intensität fortsetzen können. Aber man sollte es im Hinterkopf bewahren. Es wird in Polen, der Ukraine und Belarus großartige Literatur geschrieben, die es wert ist, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Allein um zu verstehen, was heute auf dem Maidan passiert. 

Martin Pollack, geboren 1944, Autor und Übersetzer, lebt in Wien und im Burgenland. Für sein Buch "Kaiser von Amerika" erhielt er 2011 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

 

tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus.

13. bis 16. März, Forum OstSüdOst, Halle 4, Stand E 505

www.leipziger-buchmesse/tranzyt

www.leipzig-liest.de

tranzyt ist ein Projekt der Leipziger Buchmesse, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Kooperation mit der Rinat Ahmetov Stiftung Rozvytok Ukrajiny“, der Allianz Kulturstiftung, dem Lemberger Verlegerforum,  dem Polnischen Buchinstitut, dem Polnischen Institut Berlin −  Filiale Leipzig und dem Goethe-Institut Minsk. Koordiniert wird das Programm von der Kulturmanagerin Kateryna Stetsevych.

Interview: Nils Kahlefendt

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