Literatur-Nachrichten

"Es geht darum, sich mit einer völlig anderen Welt vertraut zu machen"

Viele Deutsche fürchten im Alter nichts mehr als Demenz. Doch muss das Leben für Kranke und Angehörige nicht schrecklich sein, sagt Bestsellerautorin Sabine Bode. Wir haben mit der Kölner Journalistin über ihr neues Buch "Frieden schließen mit Demenz" gesprochen.

Wie sind Sie zu dem Thema Demenz gekommen?
Seit etwa zehn Jahren biete ich Veranstaltungen und Lesungen zu den Folgen des Zweiten Weltkriegs an, insbesondere zu den Folgen für die „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“, über die ich Bücher geschrieben habe. Jedes Mal fragt jemand – Angehörige oder Pflegekräfte – nach dem Zusammenhang von Kriegstrauma und Demenz. Ich habe lange Zeit nichts darüber gewusst, wollte mit dem Thema auch nichts zu tun haben, wollte mich nicht mit Gebrechlichkeit und Abhängigkeit befassen. Aber ich wurde so oft darauf angesprochen, dass ich es dann doch in Angriff genommen habe.

Sie haben in Pflegeeinrichtungen hospitiert, mit Forschern, Pflegekräften und Angehörigen gesprochen. Was haben Sie erlebt?
Ich habe sehr beeindruckende Gesprächspartner getroffen, Menschen, die sich engagiert für das einsetzen, was ihnen wichtig ist, die bereit sind, etwas auszuprobieren, und die auch gegen den Strom schwimmen. Sie wissen inzwischen viel über Demenz, und haben auch positive Erfahrungen gesammelt. Ihre Welt ist viel heller, als ich mir das jemals habe vorstellen können.

Pflegende Angehörige erleben das anders: Ihr Alltag ist oft extrem anstrengend und deprimierend ...
Das ist leider sehr oft so. Angehörige sind enorm belastet, vor allem Töchter und Ehefrauen werden unter Druck gesetzt, sich um die Kranken zu kümmern. Viele können sich die zusätzliche Hilfe, die sie dringend bräuchten, nicht leisten. Das ist schrecklich für die Angehörigen, aber auch für die Kranken. Denn sie bekommen nicht, was sie vor allem brauchen: eine entspannte Umgebung. Vieles, was wir Alzheimer zuschreiben, etwa Wutausbrüche oder Angstreaktionen, haben damit zu tun, dass die Kranken unter Stress gesetzt werden, und zwar von Angehörigen, die selbst keine Luft mehr zum Atmen haben.

Wäre eine intensive Pflege mit viel Personal nicht unbezahlbar?
Sie ist teuer, aber ich möchte es anders herum angehen: Wir sollten erst herausfinden, was wir brauchen, und uns dann überlegen, wie wir das finanzieren können. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: So wie wir dafür sorgen, dass unsere Kinder zur Schule gehen, müssen wir Mittel und Strukturen dafür bereitstellen, dass alte Menschen in Würde leben können. Für jeden besteht ein hohes Risiko, zu erkranken, und wenn wir einmal trotz Demenz noch Freude am Leben haben wollen, müssen wir uns heute darum kümmern.

Was muss sich ändern?
Wir brauchen Aufklärung und ein vollständigeres Bild von Demenz, nicht nur das düstere, aussichtslose Bild, das zurzeit gern etwa von Talkshows vermittelt wird. Außerdem Geld für Forschung und für die Pflege in Heimen und für Zuhause, damit Angehörige entlastet werden. Und Bürgerbeteiligung wäre sehr wichtig: Wir müssen die Aufgaben auf viele Schultern verteilen.

Wie kann das aussehen?
In meiner Altersgruppe, bei denen, die Anfang oder Mitte 60 sind, sind viele nicht mehr berufstätig. Wenn nur ein Drittel dieser jungen Alten eine Stunde in der Woche mit einem Demenzkranken in der Nachbarschaft Zeit verbringt, würde das schon viel bringen. Viele wollen auch helfen, wir müssen das nur organisieren. Einen Menschen mit Demenz beim Spaziergang zu begleiten, kann sehr berührend und auch lustig sein. Das ist eine Frage der guten, aufmerksamen Beziehung: Es geht darum, sich mit einer völlig anderen Welt vertraut zu machen und daran Freude zu entwickeln.

Zur Person
Sabine Bode lebt als freie Journalistin in Köln, schreibt Sachbücher und arbeitet für die Kulturredaktionen des Hörfunks von WDR und NDR.

Interview: Sabine Schmidt

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