Trendbericht Kinder- und Jugendbuch

Jungs lesen anders

Zur Frage „Neue Vorbilder, andere Geschichten – Holen die Jungen auf?“ stellten Fachleute für Leseförderung in Leipzig heute aktuelle Aktionen vor, die sich besonders an Jungen richten und diskutierten kontrovers die Ergebnisse solcher Bemühungen. VON NICOLA BARDOLA

Der Anteil der männlichen Käufer von Kinderbüchern stieg von 2009 bis 2012 von 32 auf 36 Prozent; besonders stark ist diese Steigerung bei den Zehn- bis 15-Jährigen: Soweit die Ergebnisse aus der Marktforschung.

 

Manche Podiumsteilnehmer gehen, wie sich in Leipzig zeigte, von strukturellen Problemen bei der Leseförderung, insbesondere in Schulen aus. Andere glauben, dass Buchempfehlungen unter genderspezifischen Aspekten weiterhin unverzichtbar sind.

„Lehrer und andere Erwachsene wählen selten die Bücher aus, die Kinder mögen“, provozierte die Moderatorin Susanne Helene Becker das Podium zum Auftakt einer Diskussion, die noch lange die Multiplikatoren der Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen wird. „Jedes gelesene Buch, ist ein gutes Buch“, erwiderte Stefanie Leo, Betreiberin des Kinderbuchportals „Bücherkinder“ und der Facebook-Seite „Ich mach was mit Kinderbüchern“.

„Auch Computerspiele können lesefördernd wirken"

Zu Beginn waren ihre Kinderredakteure etwa zur Hälfte Jungen und Mädchen. Jetzt musste sie ein Aufnahmestopp für Mädchen aussprechen, weil die Jungen kaum noch zu Wort kamen. Sie sieht ihre Aufgabe darin, Ihren Lesern eine gut begründete Auswahl unter den jährlich rund 8000 Novitäten zu bieten. „Nicht unser Geschmack ist maßgeblich, sondern der Geschmack der Kinder und Jugendlichen selbst“, sagte Leo, die nichts gegen simple Comics hat. „Auch Computerspiele können lesefördernd wirken. Während die Jungs Zombies abknallen, müssen sie nämlich nebenher ganz schön viel lesen. Viele neue Computerspiele sind erstaunlich textlastig“, so Leo.

"Bevor einer nichts liest, soll er lieber Comics lesen“

Der 17-jährige Konstantin Werner, Mitglied der Leipziger Jugend-Literatur-Jury plädiert für mehr gute Einsteigerbücher. „Aber bevor einer nichts liest, soll er lieber Comics lesen“, meint Werner. Danach solle darauf geachtet werden, dass man sich hochlesen könne. Er selbst habe Glück gehabt. Sein Vater las ihm fast jeden Abend Harry Potter mit Gespür für Cliffhanger vor. „Ich war sauer, wenn das Licht ausgeschaltet wurde. Ich wollte wissen, wie es weitergeht. Deshalb habe ich besonders schnell und gern lesen gelernt.“

„Das macht man nicht freiwillig“

Stefanie Leo wies darauf hin, dass Kinder das Lesen zunächst als Arbeit empfinden. „Das macht man nicht freiwillig.“ Und doch beobachtet sie erstaunliche Leserkarrieren. Ein 13-jähriger Junge fasste kein Buch an, bis ihm ein cooler Klassenkamerad „Skulduggery Pleasant“ empfahl. Seither sei er ein Bücherwurm. 

Silke Huge, Lehrerin und Leiterin der Grundschule Niederlößnitz plädiert für eine große Auswahl auch in Schulbibliotheken. Aber Engpässe können für Überraschungen sorgen. Während einer Kästner-Schwerpunktwoche waren alle Emil-Bände ausgeliehen. Da griff ein Junge zum doppelten Lottchen und ließ das Buch verschämt in der Tasche verschwinden. „Mein Bruder hat das schon gelesen. Das soll auch gut sein“, sagte er zu Frau Huge. Daraufhin spielte das Podium die Möglichkeit durch, dass Verlage die Umschläge neutral gestalten, um die Leser im Unklaren zu lassen, ob Jungs oder Mädchen die Helden sind.

„Fest steht, dass Mädchen problemlos Bücher lesen, in denen Jungs im Vordergrund stehen. Umgekehrt ist das ein Problem“, sagte der Kinder- und Jugendbuchautor Frank M. Reifenberg. Er hat positive Erfahrungen mit einem schulischen Projekt gemacht, bei dem mehrere Klassen gegeneinander antreten.

"Für Kinderbuchautoren ist es viel lukrativer, wenn sie für Mädchen schreiben"

„Lese- und Fußballturniere stacheln das Wettbewerbsdenken besonders der Jungen an“, so Reifenberg, der die Analogien zwischen Lesen und Fußball betonte. Beides müsse intensiv trainiert werden. Ohne Ausdauer und Disziplin sei ein Sieg nicht möglich. Ein großer Wettkampf am Ende des Schuljahres mit Lesepässen, Bookslams usw. entfache ungeahnte Leselust auch bei Jungen. „Das ändert nichts daran, dass es für Kinderbuchautoren viel lukrativer ist, wenn sie für Mädchen schreiben. Wir stehen unter dem Druck der Verlage.“

„Stärken jungenspezifische Buchangebote nicht auch die Rollenklischees?“

Leseförderung speziell für Jungen bleibe deshalb wichtig. Susanne Helene Becker, selbst Lehrerin und Fachjournalistin, wies allerdings bei allen Erfolgen auch auf die Gefahren hin, die von den geschlechterspezifischen Aktionen der vergangenen Jahre ausgehen. „Stärken jungenspezifische Buchangebote nicht auch die Rollenklischees?“, fragte Becker und forderte zum Schluss gute Leseförderung für alle Kinder, die alle einschließt.

Die Podiumsdiskussion war eine Gemeinschaftsveranstaltung von Börsenverein, vom Arbeitskreis für Jugendliteratur, von der Stiftung Lesen und der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen.

 

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