Belletristik / Titel

Vor dem Fest
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Saša Stanišić© Katja Sämann

Zwei Seen, kein Fährmann

In seinem lang erwarteten zweiten Roman macht Saša Stanišić ein Dorf zum Helden seiner Geschichte. Gerade ist er dafür mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Wir sprachen mit dem Autor in Hamburg.

Vor einigen Jahren stand der Schriftsteller Saša Stanišic auf dem Friedhof eines kleinen Dorfs in der Nähe von Višegrad, wo er aufgewachsen ist. Seine Großmutter hatte ihn mitgenommen. Es war das Dorf, in dem die Familie seines Großvaters seit Generationen gelebt hatte. „Auf den meisten Grabsteinen stand mein Nachname“, erzählt der Autor in einem Café in Hamburg und wirkt ob dieser befremdlichen Erfahrung immer noch berührt. „Das Zugehörigkeitsgefühl, das dadurch entstand, war überwäl­tigend. Und dann wurden mir all diese Geschichten erzählt. Geschichten, die sich in diesem Dorf, das in spätestens 20 Jahren ausgestorben sein wird, über Jahrhunderte angereichert hatten.“

Und so entstand die Idee zu seinem jüngsten Roman. Saša Stanišic wollte über ein ähnlich im Verschwinden begriffenes Dorf schreiben, das Geschichte und Geschichten birgt – und stolze, trotzige, ortsfeste Menschen, die sich diese Geschichten immer wieder erzählen, die mit ihnen leben und sie weitergeben.

Als er 14 war, flüchtete Saša Stanišic nach Ausbruch des Bosnienkriegs mit seinen Eltern nach Heidelberg. Deutsch ist seither die Sprache, in der er seine literarischen Texte schreibt. Auf Deutsch hat er auch seinen erfolgreichen, in Bosnien spielenden Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ verfasst, einen Exportschlager, der in 30 Sprachen übersetzt wurde und auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand. An diesem Roman störte ihn immer ein wenig, dass seine Figuren ja eigentlich Bosnisch sprechen, er ihnen aber deutsche Wörter in den Mund legen musste. „Die feinen Färbungen der Sprache gehen dabei  verloren“, sagt Stanišic. Auch deshalb hat er sich für seinen neuen Roman „Vor dem Fest“ entschlossen, von einem deutschen Dorf zu erzählen. Er hat ihm seine Geschichten abgelauscht, die ganz alltäglichen, die Legenden und die Mythen.

Dabei wollte er seinen Roman anfangs gar nicht an einem tatsächlichen Dorf entlangschreiben. Er wollte einfach nur von einem kleinen Ort erzählen, mit zwei Seen, fast schon bedrohlich dicht an die ersten Häuser geschmiegt, dazu sehr viel Wald und weite Felder.  Eine Landschaft, wie es sie auch auf dem Balkan geben könnte, mit Geschichten, wie sie dort erzählt werden könnten.
„Fürstenwerder“, sagte daraufhin ei­ne Freundin. „Der Ort, den du beschreiben willst, ist Fürstenwerder.“ Und so war es dann auch. Der kleine Ort in der Uckermark, im Fontane-Land, hat den 36-Jährigen sofort in seinen Bann ge­zogen. Insgesamt sechs Monate hat er in Fürstenwerder und Umgebung verbracht. Meist hat er in der Pension „Zur Alten Molkerei“ gewohnt, „wo es die beste selbst gemachte Marmelade gibt“. Und gelegentlich wurde gezeltet.

Im Buch heißt Fürstenwerder nun Fürstenfelde, wobei das fiktive Dorf dem realen Dorf topografisch wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Ein Freund ist gerade dort unterwegs und schickt ihm immer wieder Fotos mit Fragen wie „Malt hier Frau Kranz?“. Worauf Saša Stanišic ihm antwortet: „Siehst du hinter dir die Stadtmauer?“ – „Nein.“ – „Dann stehst du am falschen Platz.“
Mit den Figuren verhält es sich dagegen anders. Nur wenige haben ein Vorbild in der Wirklichkeit, wie etwa die erwähnte Frau Kranz, die mit einem ortsansässigen Maler einige Gemeinsamkeiten hat. Aber alles, was das Dorf dem Autor preisgegeben hat, hat er verwandelt, angereichert und ergänzt, bis daraus eine so alltags­satte wie poetische Geschichte wurde.

Und wer erzählt „Vor dem Fest“? Das Dorf selbst ist es, das erzählt. Und es hat Humor. In einem großen Gesang erzählt es von Ullis Garage, in der sich die Männer zum Trinken treffen, von Lada, der seinen Golf immer wieder in den See fährt, von der Füchsin, die in den Hühnerstall einbrechen will, um ihre Jungen zu füttern – und immer wieder auch von dem Fährmann, der tot ist und dennoch in den Chor dieses ungestümen Erzählens mit einstimmen darf.

Nadja Einzmann

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