Reportage über die Buchbranche im Iran (II/Schluss)

Die Digitalisierung im Land der Moscheen

Der Iran nimmt einen neuen Anlauf – das Land scheint sich langsam zu öffnen, und könnte gerade im digitalen Geschäft eine wichtige Rolle in der Region übernehmen: Teil zwei der Iran-Reportage von Steffen Meier (readbox).

Der Iran ist ein Land voller Widersprüche – jedenfalls für Europäer. Etwa die doch noch funktionierende Zensur, die die Kollegen der Frankfurter Buchmesse, verantwortlich für den deutschen Gemeinschaftsstand bei der Tehran International Book Fair (30.4. bis 10.5.2014), erleben mussten, als tatsächlich das Ausstellen einiger Bücher verboten wurde, auch Kinder- und Jugendbücher darunter, unter anderem wegen der Darstellung weiblicher Haare auf dem Titel.

Im Gegensatz dazu in einer der größten Buchhandlungen des Irans, BookCity (eigentlich eine Kette an Sortimenten), mehrere Regalmeter feministische Literatur, offen zugäng- und käuflich. Übrigens auch üppig ausgestattet mit fremdsprachiger, auch deutscher Literatur – gerade die Jugend, neugierig und teilweise sehr gut ausgebildet, bildet sich mittels amerikanischer Fernsehserien, aber auch hoher Literatur (ausgerechnet Immanuel Kant ist ein sehr beliebter, angesehener deutscher Autor, der auch im Original gelesen wird) fort.

 

Papierknappheit, sinkende Auflagen

Oder der Mangel an Papier, der zu einem echten Problem der Buchbranche zu werden droht und für sinkende Auflagen sorgt, während man trotz des daran schuldigen Embargos ganz offen auf der TIBF (Tehran International Book Fair) die neuesten E-Reader eines großen amerikanischen Anbieters erstehen kann.  Und natürlich das immer noch geltende Verbot sozialer Netzwerke, dass der Iraner an sich fröhlich und offen umgeht, weswegen einem auf den allgegenwärtigen Smartphones das Facebook-Blau ungeniert entgegenleuchtet. Bei letzterem stellt sich natürlich die Frage, wie es denn eigentlich um die Digitalisierung im Land der Moscheen steht.

Emerging Digital Markets: Der Iran vor dem Sprung?

Wer auf der Tehran International Book Fair nach Spuren der Digitalisierung suchte, blieb meist erfolglos: Es gab einige durchaus professionelle, auch ausgesucht streng bewachte Stände mit E-Readern – ansonsten beschränkt sich hier das Elektronische auf das Medium CD-ROM.

Neben Wissensdatenbanken findet sich aber vornehmlich Raubkopien sattsam bekannter Software, die offen angeboten wird, eine Folge der Nichtunterzeichnung des Urheberrechtsabkommens. So könnte sich ein mittelständischer deutscher Verlag für einen zweistelligen Euro-Betrag mit der nötigen Software aus Redmond eindecken –  Kenntnisse der persischen Sprache, Farsi, wären aber wünschenswert.

Hohe Smartphone-Dichte, neue E-Book-Plattform fidibo.com, langsame Öffnung

Es braucht schon einen zweiten Blick, um festzustellen, dass der Iran aber durchaus das Potential hat, etwa im E-Book-Bereich in der Region eine führende Rolle zu spielen: Farsi ist weit verbreitet, auch in Nachbarländern, die Smartphone-Dichte ist in ländlichen Regionen ungewöhnlich hoch – und auch die ersten Startups wurden bereits gegründet, die den Mangel an Ressourcen aufgrund des Embargos mit viel Enthusiasmus und Improvisationstalent wettmachen.

So wurde unlängst die erste E-Book-Plattform von Majid Ghasemi gegründet, fidibo.com, die interessanterweise inzwischen auch international agiert. Ghasemi sieht in der Veränderung des Leseverhaltens bzw. der stark zunehmenden Nutzung von Smartphones auch eine große Chance für den iranischen Buchmarkt: „Distribution is the critical challenge in this industry“, sagt er (Die Distribution ist die zentrale Herausforderung für die Branche“). „Most of the books have never had any chance to go farther than four or five big cities like Tehran and Isfahan and people who live in small towns do not have any chance to read new books at the time that people in Tehran are reading them. It is notable that several big online book stores are launched in recent years and they have covered some part of this problem“ (“Die meisten Bücher hatten lange Zeit keine Chance jenseits der vier oder fünf großen Städte.  Für Bewohner kleiner Städte gab es keine Möglichkeit, neue Bücher zur gleichen Zeit zu lesen, wie Leute aus Teheran. Es ist deshalb bemerkenswert, dass in den letzten Jahren einige große Online-Shops eröffnet wurden – die einen Teil des Problems lösen.“)

Es gibt also einige für die iranische Buchbranche erschwerende Faktoren, sei es das Embargo, fehlende urheberrechtliche Gesetzgebungen. Im Moment scheint es aber im Rahmen einer langsamen Öffnung die Chance zu geben, mittelfristig den Iran wieder zu dem zu machen, was es immer war: zu einer großen Kulturnation, die auch für die internationale Literatur- und Verlagsszene bereichernd sein wird.

Anlass der Iran-Reise war ein Workshop – "Frankfurt Book Fair Seminar at the Tehran International Book Fair: Ways to enter the digital market place successfully", organisiert von der Frankfurter Buchmesse im Rahmen des internationalen Programms und des Gemeinschaftsauftritts deutscher Verlage."

Zum Autor: Steffen Meier verantwortet seit April 2014 die Bereiche Produkt-Innovation und -Marketing bei readbox. Daneben ist er Mitglied des  AKEP-Sprecherkreises (Arbeitskreis Elektronisches Publizieren im Börsenverein) und Mitglied der Kommission Digitale Medien der Deutschen Fachpresse.

 

 

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2 Kommentar/e

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  • urvo

    urvo

    Isch des nit so, dass mir uns äffnen? dere Mullahs gegeniber? dauntere am perser Golfle? Weil mir sonscht verbluten täten. Von wege der Sanktione? Gruß

  • GUDRUN AITMI

    GUDRUN AITMI

    Ich bin sicher,das eine Volk mit einer so lang zurueckreichenden Buchkultur den sprung ins digitale Buchzeitalter trotz aller Widrigkeiten schaffen wird.
    Die Gut ausgebildeten Bevoelkerungsschichten haben immer Wege und Moeglichkeiten gefunden,sich mit unkonventionellen Mitteln die gewuenschten Informationen zu beschaffen.Am schoensten waere es natuerlich,wenn es einen"iranischen Buecherfruehling"gaebe der einen freien Zugang fuer alle ermoeglicht.

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