Literatur-Nachrichten

Diskreter Betrachter

Von Aeric Winter

Jetzt weiß ich, wie sich Schrödingers Katze fühlt.

Nach zwei Stunden Vorträgen über Quantenmechanik war Moritz nicht mehr sicher, ob er noch lebte oder bereits an Langeweile gestorben war ohne es zu bemerken. Er hoffte, dass niemand die Kiste öffnete um nachzusehen.

Seine eigene Präsentation war eine der ersten, aber nicht der besten gewesen. Ihm war noch deutlich der irritierte Blick von Michaela Zehler im Gedächtnis, als er versucht hatte, das Prinzip der Wahrscheinlichkeitswelle zu erklären. Ihm Gegensatz zu ihr hatte er die Materie nicht wirklich verstanden.

Um sich abzulenken, sah Moritz aus dem Fenster auf den sonnigen Rasen vor dem Hörsaal. Die fröhliche Szene verhöhnte die freiwillige Folter, die er im künstlichen Licht ertrug.

Ein leichter Wind blies einen Schnipsel Papier über das Gras. Dankbar für jede Ablenkung sog Moritz die Bewegung gierig auf. War den Teilchen, die diesen Zettel bildeten, bewusst, dass seine Betrachtung sie erst definierte? Von seinem Publikum angespornt, machte das Papier einen Sprung und wurde von dem Wind aufgefangen, der es daraufhin durch eine Abfolge von Pirouetten drehte. Minutenlang trotzten Wind und Papier der Schwerkraft einen Tanz ab, in dessen Schönheit Moritz versank. Wiederholt blitzte etwas auf dem Schnipsel auf. Als das Papier schließlich zu Boden sank, hatte er immer noch nicht erkannt, was es war.

Ohne darauf zu warten, dass die Ganztagsfolter zur Mittagspause ausgesetzt wurde, stand Moritz auf und verließ den Hörsaal. Michaela, die gerade vortrug, warf ihm einen missbilligenden Blick hinterher.

An der Stelle im Gras, wo der Wind es aus dem luftigen Fandango entlassen hatte, lag das Papier.

Es war ein Foto.

Vor einer Häuserfassade war eine hübsche Asiatin zu sehen, die Moritz bekannt vorkam. Obwohl der Fotograf ihren Oberkörper sauber auf Schulterhöhe durchtrennt hatte, lächelte sie tapfer und hielt zwei Finger in einer Peace-Geste in die Kamera. Ihr Blick war so direkt, dass Moritz sich fragte, ob er sie betrachtete oder umgekehrt. Da erinnerte er sich wieder.

Er kannte sie, weil sie tot war.

***

"Ja, das ist Mei Feng. Die Chinesin, die sich letzten Monat vom Dach geworfen hat“, sagte Niels.

Er reichte das Foto zurück und fiel über seinen Vanillepudding her, dem einzig Genießbaren, das die Mensa im Angebot hatte.

Moritz runzelte die Stirn.

„Guck mich nicht so an“, wehrte der Angerunzelte ab. „Dem Mädchen haben wir zu verdanken, dass das Studentenwerk alle Wohnheime mit Fallschutz vergittern lässt. Unsere WG bekommt bald das heimelige Ambiente von Alcatraz.“

„Ihr wart im selben Semester, oder? Warum hat sie sich das Leben genommen?“

Niels zuckte mit den Schultern. „Sie ist knapp durch die letzte Elektrodynamikprüfung gefallen und hätte das Jahr wiederholen müssen.“

„Das kann doch jedem passieren.“

„Nicht den Chinesen“, sagte Niels und nahm den unangetasteten Pudding von Moritz’ Tablett. „Ich hab gehört, Mei Fengs Eltern hätten ihre gesamten Ersparnisse geopfert, damit ihre Tochter in Deutschland studieren kann. Sie wollte es ihnen wohl einfach nicht sagen.“

Moritz schüttelte langsam den Kopf. Was für eine Verschwendung.

„Wenn du mich fragst, ist sie nicht mit dem Druck klargekommen“, fuhr Niels fort. „In den Wochen vor ihrem Tod war sie echt aufbrausend. Pausenlos hat sie über ihre Kommilitonen und unseren Dozenten geschimpft.“

„Und warum?“

„Sie fühlte sich benachteiligt. Meinte, dass männliche Studenten mit schlechterer Arbeit bessere Noten bekämen.“

„Wirklich?“ Moritz sah sich erneut das Foto an. Unter den Leuchtstoffröhren der Mensa wirkte es anders. Die Umrisse der Häuser im Hintergrund waren härter, die Fassaden verwittert. Mei Fengs Gesichtsausdruck schien nachdenklicher. „Vielleicht hatte sie recht.“

Niels zuckte mit den Schultern. „Selbst wenn. Sich umzubringen war da auch nicht furchtbar hilfreich.“

„Wohl nicht.“

„Und jetzt rate mal, was die Geschichte so richtig heftig macht“, sagte Niels.

„Den Selbstmord einer jungen Studentin findest du nicht heftig?“

„Keine Woche nach ihrem Tod ist auch unser Dozent gestorben. Der, bei dem Mei Feng knapp durchgefallen ist.“

„Was? Und wie?“

„Autounfall. Ist mitten in der Stadt in einen Copy Shop gebrettert und im Wagen verbrannt.“

Moritz teilte die Heftigkeitseinschätzung seines Mitbewohners.

Als beide Tabletts leer waren, stand Niels auf. „Ich geh nach Hause. Was ist mit dir?“

„Ich muss zurück zu Quantenmechanik. Wir bekommen die Noten für unsere Vorträge von heute Morgen. Jippie.“

„Ach komm. So schwer ist das Fach auch nicht. Letztes Jahr hab ich da locker eine Zwei abgestaubt.“

Dein Wort in Gottes Ohr.

***

„Eine 1,7?“

Moritz konnte es nicht glauben. Sein Vortrag wäre mit einer 2,5 noch sehr großzügig bewertet gewesen.

Der Professor lächelte. „Wenn auch Ihre Ausführungen nicht immer wasserdicht waren, sind die korrekten Ansätze erkennbar. Ihre Gedanken waren am rechten Fleck.“

Nach dieser Begründung wusste Moritz noch weniger als vorher. Er murmelte ein Dankeschön und kehrte zu seinem Platz im Hörsaal zurück. Michaela Zehler glitt in den Sitz neben ihn.

„Und?“, fragte sie.

„Und was?“

„Und ist Licht nun ein Teilchen oder eine Welle? Nein, welche Note hat er dir gegeben?“

„Äh. Einskommasieben. Glück gehabt, würde ich sagen.“

Sie nickte grimmig und blickte aus dem Fenster, vor dem sich das luftige Schauspiel zugetragen hatte. Jetzt herrschte eine passiv-aggressive Windstille.

„Und du?“, stellte er die unvermeidliche Rückfrage.

„2,0. Mein bestes Ergebnis bisher.“

Moritz blinzelte ungläubig. Wenn jemand eine Eins verdient hatte, dann Michaela. Er öffnete den Mund, um sein Unverständnis zu äußern, aber er zögerte. Zweifelte er das Urteil seines Professors an, stellte er auch seine eigene gute Note in Frage. Er wich Michaelas Blick aus und sah selber aus dem Fenster.

„Tja, ist wohl gut gelaufen. Für uns beide, meine ich“, antwortete er schließlich.

Aus dem Augenwinkel sah Moritz, dass Michaela das Gesicht verzog.

„Für Einige mehr als für Andere.“ Mit den Worten stand sie auf und ging. Ob unbeabsichtigt oder nicht, stieß sie dabei seine Tasche vom Tisch. Sie drehte sich nicht um.

Drama Queen. Nach einem Augenrollen las Moritz die Sachen auf, die aus der Tasche auf den Boden gefallen waren. Auch Mei Fengs Foto war dabei. Er wusste, dass er es sich nur einbildete, aber die Chinesin schien ihn fast missbilligend anzusehen.

***

Als er den Hörsaal verließ, merkte Moritz, wie die Anspannung von ihm fiel. Er hatte Quantenmechanik bestanden. Und zwar mit Bravour! Wer war er denn, die Einschätzung eines Professors in Frage zu stellen?

Er rief Niels an. „Ich bin’s. Kommst du in die Streitbar?“ Moritz umschloss schützend sein Handy gegen den zunehmenden Wind. „Ja, jetzt. Es gibt etwas zu feiern. — Ach komm schon. — Cocktails gehen auf mich. Bis gleich.“

Grinsend legte er auf. Er konnte es kaum erwarten, dem Angeber seine Note zu zeigen.

Moritz wollte gerade die Straße zur Bar überqueren als ihm etwas ins Auge fiel. Nach links machte die Straße eine Kurve, in der ein altersschwaches Gebäude stand. Es schien an manchen Stellen durchzuhängen wie ein ausgedienter Soldat, der dennoch bemüht war, den Bauch einzuziehen und strammzustehen.

Er zückte Mei Fengs Foto. Tatsächlich. Das Haus hinter ihr war das Gebäude vor ihm. Selbst die Perspektive stimmte.

Mei Feng war genau an der Stelle fotografiert worden, an der er jetzt stand. Ihre nach Frieden gestikulierende Hand verdeckte den Laden rechts von dem alten Gebäude.

Moritz blickte auf. Was sie verdeckt hatte, war ein Copy Shop, der in einem schlimmen Zustand war. Das Schaufenster lag in Scherben, die Fassade war schwarz vor Ruß.

Ein Schauer glitt Moritz’ Rückgrat herab.

Als er den Blick wieder auf das Foto richtete, ließ er es beinahe fallen.

Es hatte sich verändert.

Das Gebäude war verschwunden. Stattdessen zeichnete sich hinter Mei Feng ein blauer Kastenwagen ab, der auf sie zuraste. Instinktiv trat Moritz von der Bordsteinkante zurück in die Mitte des Gehwegs. Aber er konnte den Blick nicht von dem Bild losreißen.

Noch während er es hielt, veränderte sich das Foto erneut. Mei Fengs Lächeln wandelte sich fließend von freundlich in höhnisch. Sie streckte ihre beiden Finger aggressiv aus, als wollte sie Moritz die Augen ausstechen.

Das hektische Pochen seines Herzens klang wie die Faust des Wahnsinns, der an der Tür seines Verstands anklopfte. Mit aller Kraft warf Moritz das teuflische Foto von sich.

Sobald er es nicht mehr hielt, beruhigte er sich wieder. Er schüttelte den Kopf.

Habe ich mir die ganze Verwandlung nur eingebildet?

Da erfasste ihn ein Windstoß und warf ihn mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Straße. Das Letzte, was Moritz hörte, war das unheilvolle Quietschen einer Vollbremsung.

***

Niels war auf dem Weg in die Streitbar als er die Menschentraube sah. Neugierig ging er auf sie zu. Die paar Minuten konnte er Moritz noch warten lassen, der Kerl hatte am Telefon ohnehin viel zu fröhlich geklungen.

Als Niels über die Köpfe der anderen Menschen hinweg blickte, wurde ihm klar, dass Moritz keine paar Minuten mehr hatte. Ein Sanitäter hockte vor dem verbeulten Kühler eines blauen Kastenwagens und gab die Wiederbelebungsversuche an einem zerbrochenen Körper auf, der einmal sein Freund gewesen war. Der Mann stand erschöpft auf und ein anderer deckte die Leiche mit einer Decke zu.

Niels drehte sich um und taumelte davon. Er stützte sich an einem der Bäume am Straßenrand ab und übergab sich. Als er nur noch Luft hochwürgte, ließ er sich an dem Stamm hinabgleiten.

Moritz, der heute Mittag noch sein Freund gewesen war, war jetzt nur noch eine Leiche. Warum? Oh Gott, warum nur?

Da merkte er, dass neben ihm ein Foto lag.

War es das Portrait von Mei Feng, das Moritz gefunden hatte? Niels hob es mit zittrigen Fingern auf. Es zeigte tatsächlich die hübsche Asiatin, aber es war nicht das Bild, das sein Mitbewohner ihm gezeigt hatte.

Auf diesem Foto hielt Mei Feng drei Finger hoch statt zwei.

Sie sah grimmig, aber zufrieden aus.

4 Kommentar/e

1. Hella-Maria Schier 13.09.2014 17:08h 
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Gut geschrieben! Nur inhaltlich konnte ich erstmal nicht viel damit anfangen.
Quantenmechanik ist eins derspannendsten Themen überhaupt und sich bin ein Fan von ihr, wie kann man ausgerechnet sie als Beispiel fürlangweiligen Stoff verwenden!? Aber dann spielt ja auch die Geschichte mit dem Einfluss der Wahrnehmung auf die Realität, wie mir scheint...das hat mich wieder versöhnt.

2. Aeric Winter 24.09.2014 07:41h 
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Das Spiel mit dem Einfluss der Wahrnehmung auf die Realität ist in der Tat zentrales Element der Geschichte. Die Hauptfigur betrachtet nicht nur, sie wird betrachtet. Am Wendepunkt der Geschichte kommt es vom ungewissen Zustand zum Kollaps. Mit tödlichen Konsequenzen. (Schrödingers Dekohärenz lässt grüßen.)
Im übrigen finden selbst die beteiligten Figuren das Thema Quantenmechanik nie langweilig. Vielmehr fühlen sie sich überfordert und erschöpft.
Danke fürs Lesen!

3. R.Weber 28.10.2014 13:50h 
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Spannende Geschichte. Hätte gerne noch mehr davon gelesen.

4. Aeric Winter 29.10.2014 23:15h 
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Oh, vielen Dank!
Ich hätte gerne auch mehr geschrieben. Aber ich hatte die zulässige Zeichenzahl von 10k schon fast ausgereizt.

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