Literatur-Nachrichten

Der urbane Dorfdepp. Oder: Blind brother is watching you

Von Thomas Steierer

1. Weg vom Fenster (I).

Immerhin: Gesternacht habe ich etwas erlebt. Zur Sorgenwachzeit vieruhrfrüh. Bin raus aus dem Bett und in die Küche marodiert. Habe bitteren Pilsgeschmack wohlwollend zur Kenntnis genommen. Auf einmal habe ich mich ganz leicht gefühlt.
Ich: Fenster auf. Und: Zack, rauf auf den Fensterrahmen. Auf Augenhöhe mit Etceterapepe. Ein großes Hallo. In den Nachthimmel. Plötzlich habe ich einen Schritt nach vorne gemacht. Einen zu viel. Ins Leere.

2. Fahrradunfall.

„Der missbraucht Kinder.“ Sagt ein Mann über ihn. Das ist das Erste, was er (relativ groß, blass, grünäugig, langhaarig, rötlichdunkelblond, zauselbärtig, um die 30) mitbekommt, als er wieder zu sich kommt. Fahrradunfall.
Er liegt auf dem Gehsteig und erwacht allmählich aus seiner Bewusstlosigkeit. Einige Schaulustige stehen um ihn herum. Er hört, wie der gleiche Mann („Kinder“) etwas erzählt von „Den kennt man in der ganzen Stadt“, „Der belügt seine Eltern“, „Nazi“ und „Der verkauft Drogen“.
Einer der beiden Sanitäter, die ihn behandeln sollen, steigt aus dem Krankenwagen und zischt bei seinem Anblick sofort: „Kinderficker!“

3. Das steht so im Internet.

Bei einem Vorstellungsgespräch für ein journalistisches Volontariat neulich hat ihn der Chefredakteur gefragt: „Sie sind auf dem Papier recht gut aufgestellt und sind – das können sie auch beim besten Willen trotz ihrem halbstarkem Gebaren nicht verbergen- ein reflektiertes schlaues Kerlchen. Immerhin. Womit verdienen Sie denn im Moment ihren Lebensunterhalt?“
Seine Antwort: „Mit Drogen verkaufen. Der Vollständigkeit halber: Nazi, Kinderficker und Psychopath soll ich demnach übrigens auch sein. Obwohl nichts davon stimmt: Sagt man zumindest. Weil: Das steht so im Internet. Und wird von vielen im analogen Leben geglaubt und nachgeplappert. Gegenteil nicht beweisbar. Etwas bleibt immer hängen. Lebenslang“.
Daraufhin hat der Chefredakteur: „Wenn das so ist: Ok, gut, es war, äh.., interessant Sie kennenzulernen. Sie hören dann relativ schnell von uns. Spätestens übernächstes Jahr. Nein, das war natürlich nur ein Scherz: Wir melden uns bei ihnen: Zum St.- Nimmerleins-Tag. Allerfrühestens“.

4. Interessant zu sehen.

Interessant. Zu sehen. Wie Mitmenschen auf einen virtuell ins Rollen gebrachten Zug analog aufspringen. In Sachen existenzvernichtender Rufmord-Flüsterpost.
Der Haken bei der Geschichte ist nur: Derjenige, um den es hier geht, die lebende Zielscheibe nahezu ohne Fluchtmöglichkeit: Bin ich.

5. Immerhin: Der Dorfdepp wird urban.

Immerhin: Ich habe Berühmtheit erlangt. Traurige. Als zum Abschuss freigegebener Vogelfreier. Ein wahrgewordener Albtraum, Drogen, Nazi, Kinderficker: Man hats vom Nachbarn oder Kollegen. Der hats vom Digital Native-Sohn oder direkt selbst von Facebook im Internet. Wo Fotos von mir kursieren, die Halbstarke im Vorbeigehen von mir gemacht und millionenfach verbreitet haben –via Facebook kein Problem. Weshalb man mich auch auf der Straße erkennt.
Immerhin: Viele wollen sich erstmal ein eigenes Bild von mir machen. Mit der Handykamera. Und dann online stellen. Samt Kommentar über mich, was anlog in Folge in etwa so die Runde macht: „Keiner mag ihn. Weil: Im Internet, steht er ist unsympathisch“. Und: „Im Internet steht: Er war mal süß“.
Immerhin: Viele attestieren mir: Du kommst mir irgendwoher bekannt vor. Aber auch: Du siehst angegriffen aus.
Immerhin: Ich bin wohl einer der ersten meiner Art: Der Dorfdepp wird urban.
Flächendeckend und überregional.
Auf meinem Spießrutenlauf im öffentlichen Raum, im Mehrfamilienhaus sowie beim Nichtfußfassenkönnen im Arbeitsleben bin ich: Permanent beobachtet, kommentiert, beschimpft und verspottet. 24/7/365.
Inzwischen weit verbreitet: Wenn ich vorbeilaufe, per Handy mit jemandem zu reden über mich (millionenstadtbekannt und „Der Real Madrid“ genannt wegen besagtem Trainingsanzug, den ich mal getragen habe), etwa „Der missbraucht Kinder“.
Wenn ich daraufhin zusammenzucke, kann man auch noch verbreiten: Der ist psychisch krank.
Um mich zudem in die Homo-Ecke zu stellen, hat man mich fotografiert, als ich mit einem Freund am Gärtnerplatz beim Biertrinken gesessen bin und das Foto über Facebook verbreitet samt „Der hat einen Freund“.

6. Warum?

Warum? Ein Grund vielleicht: Kurzzeitig hatte ich gewissermaßen den Status Quo gefährdet. Bedingt durch das via Facebook millionenstadtweit verbreitete Gerücht „Der war bei Real Madrid!“. Wegen Tragen eines Trainingsanzugs des spanischen Fußballrekordmeisters meinerseits.
Mädchen und Frauen, die mich vorher nicht mal mit dem Arsch angeschaut hätten, strahlten mich zeitweise an, strichen sich nervös durch die Haare, bekamen das Zittern, wenn ich zurückschaute. „Der ist so süß, der hat schöne Augen.“ Männer fragten nervös wie ohnmächtig ihre Freundinnen und Frauen im Bezug auf mich: Wo schaust du denn hin?
Vielleicht erklärt sich durch diese Fallhöhe ansatzweise die mitnichten nicht nur unter armen Schweinen und anonymen Wichsern im Netz verbreitete bewusste Vernichtungsbereitschaft mir gegenüber, die dann folgte. In Form von crossmedial verbreiteten Falschbehauptungen wurde dem Spuk dann freilich bald ein Ende gemacht.
Immerhin: Ich erlebte zeitweise hautnah eine Verwirklichung der Märchen „Kleider machen Leute“ und „Des Kaisers neue Kleider.“ Und wie sich beides in blanke Scheiße verwandelt.

7. Immerhin: Kafkaesk.

Immerhin: Kafka 3.0. quasi. Und: George Orwell hätte sich angesichts meines Härtefalls vor schauriger Erregung vielleicht einen runtergeholt. Im Jahr 1984. Immerhin: Die Erfindung der Handykamera ist der Endsieg des real existierenden Kommunismus. Dass einer wie ich dank Facebook, dem globalen Gleichmacher vor die Hunde geht, als kollektiv in Ungnade gefallener Buhmann, wird als Kollateralschaden gerne in Kauf genommen. Vielen: Gefällt das.
Immerhin: 1414 statt 0815. 1414, die Telefonnummer führt zur BILD-Zeitung. Als BILD-Leserreporter kann man die Verhältnisse auf den Kopf stellen, auch jeder Promi kriegt das Zittern, wenn einer im öffentlichen Raum mit der Handykamera herumfuchtelt. Um es kryptisch auszudrücken: Blind brother is watching you.
Immerhin: Als Metro a la Beckham kann man die gegenwärtige Sensationsgier vieler nach einem Outing befriedigen. Sich outen. Als Heterosexuell.

8. Immerhin: Kein Stockholmsyndrom.

Wie man sich in so einer Situation als urbaner Dorfdeppsündenbock verhalten sollte? Immerhin: Ich weiß, wie auf keinen Fall. So wie ich.
So nervös, paranoid, apathisch, verhärmt und dumm wie ich im öffentlichen Raum zumeist aus der Wäsche schaue, könnte man fast meinen: Dass ich die inflationäre Verbreitung auf mich gemünzter Ehrabschneidungen mitbekomme. Komplett. Dass ich Stimmen höre. Dass ich Einiges um die Ohren habe. Immerhin: Stockholm-Syndrom meinerseits nicht vorhanden.
Stattdessen: Arroganzfalle. Eigentlich bin ich nicht arrogant. Ich höre nur alles, was über mich geraunt wird.

9. Immerhin: Angstschweiß beruhigt.

Immerhin: Ich sehe Licht. Weil: Nahtoderfahrung. Jedesmal wenn ich vors Haus gehe. Weil: Permanenter Spießrutenlauf. Immerhin: Wegen ebenjenem permanenten Spießrutenlauf habe ich regelmäßig Schweiß auf der Stirne. Angstschweiß. Beruhigenderweise. Angstschweiß beruhigt.
Weil: Dadurch merke ich, dass ich doch noch lebe.
Immerhin: Es heißt ja, man soll sich um beruflich erfolgreich zu sein, einen USP suchen, ein Alleinstellungsmerkmal. Bingo. Ich habe ein Alleinstellungsmerkmal.
Ohne danach gesucht zu haben. Stichwort: Mit Dir wird man immer so komisch angeschaut. Etwas ist Teil meines Lebens, das mich alleinstellt. Mutterseelenallein.
Immerhin: Auch ich würde in diesem Leben trotz meines Härtefalls noch zum Zug kommen. Vor dem Selbstmord. Zum Bahnsteig. Auf die Schienen. Da würde ich zum Zug kommen. Und der Zug zu mir.
Immerhin: Einen wird es immer geben, der mich noch einlädt. Der Bestatter, der einst meinen Sarg in seinen Leichenwagen hebt.

10. Immerhin: Galgenhumor.

Jetzt, wo ich darüber rede: Am tiefsten Tiefpunkt sehe ich plötzlich klar. Bin dabei, mich zu verwandeln. Vom Trübsalblaser, der sich von den Umständen erdrücken lässt. In einen Zeitgenossen, der sich ein Stück weit an der Absurdität des Lebens berauscht.
Immerhin ist dementsprechend inzwischen mein Lebensmotto. Nichtsdestotrotz. Das Leben ist schön 3.0. Meint: Die tröstende Verbindung von Tragik und Komik im hierundjetzt.
Immerhin: Sigmund Freud wusste: „Der Witz ist die letzte Waffe des Wehrlosen“. In meinem Fall ist diese letzte Waffe eine abgesägte Schrotflinte, mit der ich auf mich selbst ziele. Versehentlich. Oder auch sehenden Auges.
Nichtsdestotrotz: Es kommt auf die richtige Einstellung an (zugegeben: In manchen Fällen auch auf die medikamentöse Einstellung. Mit Psychopharmaka).
Reine Ansichtssache: Ob das Glas halb voll oder halb leer ist (zugegeben: bisweilen ist freilich entscheidend, was im Glas drin ist. Und wie hochprozentig).
Es ist entscheidend, wie viel man einstecken kann. Nicht nur für Kleptomanen.
Immerhin: Manchmal muss ich lachen. Diesbezüglich. Über mich selbst. Über meine Immerhin-Mentalität, nichtsdestotrotz immer weiter zu machen. Dass ich es mache wie Fidel Castro: Der stirbt auch einfach nicht.
Immerhin: Ich versuche es zumindest. Mich nicht mehr vom Fahrrad schmeißen zu lassen.

11. Weg vom Fenster (II).

Wie eingangs erwähnt, gesternacht nach einem Schritt zuviel nach vorne auf dem Fensterrahmen: Der Gehsteig ist rasend schnell auf mich zugekommen. Rasend schnell. Fast schon: Zu schnell.
Bevor ich dann auf dem Gehsteig aufgeschlagen bin, ist mir etwas eingefallen. Etwas diesbezüglich nicht Unwesentliches. Ich wohne im Erdgeschoss.

12. Weg vom Fenster (III).

Ich hab mir trotzdem geschworen: Das nächste Mal nachts besser weg vom Fenster bleiben.
Obwohl: Weg vom Fenster bin ich auch so. Aber so was von weg vom Fenster.
Immerhin: Ich hatte meine Chance. Oder auch nicht.
Nach diesen Überlegungen bin ich aufgewacht. Oder eingeschlafen.
Eines von beiden. Immerhin.

 

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