Literatur-Nachrichten

Fehler mit Folgen

Von Wilfried Abels

Es war einer dieser Tage, an denen man morgens beim Aufstehen schon nicht mehr weiß, was man zuerst tun soll. Noch hatte Andree die Hoffnung nicht aufgegeben, die Deadline einhalten zu können. Während draußen die Hitze brütete, saß er in seinem klimatisierten Büro. Nur langsam entwickelte sich ein halbwegs sinnvoller Bericht. Äußerlich entspannt, saß er halb liegend in einem anatomisch angepassten Sessel. Sein Neuro-Interface speiste die Daten direkt in seinen Sehnerv ein. Konzentriert arbeitete er vor sich in, als ihn ein Anruf aufschreckte. Mit einem Augenzwinkern nahm er den Anruf entgegen und schon plapperte sein Freund Georg los:

„Ich wollte mich nur kurz versichern, dass Du die Party heute Abend nicht vergessen hast!“

„Ähh,das war heute Abend?“ Am anderen Ende herrschte vorwurfsvolles Schweigen.

„Andree, sag jetzt nicht ab!“

„Also, im Moment ist es bei mir ehrlich gesagt schon ziemlich stressig.“

Ein genervtes Atmen drang durch die Leitung.

„Umso mehr brauchst du etwas Ablenkung. Sei einfach um 20 Uhr da. Ich schick nochmal die Adresse des Treffpunktes. Ein Nein akzeptiere ich nicht!“

Bevor Andree etwas erwidern konnte, hatte Georg auch schon die Verbindung abgebrochen. Vielleicht hatte Georg sogar Recht. Er hatte lange nichts mehr unternommen. Kurz darauf, ging die Nachricht mit der Adresse ein. Das war ja in Paris! Er seufzte und baute eine Verbindung zu seiner Haus-KI auf:

„Tron, ich brauche dringend einen Androiden. Miete mir irgendetwas, mit dem ich auf einer Party herumlaufen kann. Adresse und Uhrzeit schicke ich dir.“

Ohne Antwort abzuwarten beendete er die Verbindung. Die nächsten Stunden ereigneten sich glücklicherweise keine weiteren Störungen. Er war tief in Gedanken, als plötzlich doch noch ein Anruf seiner Haus-KI kam.

„Bitte kurz. Ich bin sehr beschäftigt.“

„Es finden heute mehrere große Veranstaltungen in Paris statt. Großräumig sind so gut wie alle Mietagenturen für Androiden ausgebucht.“

„Mach es kurz! Kannst Du mir einen beschaffen? Ja oder Nein!“

„Ja, das kann ich. Trotzdem wäre es wichtig, ein paar Details zu klären.“

Ärgerlich rief er in die Leitung:

„Dafür habe ich keine Zeit. Besorge mir einfach irgendwas.“

Verärgert brach er die Verbindung ab und vertiefte sich wieder in die Arbeit. Am Abend eilte er abgehetzt aber rechtzeitig nach Hause. Nachdem er einen Rest Pizza gegessen hatte, machte er es sich im Wohnzimmer bequem. Sein Neurointerface schaltete auf VR. Die Realität verschwand und er befand sich in einem neonfarbigen Raum, dessen Wände über und über mit in einander fließenden Vielecken bedeckt waren. Dann rief er in die Leere des Raumes:

„Tron, wie ist der Status?“

„Der Androide befindet sich in einem Taxi. Ankunft in drei Minuten.“

„Gut, schalt mich auf.“

Während die Verbindungsdaten durch die globalen Datennetze huschten, schwebte ein Nachrichtenfenster in Andrees Gesichtsfeld, auf dem ein Fortschrittsbalken langsam von links nach rechts wanderte. Als die Verbindung stand, löste sich die virtuelle Umgebung auf und wurde durch die Sensordaten des Androiden ersetzt. Ein paar Sekunden schaute er einfach nur durch die künstlichen Augen aus dem Fenster und entspannte sich. Ruhe kehrte in ihn ein. Dann wanderte sein Blick. Kurz streifte die Hand seines Androiden-Köpers durch sein Gesichtsfeld. Verwirrung drang langsam in Andrees Bewusstsein. Er riss seine Hand hoch und starrte auf rot lackierte Fingernägel. Sein Gesicht versteinerte. Mit lautloser Stimme rief er in sein Neurointerface:

„Tron! Was hast Du angestellt?“

Eine kurze Pause entstand.

„Dieser Android erfüllt demnach nicht dein Anforderungsprofil?“

„Soll das ein Witz sein?“

„Nun, meine Wahrscheinlichkeitsanalyse hatte tatsächlich ergeben, dass ein hoher Unsicherheitsfaktor vorhanden sei. Deshalb versuchte ich Rücksprache zu halten. Aus deiner Antwort schloss ich, dass Geschlechtsspezifika nicht relevant seien.“

Andree atmete tief durch. Solche Gedankengänge konnte nur eine KI entwickeln. Das Taxi erreichte sein Ziel und er stand verwirrt in einem kurzen Cocktailkleid vor einer Brasserie. Er schaute sich um und sah seinen Freund Georg an einem Bistrotischchen sitzen. Andree riss sich zusammen und setzte sich zu ihm.

„Hallo Georg, hier bin ich“, sprach er ihn bewusst emotionslos an.

Dieser stellte seine Tasse ab und starrte verblüfft. Er runzelte seine Stirn und legte den Kopf zweifelnd zur Seite.

„Andree, bist du das?“

„Keine blöden Sprüche! Tron hat Mist gebaut!“

Ein unterdrücktes Grinsen zeichnete sich in Georgs Mundwinkeln ab.

„Ich weiß gar nicht, was du hast. Du siehst wirklich gut aus.“

Doch dann wurde er ernst und schien nachzudenken.

„Aber du hast recht. Wir haben ein Problem.“

„Sag ich doch“, grummelte Andree.

Georg nickte.

„Mit einer Frau neben mir werde ich nie an Selina heran kommen.“

Natürlich, da hätte er auch gleich drauf kommen können. Georg brauchte ihn nur als Alibibegleitung.

„Verdammt nochmal, ich bin keine Frau!“

Georg schaute zu ihm und schien nachzudenken.

„Von mir aus können wir gerne sagen, wer du in Wirklichkeit bist.“

„Bist du des Wahnsinns! Ich bin doch keine Transe!“

Georg zuckte mit den Schultern.

„Gut, wie wäre es, wenn wir dich als meine Schwester ausgeben?“

„Georg, lass gut sein. Geh alleine hin und sag, ich sei krank geworden.“

Jetzt schüttelte dieser heftig den Kopf.

„Komm schon, spiele meine Schwester. Das ist unverfänglich.“

Andree zierte sich noch etwas, doch erlahmte bald sein Protest. Schlussendlich machten sie sich auf den Weg. Wie verabredet wurde er als Georgs Schwester Andrea vorgestellt. Laute Musik dröhnte durch eine etwas renovierungsbedürftige Altbauwohnung. Georg bewaffnete sich mit einem Bier und hatte schon die Gastgeberin Selina in ein Gespräch verwickelte. Andree suchte sich einen halbwegs ruhigen Platz. Er ließ sich auf ein altes Sofa plumpsen. Worauf hatte er sich da bloß eingelassen? Erneut wanderte sein Blick an seinem künstlichen Körper entlang. Erstaunt stellte er fest, dass er auffällig war. Hüfte, Taille und Oberweite wirkten ungewöhnlich weiblich. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihm aus. Mit einer bösen Vorahnung fragte er ab, wo Tron diesen Androiden gemietet hatte. Dann verstand er. Tron musste wirklich weit gesucht haben, wenn er am Ende auf eine Agentur für Sex-Spielzeug zurückgegriffen hatte. Frustriert ließ er sich zurück sinken. Sollte er nicht vielleicht doch einfach still und heimlich verschwinden? Georg würde ihn nicht mehr vermissen.

„Hallo meine Hübsche“, erklang es plötzlich von der Seite. Ein fremder Mann hatte sich zu ihm gesetzt und strahlte ihn mit bester Laune an.

„Du bist die Schwester von Georg, habe ich gehört?“

Andree drehte sich erstaunt um. Instinktiv wollte er dem Fremden irgendeine Unfreundlichkeit an den Kopf werfen, doch er hielt sich gerade noch zurück.

„Nimm es mir bitte nicht übel, aber ich bin gerade nicht in Konversationslaune.“

So leicht ließ sich der Fremde aber nicht abwimmeln.

„Ach komm, alleine auf einer Party herumzusitzen, ist doch traurig.“

„Mach dir mal keine Sorgen. Ich komm schon ganz gut zurecht.“

Ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen, strahlte der Fremde weiterhin.

„Davon bin ich überzeugt. Ich bin übrigens Henry, ein Nachbar von Selina. Darf ich deinen Namen erfahren?“

Nach einem kurzen Moment des Zögerns erwiderte er kurz und knapp „Andrea“. Dann kamen sie doch noch gut ins Gespräch. Sie unterhielten sich über dies und das. Es war unverkennbar, dass Henry versuchte mit Andrea zu flirten. Irgendwie fühlte sich Andree sogar geschmeichelt. Und als Henry fragte, ob sie tanzen wollten, bejahte er ohne viel nachzudenken. Auf wundersame Weise wurden seine rudimentären Bewegungswünsche durch die mikroelektronische Motorik seines künstlichen Körpers in geschmeidige Bewegungen verwandelten. Er fühlte sich mehr und mehr vereinnahmt und bewegte sich ungezwungen zu den Klängen. Als er spürte, wie Henry immer dichter tanzte und seine Hände um seine Hüften legte, schmiegte er sich an, ohne nachzudenken. Irgendwie fühlte er sich als Andrea und es war nichts Seltsames dabei sich in Henrys Armen zu bewegen. Als sich Henry irgendwann vor beugte und Andrea auf die vollen Lippen küsste, erwiderte Andrea den Kuss erst vorsichtig und dann immer leidenschaftlicher. Doch plötzlich zuckte ein Stromschlag durch Andrees Geist.

„Was tue ich hier?“

Adrenalin peitschte durch seinen Körper und er versteifte sich. Er riss sich los und rannte in einem Höllentempo aus der Wohnung. Draußen vor der Tür hielt er an. In der kühlen Nachtluft beruhigte er sich langsam wieder. Kurz darauf öffnete sich erneut die Haustür und Henry trat mit verwirrtem Gesicht auf die Straße.

„Was ist passiert?“, fragte dieser unsicher. Andree atmete tief durch und schüttelte den Kopf.

„Alles ist gut. Ich sollte einfach nur nach Hause gehen.“

„Was ist denn los? Du bist ja vollkommen aufgelöst.“

Andree wusste nicht was er sagen sollte. Er wusste selber gar nicht so recht, was da eben passiert war. Er riss sich zusammen und antwortete härter, als er eigentlich wollte:

„Ich bin nicht das, was du denkst. Es ist eine lange Geschichte. Um es kurz zu machen. Ich bin in Wirklichkeit ein Kerl. Und was da eben gerade passiert ist, hat am besten gar nicht stattgefunden!“

Andree wappnete sich gegen einen Sturm der Entrüstung. Doch zu seiner Verblüffung blieb dieser aus. Henry stand da und antwortete schmunzelnd:

„Ach, weißt du, ich mach mir da eigentlich nicht so viel Gedanken. Scharf siehst du so oder so aus. Und um ehrlich zu sein, überraschen tut es mich nicht sonderlich.“

Jetzt war Andree noch verwirrter und schaute fragend. Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht antwortete Henry:

„Ohne dir nahe treten zu wollen. Aber dein Android sieht schon ein bisschen ordinär aus. So eine Version nehmen Frauen nur selten zum Ausgehen. Wenn du nicht auf ein schnelles Abenteuer aus bist, solltest du das nächste Mal vielleicht eine etwas dezentere Variante wählen.“

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