Literatur-Nachrichten

Goldene Sterne auf Blau

Von Marika Bergmann

Beim Auftragen vom Blau muss er aufpassen. Das Gold und das Blau dürfen sich nicht vermischen. Wenn der Rand sich nicht abgrenzt, verbindet sich alles.

Er steht stumm vor dem großen Spiegel, dehnt den Stoff der blauen Trikothose. Er zerdrückt die grobe Farbe zwischen seinen Fingerspitzen, greift in den Tiegel auf dem Tisch, verteilt das blaue Pulver über Kopf, Hals, Schultern und Arme; und die anderen Stellen, die noch nackt sind. Er deckt alles ab. Jede kleine Falte in seiner Haut füllt sich mit dem Blau – bis auf die goldenen Sterne auf seiner Brust.

Im Wohnwagen liegt eine aufgeschlagene Zeitung neben dem Gaskocher. Die Frau hat sie mitgebracht. Er trinkt einen großen Schluck aus dem Kaffeebecher. Das Bild auf dem vergilbten Papier: Ein auf die Küste zu schwimmender Mann umgeben von Delphinen. Die Frau mit der Zeitung fragt, ob er sich erinnere ...

Sie weiß nicht, was er denkt. Sieht die Farbe in seinem Gesicht.

* * *

Die weißen Gletscher hatten unbeteiligt im rosa Abendlicht dagestanden und zugesehen. Das Blut war stoßweise aus dem langen Spalt am Fell des Tieres getreten. Ein rotes Rinnsal hatte sich auf den Kanaldeckel zu bewegt, fast so als hätte es sich unter der Erde verstecken wollen.
„Es ist meine Ziege, ich habe sie damals auf die Welt geholt, ich ganz allein.“

„Manche Dinge werden sich mischen!“, sagte der Vater zu seinem Sohn und strich ihm und seinem Bruder über das Haar.

„Mischt sich das Ziegenblut jetzt mit dem Berg?“, hatte er seinen Vater noch gefragt.

* * *

„Ihr Vater. Ich sehe, wie Sie aufschauen zu ihm. Verstehen sie mich?“ Die Frau sieht ihn eindringlich an.

* * *

. ,Kinder kommen zuerst mit dem Kopf aus dem Leib der Mutter‘ – das wusste er. Das Fruchtwasser glitt an seinen Armen entlang. Warum sollte es bei den Tieren anders sein? Sein Vater hatte ihn allein bei der Herde gelassen. ,Der Kopf muss zuerst herauskommen!‘ Er sah die Hufe. ,Das kann nicht sein!‘ Mit aller Kraft begann er das Ziegenkind zurückzuschieben. Stoß um Stoß zurück. Er blickte zum Himmel ... begann die Sterne zu zählen und wartete ... wartete bis es richtig herum zur Welt kommen würde.

Die Augen des Vaters. Augen, wie dunkle Mandeln auf einer Schicht aus Ziegenmilch, sahen bedächtig in das Kindergesicht.

„Manchmal muss man Opfer bringen, Junge“, sagte der Vater und wischte rasch über die Klinge. Sein Bruder nahm das Messer und brachte es zurück.

* * *

Er presst die Lippenbögen fest aufeinander. Die Frau steht hinter ihm, wärmt ihre Hände am Wasserkessel und sieht jetzt an ihm vorbei ... in den Spiegel. Ihr scheint, sie sind plötzlich so nah und klar – die Bilder seiner Vergangenheit ... von der keiner weiß.

* * *

Sein Bruder war anders – obwohl sie sich glichen. Ließ nicht vom Rock der Mutter. Klammerte, wie ein Krebs am Stoff.

Er hingegen war am liebsten bei seinem Vater und traute sich einen Bock oder Stier an den Hörnern zu packen. Er hatte zwar nie die Gelegenheit dazu bekommen ... einen richtigen Stier ... aber er wusste, dass er den Mut aufbringen würde – früher oder später. Sollte er nur mit den Hufen scharren. Das würde ihn nicht einschüchtern. Das würde ihn ganz und gar nicht abhalten; und wenn es das Böse – das Allerböseste wäre, das ihn angreifen wollte ...

Sein Vater brach ein Stück Brot entzwei und schob es ihm in den Mund. Es lag schwer wie ein Stein auf seiner Zunge. Heimlich spuckte er es ins Taschentuch und stopfte es in die Hosentasche zurück. Er sah traurig auf das zuckende Tier am Boden.

* * *

Er fährt mit dem Zeigefinger über den roten Innenkreis seiner Lippen, verteilt sorgfältig die Pigmente der blauen Farbe.

,Blau! Da ist jetzt nur noch Blau! Er will das Rot seiner Lippen nicht! ‘, denkt die Frau. Sein starrer Blick aus dem Spiegel erschreckt sie.

* * *

Über dem Morgenland.

Die Stuhlreihen der Flugkabine begannen sich im endlosen Licht des Gangs aufzulösen. Der Alte war ein Freund der Familie  und hatte ihm dieses T-Shirt geschenkt. Die Zahnlücke in dem dunklen Männergesicht war so nah – und ihm war fast so, als wolle der große warme Spalt ihn einsaugen. Der Atem des Mannes hatte nach Tabak gerochen, als er zu ihm sprach:
„Du bist jetzt sehr stark und unverwundbar!“

Der Junge tastete stolz an den Rändern der aufgedruckten Sterne entlang – ,Goldene Sterne auf Blau‘. Sein Bruder hatte nur ein grünes T-Shirt bekommen und Sterne waren da auch keine drauf.

* * *

Er wirkt zufrieden, streckt den Arm aus und lässt die gespreizte Handfläche auf dem Spiegelglas ruhen.

* * *

„Küsse deinen Bruder!“, forderte der Freund als sie am Morgen die Ziegen in den Wagen luden und gemeinsam Richtung Flughafen fuhren. Aber er wollte seinen Bruder nicht küssen.

* * *

Er dreht sich um, sieht in das Gesicht der Frau im Wohnwagen. Sie steht vor ihm. Streckt ihm ihre Hände entgegen. Ihre Augen sind so klar, wie das Eis der Gletscher im Himalaya.

* * *

Goldene Kuppeln und Türme eines Palastes ragten aus dem Wüstensand und ließen ihn die vielen Häuser unter seinen Füßen erahnen. Der Boden gab mit jedem Schritt nach. Ein Skorpion vergrub sich. Ein Mädchen lachte. Sie trug einen Widderschädel. Das lachende Mädchen verschwand. Der Junge rieb sich die Augen bis es weh tat und hockte sich in den heißen Sand. Eine goldene Kugel schwebte über ihm, wurde für einen kurzen Augenblick zu einer schwarzen Scheibe, bevor sie mit dem Sonnenring verschmolz. Er sah in das Licht bis es sich verfinsterte, hinter dem Schleier der Nacht. Er würde das Mädchen suchen! Der Weg durch die Wüste fiel ihm schwer. Er traf bei Tage die Schatten der Nacht und hörte im Schlaf noch ihr Lachen. Wo war sie nur?

* * *

Die schmalen Frauenhände ruhen in den seinen.

* * *

Das kleine freche Mädchen. Er konnte fast nach ihr greifen. Sie war so nah! Er hörte ihr Kichern und spürte ihre Wärme auf seiner Haut. Sie ließ nicht von ihm ab. Kitzelte ihn, bis ihm heiß wurde. Oder begann, ihn mit tausend Nadelstichen zu quälen. Sie war ihm sehr vertraut. Er glaubte, sich selbst in ihr zu sehen und ihre Gedanken zu erahnen. Das machte ihm Angst. Vielleicht funktionierte es auch anders herum? Er wollte sie abschütteln und wechselte seine Richtung. Ihm blieb ihr strahlendes Licht, bis die Augen brannten. Müde und hungrig wollte er nicht weitergehen.

* * *

„Woher? Woher kommen Sie!“, fragt die Frau. Er schluckt.
Nimmt die Kaffeekanne vom Spirituskocher und tritt einen Schritt  zurück.

* * *

Die Zeremonie und die Opfergabe auf dem Flugfeld würden den Gott des Himmels besänftigen und sie wohlbehalten ins Abendland bringen. Sie hatten sich sicher gefühlt.

Er fand sich auf einem Felsen im Eis wieder. Der Stein gab ihm Halt. Ihn umgab das Blau des Abendhimmels, wie ein nährender Fluss. Er lernte aus einem Ast einen Dreizack zu schnitzen und damit auf Fische zu zielen. Blitzschnell. Das Eis taute. Er veränderte sich. Er war umgeben von einer Woge aus gestern, heute und morgen. Er wurde über viele Arme getragen in die unendlichen Tiefen der Meere und vergaß ...

* * *

Die Frau fühlt die Bilder – seine Bilder. Sie sieht die Farbe in ihren Handflächen und lacht. Dann wischt sie sie mit einem Stück Zeitung ab, zerknüllt das Papier und lässt es über den Tisch rollen. Die Kugel beginnt sich zu drehen, entzündet sich an fliegenden Funken. Steigt brennend auf und leuchtet so hell, dass sie sich die Augen zuhalten möchte. Im Schein des Lichts sind ein Löwe, ein Stier, schwimmende Fische im Wohnwagen. Das kann nicht sein! Sie sieht ihn und auch nicht. Die schnelle Veränderung. Menschenbilder im Zeitraffer – Männer, Frauen Kinder ... und er im Wechsel. 

* * *

Am Ende der Promenade hatte die Truppe gastierender Schausteller begonnen das große Zirkuszelt aufzubauen. Sie fanden ihn bewusstlos am Ufer und nahmen ihn auf. Man kannte weder seinen Namen, noch wusste man, woher er kam.

Gleich ist sein Auftritt.

Er wird unter der blauen Kuppel stehen. Dort warten, bis das Signal aus der Manege ertönt, wird am Trapez schwingen, sich von der Stange lösen ... getragen von Licht der Scheinwerfer im Trommelwirbel.

Das Gold und das Blau werden sich mischen.

* * *

Sie haben ihm einen Namen gegeben.
Sie nennen ihn:

EUROPA.


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