Literatur-Nachrichten

Purpur

Von Martina Berscheid

Wie glatt sich die Seide anfühlt. Wie zart sie die Haut liebkost. Zentimeter für Zentimeter tasten sich die Finger abwärts, bis zu den Hüften.

Bei jeder Drehung, bei jedem Schritt in den silbernen Schuhen, knistert der Stoff des lavendelfarbenen Kleides. Wie das Flüstern von Geheimnissen.

Das Schrillen des Weckers zerreißt die Stille. Entzaubert den Moment, noch bevor er mit dem Zeigefinger mundtot gemacht wird. Spiegelbild wird Trugbild.

Langsam setzt Udo die Perücke ab. Streicht sein zerzaustes Haar zurück, das zu ergrauen beginnt über den Geheimratsecken. Der Reißverschluss sträubt sich, bevor er resigniert und sich öffnen lässt. Das Kleid gleitet hinab, Udo hebt es auf, streicht kurz über den Stoff und legt es aufs Bett. Er schlüpft aus den Schuhen, die zu eng sind für seine Männerfüße, die Zehen schmerzen. Als Letztes nimmt er die Gummiwülste, die Brüste sein sollen, aus dem Spitzen-BH, bevor er ihn auszieht. Dann wendet er den Blick ab von dem fast nackten Mann im Spiegel, den rot geschminkten Lippen, den fliederfarbenen Halbmonden über den Augen.

Wozu sich noch anschauen. Er kennt sein Bild, wie gut er es kennt, wie oft hat er sich betrachtet, ungläubig, dass dieses Gesicht, dieser Körper, ihm gehören sollen.

Schmale Lippen. Kantiges Kinn. Schultern und Arme wie ein Holzfäller. Hüften wie mit dem Lot gezogen. Muskulöse Oberschenkel. Ein richtiger Kerl. Den die Frauen lieben.

Und Udo liebt die Frauen. Die Art, wie sie sich das Haar aus der Stirn streichen. Den Schwung ihrer Hüften. Ihren grazilen Gang. Das Übereinanderschlagen schlanker Beine. Er betrachtet sie mit schmerzhafter Sehnsucht, die sich in ihn eingenistet hat, seit er zur Grundschule ging, seit er die Kleider seiner großen Schwester anprobierte und ihr Make-up auflegte; eine Sehnsucht, die wuchs mit den Jahren und ihm die Gewissheit verschaffte, im falschen Körper eingesperrt zu sein.

Udo hatte viele Freundinnen. Manchmal empfand er Zuneigung für sie. Schwesterlicher Art. Er zog schnell bei ihnen ein. Zog ihre Kleider an. Bis sie es ahnten oder gar ertappten, bis er zu eifersüchtig wurde auf ihr Frauenleben, das ihm verwehrt geblieben ist.

Udo geht ins Bad und schminkt sich ab, danach stellt er sich unter die Dusche. Reibt einen herben Männerseifenduft in die Haut. Wie er diesen Geruch hasst. Plötzlich fällt sein Blick auf seine Hände. Verdammt, die Fingernägel.

Es klingelt. Verfluchter Arne. Wieso kommt der jetzt schon?

Udo hastet aus der Dusche. Er reißt die Tür des Badezimmerschränkchens auf, die Flasche Nagellackentferner rutscht ihm aus der Hand, er kann sie gerade noch auffangen, bevor sie im Waschbecken zerschellt. Der Wattebausch zittert über seine Nägel, reibt den purpurfarbenen Lack ab.

Arne klingelt erneut. Hämmert gegen die Haustür. Udo reißt ein Handtuch vom Haken, wickelt es sich um die Hüften und sprintet zur Tür.

„Mensch, Alter, endlich“, knurrt Arne zur Begrüßung. Seine Augen sind schmal wie Zierfische und huschen genauso schnell hin und her. Auf und ab.

„Bist ja immer noch nicht fertig.“ Arne trägt eine Arbeitsjacke, an deren rechtem Ärmel ein Ölfleck prangt.

Udo schnüffelt. Heute also Leberkäse. Arne riecht immer nach seinem Mittagessen und nach Benzin.

„Hättest dir besser Zeit gelassen und mal geduscht.“

Arne lacht heiser. „Warum? Deine Duftmarke reicht für zwei. Willste eine aufreißen oder was.“

Udo blinzelt. „Gib mir eine Minute.“

Er bittet Arne nicht hinein, sondern schließt die Tür, aber höfliche Feinheiten sind Arne ohnehin fremd.

In einer Hundertstel Sekunde schlüpft Udo in Hemd, Jeans und Stiefel. Kämmt sich das feuchte Haar nach hinten. Sieht bescheuert aus.

Hinter der Haustür stampft Arne vor Ungeduld mit seinen Arbeitstretern. Wahrscheinlich verdreckt er wieder den Flur.

„Komm jetzt endlich ...“

Udo reißt die Lederjacke vom Haken, öffnet die Tür. „Mach nicht so ne Welle ...“

Arne grinst. „Braustube?“

Schon wieder. „Klar“, sagt Udo.

Im Flur drückt Arne so fest auf den Aufzugsknopf, als wollte er ihn in die Wand drücken.

„Meinst du, die Kleine von neulich ist wieder da?“

Deswegen gehen wir doch hin, denkt Udo. Er zuckt die Schultern. „Sicher.“

Die Türen des Fahrstuhls öffnen sich, Arne schiebt Udo hinein. Mit einem Ruck geht es nach unten.

Aus den Augenwinkeln mustert Udo Arne, der sich gerade im Schritt kratzt. Arne, das wandelnde Männerklischee. Das Udo zuwider ist. Und doch braucht er Arne. Als Alibi für seine Alltagswelt, mit Kneipenbesuchen und Fußball und Festplatten, die Udo repariert. Ein Leben, das so anders ist als die paar Abende in den Bars oder bei privaten Partys, wo sich Klaus Claudine und Mike Michaela nennen. Orte des Vergessens. An denen Udo Frau sein darf.

„Was hasten da gemacht ...“, reißt Arne ihn aus seinen Gedanken.

Udo folgt Arnes Blick zu seiner linken Hand. Der kleine Fingernagel schimmert. Purpur. Udos Kehle zieht sich zusammen.

„Gequetscht“, presst er hervor.

„Wie das denn? Sieht komisch aus. Zeig doch mal ...“

Arne greift nach seinen Fingern.

„Mann, lass das. Tatsch mich nicht an.“ Udo versetzt Arne einen Knuff. Er stößt seine Hand mit dem verräterischen Fingernagel in die Hosentasche. Ballt sie zur Faust. Bis es schmerzt.

Der Aufzug hält, ein Mann steigt ein. Er überragt sie beide um einige Zentimeter, unter dem weißen Hemd zeichnet sich ein athletischer Körper ab. Er trägt Ohrringe, das dunkelblonde, wellige Haar hat er im Nacken zusammengebunden.

Der Mann dreht sich um und lächelt Udo an. Als würde er ihn kennen. Udo lehnt sich an die kühle Wand des Aufzugs. Arnes Fischaugen flitzen hin und her, sein Blick schnellt am Körper des Mannes entlang.

„Hallo“, sagt der Mann, an Udo gewandt. Hat er ihm zugezwinkert? „Christian. Bin am Wochenende im Zweiten eingezogen.“

Er reicht Udo die Hand. Eine schmale, feminine Hand, eine Hand, um die Udo ihn beneidet. Er blickt in grüne Augen. Christian zwinkert ihm erneut zu. Und jetzt weiß Udo, wen er vor sich hat. Er kennt den Mann. Als Christiane. Mit kastanienbraunem Bubikopf. Und nachtblauem Kleid. Udos Hände werden feucht.

„Auf gute Nachbarschaft“, sagt Christian leise. Langsam löst er seine Hand. Udo spürt Arnes klebrigen Blick. Er schluckt sein „Meinerseits“ hinunter und verzieht nur den Mund.

Der Fahrstuhl hält im Erdgeschoss, Christian steigt zuerst aus. „Ciao, man sieht sich.“

„Tschö.“

Arne schweigt.

Udos Herz rast. Er schiebt sich an Arne vorbei, der hält ihn am Ärmel fest.

„Sag mal, woher kennst du den denn? Der sieht ja total weibisch aus.“

„Neuer Nachbar. Hast du Tomaten auf den Ohren oder was?“, raunzt er Arne an.

Der grinst. „Hätt mich auch gewundert, wenn du mit so einem was zu tun hättest.“

„Bist du bescheuert“, murmelt Udo und starrt auf seine Stiefel.

 

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