Literatur-Nachrichten

Der Prinz

Von Nadine Bonnard

Ich hätte den blöden Frosch nicht küssen sollen.

Was hatte ich mir nur dabei gedacht?

Diese dreimal verfluchte Grimm-Bagage und ihr stumpfsinniges Gerede von Fröschen, die sich als Traumprinzen entpuppten. Traumhochzeit, Traumschloss und reiten in den (traumhaften!) Sonnenuntergang inklusive.

Und ich war diesem wirren Geschreibsel auch noch auf den Leim gegangen!

Nun hatte ich den Salat. Oder anders gesagt: Nun hatte ich Hans-Rüdiger.

Als eben solcher hatte sich der Frosch vorgestellt, nachdem er sich, kaum hatten meine Lippen die glitschigen seinen berührt, in einen dickbäuchigen Mittvierziger mit strähnigem Kopfhaar und nerviger Fistelstimme verwandelt hatte.

Da hatte ich mich ja in einen schönen Schlamassel manövriert!

Ich zuckte zusammen, als Hans-Rüdigers schwielige Pranken meine Hände ergriffen.

„Du hast den Fluch gebrochen und mich erlöst.“ Er schielte mich dankbar an. Dann erzählte er mir von einer bösen Hexe, die einst einen Fluch über ihn verhängte, nachdem er sich ihr unsittlich genähert hatte. Ein Fehler zwar, das gab er zu, aber so hatte er nun immerhin mich kennengelernt. „Wir werden heiraten und fortan glücklich und zufrieden unser Leben bestreiten.“ Er grinste breit und entblößte dabei seine Zähne oder zumindest das, was Karius und Baktus nach erfolgreicher feindlicher Übernahme davon übriggelassen hatten.

Ich verspürte das dringende Bedürfnis, mich auf Hans-Rüdigers Schuhe zu erbrechen.

„Hör mal, Hans-Rüdiger.“ Behutsam aber entschlossen zog ich meine Hände aus seinem Griff. „Es war mir wirklich eine Freude, dich von diesem Fluch zu befreien. Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir beide zusammenpassen. Sicher findet sich irgendwo ein Frosch… ähm, eine Frau, die dich genauso liebt, wie du es verdienst. Und nun entschuldige mich bitte.“ Hastig wollte ich mich abwenden, doch Hans-Rüdiger hielt mich zurück. „Du kannst nicht ohne mich gehen. Du musst mich mitnehmen.“

„Mitnehmen?“ Ich war mir sicher, mich verhört zu haben.

„In dein Schloss.“

Man konnte mein mickriges 3-Zimmer-Appartment ja als vieles bezeichnen. Ein Schloss war es sicherlich nicht.

„Ich habe kein Schloss.“, sagte ich daher wahrheitsgemäß und in der leisen Hoffnung, den schmierigen Kerl auf diese Art und Weise endlich loszuwerden.

„Es tut mir leid, Hans-Rüdiger. Aber ich bin wohl nicht die Prinzessin, die du dir erhofft hast.“

„Das macht nichts.“ Hans-Rüdigers Stimme klang gönnerhaft. „Ich werde dich dennoch zu meiner Frau nehmen.“

Allmählich wurde ich sauer. Was glaubte der Kerl eigentlich, in wen er sich verwandelt hatte? Brad Pitt?

„Aber ich werde dich ganz sicher nicht zu meinem Mann nehmen. Hast du schonmal in den Spiegel geschaut? Als Frosch hattest du mehr Sexappeal.“ Mit diesen Worten wandte ich mich endgültig von ihm ab und rannte was das Zeug hielt. Bloß weg von diesem Psychofrosch!

„Warte!“, hörte ich Hans-Rüdiger hinter mir rufen. „Du hast mir deinen Namen noch nicht verraten.“

Ich beschleunigte meine Schritte, sofern das überhaupt noch möglich war, sprang über Hecken und Parkbänke, schlug Haken und warf dabei immer wieder panische Blicke über die Schulter. Scheinbar stand Hans-Rüdigers gewaltiger Bierbauch einer Verfolgung im Wege. Während meine Oberschenkel vor Schmerz brannten und meine Atmung längst das Stadium des Hyperventilierens erreicht hatte, sah ich ihn in der Ferne immer kleiner werden. Dennoch wurde ich nicht langsamer. Ich erreichte meine Wohnung ohne weitere Begegnungen mit heiratswütigen möchtegern-Froschkönigen. Mit zitternden Händen schloss ich die Tür auf, stolperte ins Innere und schleppte mich mit letzter Kraft ins Schlafzimmer. Dort brach ich schnaufend wie ein asthmatisches Nilpferd auf dem Bett zusammen. Kurze Zeit später war ich eingeschlafen. Es war kein erholsamer Schlaf. Immer wieder durchzogen grausige Bilder meine Träume. Hans-Rüdiger, dessen Gesicht sich immer weiter dem meinen näherte. Ich wollte schreien, doch alles, was sich meiner Kehle entrang, war ein panisches Quaken. „Wir werden für immer zusammen sein.“, sagte Hans-Rüdiger, der mit einem Mal ein Bild in den Händen hielt. Darauf sah ich einen Frosch. Er trug ein weißes Spitzenkleidchen und auf dem Kopf ein winziges Krönchen. „Du wirst die schönste Braut im ganzen Land sein.“ Hans-Rüdiger lachte heiser. Und da wurde mir klar, dass es kein Bild war, das er mir vorhielt. Es war ein Spiegel.

Schreiend und wild um mich schlagend erwachte ich – und schrie gleich noch lauter. Am Fußende meines Bettes stand Hans-Rüdiger in Fleisch und Blut. „Guten Morgen, Liebste. Ich hoffe, du hast gut geschlafen.“

Ich sprang aus dem Bett und rannte kopflos an Hans-Rüdiger vorbei in die Küche.   

Panisch ließ ich meinen Blick auf der Suche nach einem Verteidigungsgegenstand schweifen. Das einzig Brauchbare war die Bratpfanne, in der noch die Reste vom gestrigen Mittagessen hafteten. Ich hatte kaum den Griff gepackt, da spürte ich auch schon Hans-Rüdigers fauligen Atem im Nacken. „Was tust du da, Liebste? Willst du uns Frühstück zubereiten?“

Ich wirbelte herum und ließ die Bratpfanne mit aller Kraft auf Hans-Rüdigers Schädel niederkrachen. Hans-Rüdiger stieß einen Schmerzensschrei aus. Er taumelte zurück – und verwandelte sich in einen wunderschönen Märchenprinzen.

Ich blinzelte ungläubig.

Der Prinz schüttelte benommen den Kopf. Er fing sich jedoch rasch wieder, kam schwungvoll auf mich zugeschritten, ergriff meine Hände und strahlte mich dankbar aus tiefgrünen Augen an. „Nun hast du den Fluch endgültig gebrochen.“ Seine Stimme war warm und wohlklingend. „Mein Name ist Prinz Leonard. Die Hexe, die damals jenen schrecklichen Fluch über mich verhängte, wollte wohl auf Nummer sicher gehen und verfluchte mich gleich zweimal.“

„Zweimal.“, wiederholte ich verwirrt.

Leonard nickte. „Aber nun hat sich alles zum Guten gewendet. Du hast mich erlöst und ich werde dich zu meiner Frau nehmen.

Sein Lächeln ließ meine Knie weich werden und schon war es um mich geschehen. Leonard war durch und durch der fleischgewordene Mann meiner Träume. Etwas Besseres hätte mir einfach nicht passieren können. Ich malte mir aus, wie wir beide Hand in Hand gen Traualter schritten. Unsere Hochzeit würde die schönste und prunkvollste weit und breit sein. All meine Freunde und Bekannte würden vor Ehrfurcht erstarren und mein Kleid hätte selbst Kaiserin Sissi vor Neid erblassen lassen. Wir würden ein prächtiges Anwesen beziehen. Zahlreiche Bedienstete würden uns jeden Wunsch von den Augen ablesen. Jeden Abend würden wir auf weißen Schimmeln am Strand entlang dem Sonnenuntergang entgegen reiten. Und wir würden glücklich und zufrieden leben, bis…

…ja, bis wann eigentlich?

Vielleicht bis ich herausfand, dass Leonard mich mit dem knackigen französischen Zimmermädchen betrog. Bis er mich wegen eben jenem Zimmermädchen vor die Tür setzte, weil dieses mittlerweile schwanger war und ohnehin weniger Falten hatte als ich. Bis ich herausfand, dass der im Liebesrausch hastig unterschriebene Ehevertrag eine Klausel enthielt, die besagte, dass ich im Falle einer Scheidung ohne jeden Cent auf der Straße stehen würde.

So würde ich schließlich ein trostloses Dasein in einer winzigen Harz-4-Wohnung fristen. Ich würde dem Alkohol verfallen, sämtliche Freunde vergraulen, mich mit meiner Familie überwerfen, die Tage vor dem Fernseher verbringen und mich dem Messietum verschreiben. Irgendwann würden mir die in meinem endlosen Kummer angefressenen 184 Kilo zum Verhängnis werden. Mit einer Tüte Chips und einer Dose Pepsi in der Hand würde ich in Schnappatmung verfallen, während mein Herz seine letzten mühsamen Schläge tat und im Fernseher „Mitten im Leben“ lief.  

Monate später würde die Polizei die Wohnungstür aufbrechen, weil sich die Nachbarn über den bestialischen Gestank beschwert hatten. Unter Bergen von Müll und Essensresten würden sie schließlich meinen halb verwesten Leichnam finden. Angefressen von Maden und sonstigem Getier.

Mein Vermieter würde die Wohnung grundsanieren müssen. Da er dafür nicht die nötigen Mittel besaß, würde er sich an RTL wenden, woraufhin Tine Wittler mit ihrem Einsatz-in-4-Wänden-Team zur Hilfe eilte. Das Schicksal der „Irren Messiemieterin“ würde zur besten Sendezeit ausgestrahlt werden und Millionen von Zuschauern vor die Mattscheibe locken. Ganz Deutschland würde über die Frau den Kopf schütteln, die sich der albernen Illusion hingegeben hatte, dass Märchen wahr werden können. Und wer trug die Schuld an dem Schlamassel? Die Gebrüder Grimm und ihre blöde Sammlung an Hirngespinsten! Aber so nicht, Freunde. Nicht mit mir!

Ich umklammerte den Griff der Bratpfanne fester.

„Liebste?“, fragte Leonard unsicher. „Was ist mit dir? Geht es dir nicht gut?“ 

Meine Augen verengten sich zu zornigen Schlitzen. Kein zweites Mal würde ich diesem perfiden Brüderpaar auf den Leim gehen. Nur über meine Leiche!

„Mein  Herzblatt.“ Leonard trat einen Schritt auf mich zu. „So rede doch mit mir!“                                                                             

„Bleib mir vom Leib!“, brüllte ich ihn an.

Leonards Augen weiteten sich erschrocken. „Aber Engel. So sage mir doch – was habe ich falsch gemacht? Ich würde alles tun, dich zur glücklichsten Frau der Welt zu machen.“

„Den Teufel wirst du tun!“ Meine Stimme hatte sich zu einem hysterischen Kreischen gesteigert. „Du wirst mich nicht heiraten. Niemals!!“

 Dann holte ich entschlossen aus und schlug zu. Immer und immer wieder.


Bei meiner Vernehmung auf dem Polizeirevier plädierte ich auf Notwehr. „Warum?“, wollte die Beamtin im mitfühlenden Tonfall wissen. „Hat er Sie angegriffen?“           „Nein.“ Ich schüttelte traurig den Kopf. „Er wollte mich heiraten.“

„Kalte Füße bekommen.“ Die Beamtin nickte wissend.

Ich seufzte schwer und nickte ebenfalls. „Kalte Füße.

 

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