Literatur-Nachrichten

Die Nachbarn

Von Jenni Follmann

„Da isser wieder! Kuck mal, Erna.“ Erna schaut aus dem Fenster. Schiebt den dicken, karierten Arm ihres Mannes beiseite und stützt die Arme ebenso auf das Polster auf dem Fensterbrett.  Rückt die große Brille zurecht, um dann doch über den Brillenrand zu spähen.  Tatsächlich. „Abgemagert sieht er aus. Die haben bestimmt viel Sport gemacht da drüben. Gute Sportler waren se ja schon immer.“ Erna geht wieder  zurück in die Küche. Mit energischer Hand wird das Fenster geschlossen, der Messing-Drehverschluss fest zugedreht.“Pft, Sportler, die tun doch alle Anabolika nehmen, wie de Russen. ´N normaler Mann sieht doch so nich aus.“ Das Spitzendeckchen wird wieder ordentlich auf dem Fensterbrett platziert. Die Kakteensammlung an ihren vorgesehen Platz gerückt. Alles in bester Ordnung.  Bis auf das Polster, dass draußen liegen geblieben ist. Es wird beim nächsten Regenschauer wohl nass werden.

„Erna, se kommen grad vom Einkaufen. Haben die viel eingekauft. Ein ganzer Berg. Passt ja kaum in de Karren. Und oben auf ´n Berg Bananen. Ja, da freun se sich, endlich mal ´n paar Bananen zu essen. Hoffentlich verschlingen se die nich so hastig, dass sich einer verschluckt.“  Erna schaut auf: „Verschluckt? An was hast Du dich verschluckt?“ ein fragender Blick Richtung Fenster. „Ich doch nich, de Ossis da drüben. Jetzt sinse im Haus verschwunden. Was die drüben wohl treiben? Meinste  des sind Arbeitslose? Sehen ja  schon ein bisschen faul aus.“  Das klackernde Geräusch von Stricknadeln, bleibt zunächst die einzige Antwort. Nach einer ganzen Weile antwortet sie in die Stille hinein. „Arbeitslose, hm,hm.“

„Erna kuck mal! Die haben sich beide die Haare abrasiert. Kuck mal Erna! Meinste als nächstes zünden se ein Asylantenheim an? Das sin ja alles Rassisten da drüben. Oder bei de Stasi. Oder sogar beides.“  Erna blättert in einem Quelle-Katalog, bleibt bei den Sonderangeboten für Trockenhauben hängen. „Aber Heinz, die Stasi gibt’s doch gar nicht mehr.“

Frühjahrsputz- Erna hat die braunen, schweren Gardinen abgenommen. Die weißen Spitzenvorhänge gewaschen. Sogar das dicke Kissen vor dem Fenster weggenommen. Jetzt liegt das Polster in der Sonne zum trocken. Erna steht im Garten und schlägt den Flokati windelweich. Der meerblaue Flokati aus dem Kinderzimmer in dem schon längst keine Kinder mehr wohnen, wird noch regelmäßig gewaschen und ausgeklopft. Neugierige Augen stehen am Fenster über ihr und spähen über  Ernas Dauerwelle hinweg auf das Nachbarhaus. Ein braunkarierter Pantoffel wird gegen die Scheibe geschlagen. Erna blickt hinauf. Ein energisches Deuten zur  Haustür der Nachbarn. Plötzliche Stille. Die Nachbarn verlassen das Haus, nicken Erna freundlich zu und gehen auf die Straße hinaus. Einen Augenblick später sind sie hinter der hohen Hecke verschwunden.  Erna packt den Teppichklopfer unter den Arm, den Wäschekorb auf die Hüften und geht hinein. „ Wie die wieder aussehen, de DDRler .Wern immer bekloppter. Mit Ringe in den Ohren. Als Mann. Sowas. Demnächst trägt er noch Diamantohrringe. Und de Bluse von seiner Frau war so kurz, da kann man ja alles sehen. Der ganze Bauch hängt raus. Die kriegt's ja an die Nieren. Erna, finste  nich?“ Erna wuchtet den Wäschekorb auf den Resopalküchentisch, bügelt und faltet dann den schweren Stoff. „ Nierenentzündung ? Ja dass tut weh.“

Schneeflocken rieseln auf die Unterarme in der braunen Strickweste und schmelzen dort. „Erna ich glaub die is in annern Umständen. Erna kuck mal was für ne Kugel die vor sich her trägt! Und grad ham se ein Kinderwagen in de Tür geschoben. Na dat kann ja was werden, wenn da drüben auch noch Blagens wohnen. Bestimmt ham se welche die nur nur Flausen im Kopf ham.“

Ein argwöhnischer Blick trifft auf die Mülltonnen vor dem Nachbarhaus. „Da drüben geht’s ja zu wie bei Sodom und Gomorrha. Erna, jetzt schau dir dat mal an! Die stellen am Sonntag, de Mülltonnen raus. Sowat kann ja nur n religionsloser Ossi machen. Und jetzt fahrn se einfach weg. Wie wenn nix gewesen wär, sowas Provokatives.“ Lautes Schluchzen. Erna starrt auf den uralten braunen Fernseher. „ Die arme Lady Diana. Jetzt ist sie mausetot. Dabei hatte sie doch so ein schönes Hochzeitskleid an. Jetzt braucht Sie es auch nicht mehr.“

„Ach Gott, Erna, jetzt kommen se zurück. Rum ist mit de Ruhe. Da sinn se wieder. Mit nem neuen Auto. Hat de alte Trabbi auf m Weg wohl de Geist aufgegeben. Ham sie sich von unseren Steuergeldern n Neues gekauft. Sinn ja jetzt die blühenden Landschaften da drüben.  Da können se ja jetzt  gut leben, da drüben. Und unsereiner, weiß  ja manchmal nich ein noch aus. Und wenn ja jetzt bald de Inflation kommen tut, simmer alle bettelarm. Die dann aber auch, dann hätts für de Trabbi auch nix mehr gegeben“ Erna kippt vom Stuhl. “ Erna, ist dir nich gut? Um Himmels Willen, ich ruf de Krankenwagen.“

Lang war Erna im Krankenhaus. Jetzt sitzt sie wieder auf ihrem Platz auf dem Sofa, zwar schmaler und blasser als zuvor aber man hört die Nadeln wie gewohnt klappern.  „ Gut dass de wieder da bis. Gestern ist mir dat Polster vom Fensterbrett gefallen.“ Es klingelt. „De Tür schellt, Erna.“ Erna öffnet die Tür. Ein blonder Stöpsel von sieben Jahren steht vor der Tür. „Ist ihnen runtergefallen, tschöö“ plappert er schnell, dreht sich auf dem Absatz um und ist schon wieder die Treppe heruntergerannt. Erna schaut ihm nach bis er im Nachbarhaus verschwunden ist. „War des de Bengel von nebenan? Na wenigstens hat er‘s zurückgebracht. Weiß Gott was se damit gemacht hätten.“ Erna legt das Polster in die Wäschetrommel.

 „Erna, jetzt sinn se immer noch da, kuck doch mal!“ Erna schiebt den Rollator ihres Mannes beiseite. „Das ist bestimmt ihre Schwester, oder Oma, oder Tante. Sehen ja alle gleich aus.  Meinste des sind Mietnomaden? Bald sind se alle weg auf nimmer wiedersehen? Die sind ja jetzt überall. Gestern haben se lauter Kisten ins Auto geladen. Bestimmt sind se morgenfrüh verschwunden, wie die Kirchenmäuse.“ Dann muss de Horst kucken, wie er an sein Geld kommt.“ Erna sagt nichts. Setzt sich zurück aufs Sofa und schaltet den Fernseher ein.

Es klingelt. Erna öffnet die Tür. „Hallo Erna, schön dich mal wieder zu treffen, ich hab dir eine Flasche Apfelsaft mitgebracht von dem Baum, den du uns zur Geburt unseres Sohnes geschenkt hast, weißt du noch?“ die Tür wird geschlossen. Erna antwortet: „Sicher erinnere ich mich. Das war 1995. Das Jahr, als die Kruzifixe in den Schulen verboten wurden.“ „Stimmt.“ Sagt eine unbekannte Stimme. Und öffnet die Tür zum Schlafzimmer. „Guten Morgen, Herr Hauser. Ich bin Jutta Bachmann, Ihre Nachbarin und  Altenpflegerin. Wir werden uns jetzt jeden Morgen treffen. Ich werde ihnen aus dem Bett helfen und ihrer Frau etwas zur Hand gehen.“ Schweigen. Dann ein Nicken. Verlegen streicht er sich die übrig gebliebenen Haare, über die lichteste Stelle seines Kopfes. „Nett, se kennen zu lernen“ hustet er heißer.

Die Tür geht zu. Erna sitzt am Küchentisch und sortiert Tabletten. „Erna, hast Du gewusst, dass Frau Bachmann, Altenpflegerin is?“ Mit einem schmunzeln antwortet Erna: "Schon lange.“

 

 

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