Literatur-Nachrichten

Die Wandelung der Elfie B.

Von Bettina Forbrich

Als sie aufwachte, schlich sie ins Bad und betrat wie jeden Morgen ihre Waage. Zwei Kilo minus zeigte sie an. Elfie war überrascht. Schließlich hatte sie am Wochenede ausgiebig gekocht und sonst zeigte Walpurga, wie sie ihren Gewichtsmesser sonst nannte, montags ein deutliches Plus. Aber tatsächlich ließ sich der Knopf ihrer Jeans heute leichter schließen. nichts drückte oder engte sie ein. So beschloss Elfi, den Grund der Abnahme nicht weiter zu hinterfragen.

Mit mulmigem Gefühl verließ sie das Haus. Zwar machte ihr die Arbeit in der Moderedaktion Spaß, aber das Getuschel der Kolleginnen, wenn sie den Raum betrat, ging nicht spurlos an ihr vorüber - ebensowenig wie der Wink mit dem Zaunpfahl, wenn sie ihr jede Woche die neuesten Diätvorschläge zum Lektorat auf den Schreibtisch legten.

Elfie hielt schnell an der Bäckerei und frühstückte hastig im Auto. Das morgendliche Essen fiel üppig aus, musste es doch bis zum Abend reichen. Vor den Kolleginnen zu essen, traute sich die Redakteurin schon lange nicht mehr.

Der Arbeitstag verlief stressig. Erst spät am Abend verließ die junge Frau den Verlag, um sich zu ihrem Lieblingsitaliener zu begeben. Nichts entspannte sie mehr, als eine Portion ihrer Lieblingsnudeln mit Filetspitzen und natürlich al forno.

Als sie das Essen bezahlte, rutschte ihr der silberne Fingerring, den sie seit Jahren trug, und der ihr längst zu eng geworden war, vom Finger. Merkwürdig. Elfie fühlte sich ungewohnt leicht, und als sie die Tür des Restaurants erreichte, rutschte ihre Jeans ihr fast bis auf die Knie. Sie musste sie den ganzen Weg bis zum Auto mit der Hand am Bund festhalten.

Auf dem Sitz kam es ihr vor, als wenn der Sicherheitsgurt  viel länger geworden wäre. Aber das war doch unmöglich! Innerhalb von 12 Stunden konnte sich ihr Körper auf keinen Fall so verändert haben!

Etwas Ungutes stieg in ihr auf. Irgendetwas schien in Bewegung geraten zu sein, und das völlig ohne ihr Zutun.

Zuhause angekommen führte sie der erste Weg zu Walpurga. Quietschend zog sie die Waage unter dem Waschbecken hervor. Und tatsächlich! Die Zeiger des Geräts blieben bei 124,4 kg stehen. 6 Kilo in nur 12 Stunden! Gestern noch hätte sich Elfie über diese spontane Gewichtsabnahme gefreut, aber das, was hier geschah, war furchteinflößend. Sie knipste das Licht am Spiegel an und sah sich ihr Gesicht genauer an. Das Doppelkinn schien viel weniger geworden zu sein und insgesamt wirkte das Gesicht schmaler. Auch an den Brüsten hatte sich etwas verändert. Sie füllten das üppige D- Körbchen kaum noch aus. Und dann war da natürlich noch die rutschende Hose. Was in drei Gottes Namen passierte hier? Noch einmal beobachtete sich Elfie iim Spiegel. Ein kleiner, nach innen gewölbter Krater fiel ihr auf. Es schien, dass er etwas nach innen sog, scheinbar Fett und … oh, mein Gott! Die nach innen gesogene Masse wurde mit einem Plopp von dem Krater verschlungen! Elfie schrie. Dann verfiel sie in eine bewegungslose Starre. Überall tauchten Krater auf, sogen Fett ein und ließen es verschwinden. Nach weiteren drei Stunden sackten die Beine unter ihr zusammen. Nur mit großer Mühe fing sie ihren Sturz auf die harten Badfliesen ab. Mühsam kroch sie noch einmal zur Waage: 1,5 Kilo weniger. Es sah so aus, als wenn sie ein Pfund in jeder Stunde verlieren würde -das wären...mein Gott, das war ja nicht auszudenken! 12kg am Tag!

Zweifelsfrei hatte Elfie mehr als ein Mal über eine Reduzierung ihres Gewichts nachgedacht. Aber doch nicht so! Vielleicht, so hoffte sie inständig, wäre es ja nur eine kurzfristige Störung. Sie legte sich in ihr Bett. Doch das Dunkel sensibilisierte das Gefühl für ihren Körper. Gerade bildeten sich Krater an den Oberschenkeln. Sie hörte ihr leises Plopp in der Dunkelheit.

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Elfie hatte so gut wie gar nicht geschlafen, als sie am nächsten Morgen das Bad betrat. Walpurga  griente sie heute in einer nie gekannten Bösartigkeit an. Vielleicht wäre es besser, sie heute nicht zu betreten? Nein, Elfie musste es wissen! 119,4 kg zeigte ihre Hexenmaschine. 7 Stunden war sie im Bett gewesen, das waren genau 3,5 kg. 500 g in jeder Stunde, hallte es in ihrem Kopf. Du wirst jede Stunde ein Pfund weniger. Die Jeans vom Vortag passte nicht mehr, sie war ihr viel zu weit. Gott sei Dank hatte sie noch eingelagerte Hosen liegen für den Fall, dass sie doch abnehmen würde.

Die Kolleginnen staunten, als Elfie die Redaktion betrat.

“Wow! Wie hast Du das denn gemacht? An nur einem Tag so viel abzunehmen! Toll siehst du aus! Mach weiter so!”

Dass sie weiter machte, oder besser machen ließ, befürchtete auch die Moderedakteurin. Nachdem sie von allen Seiten gefragt wurde, was ihre Methode des Abnehmens sei, hatte sie behauptet, man müsse so viel essen wie möglich, am besten kalorien- und fetthaltig, und hatte sich als Beweis drei Stücke Sahnetorte vom Bäcker auf den Tisch gestellt. In ihren Augen blitzte es diabolisch, als sie sah, wie ihre Kolleginnen Unmengen der Lebensmittel aßen, die sie sonst wie die Pest mieden.

Nach der Arbeit besuchte sie ihre Mutter.

“Kind, was hast du abgenommen! Das ist ja toll. Wie viel willst du den jetzt noch an Gewicht verlieren? So 20 kg könnten es ja schon noch sein!”

Scheinbar interessierte es niemanden, wie es Elfi wirklich ging. Im Fokus stand wie immer ihr Gewicht. Völlig erschöpft traf sie nach zehn Stunden wieder zu Hause ein. Als sie die Treppen zu ihrer Wohnung erklomm, trat sie sich fortwährend auf den Schlag ihrer Jeanshose. Ihr schwante Fürchterliches.

Natürlich behielt Elfie recht. Walpurga zeigte 5 kg weniger an. Zwei erschöpfte Augen sahen ihr aus dem Spiegel entgegen. Gerade hatte es aus der Bauchgegend Plopp gemacht. Sie sank auf ihr Bett, löschte das Licht und spürte, wie sie sich immer weiter auflöste. Bald bin ich so leicht, dass ich fliegen kann, dachte sie.

Als die Sonne am nächsten Morgen aufging, hatte Elfie weitere 4kg abgenommen. 110,4 kg, ein Gewicht, von dem sie vor ein paar Tagen noch geträumt hatte, das aber jetzt zum Albtraum avancierte. Sie beschloss, heute gar nichts zu essen, vielleicht half ja paradoxes Intervenieren.

Irgendetwas stimmte nicht. Es war nicht nur das weniger werdende Fett, nein, auch die Arme hatten sich wohl verkürzt. Sie langten kaum noch bis zum Telefon. Auch die Beine erreichten im Sitzen den Boden nur noch mit Mühe. Elfie schrumpfte.

Nach einem langen Arbeitstag erreichte sie erschöpft ihre Wohnung. Die Waage zeigte 5,5 kg weniger, am nächsten Morgen unterschritt sie das erste Mal seit Jahren die 100 kg Marke. Eigentlich hätte sich Elfie freuen können. Eigentlich. Aber das Ploppen war jetzt einem zischenden Geräusch gewichen. Wahrscheinlich wurde es langsam schwieriger,, das Fett abzutransportieren. Im Spiegel konnte sie beobachten, wie sich kleine Rinnsale unter der Haut bildeten, die, wie von einem Bagger geschoben, im Bauchnabel versackten. Elfie rang um Fassung. Wenn das nun jemand sehen würde! Sie griff zum Telefonhörer und meldete sich krank.

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Die Rinnsale wurden immer länger. Seit drei Tagen lag Elfie regungslos auf dem Bett und beobachtete, wie sie aus allen Richtungen auftauchten und förmlich in den Bauchnabel abtransportiert wurden. Ebenso nahm sie einen großen Druck wahr, der sie von oben und unten zusammenpresste. Als sie mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft ins Bad gelangte, zeigte die Waage noch 66 kg an. Ihre Größe betrug 1,55 m, das waren 13cm weniger. Panisch rannte sie in ihr Bett zurück. Wohin würde das führen?

Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Herein trat ihr Mutter. Entsetzt sah sie ihre Tochter an. “Kind, man kann es aber auch übertreiben. Es ist ja ganz gut und schön, dass du abnehmen möchtest, aber so schnell ist das ungesund.” Als sie bemerkte, wie schwach ihre Tochter war, beschloss sie, sie besser mitzunehmen und für eine Weile in ihrem alten Kinderzimmer unterzubringen.

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Der Raum schien von Tag zu Tag größer zu werden. Heute sah er aus wie damals, als sie drei Jahre alt gewesen war. In der Tat war Elfie nur noch einen knappen Meter groß und wog gerade  mal 30kg. Sie begann, sich ernsthafte Sorgen um ihre Existenz zu machen. Wenn der Prozess nicht irgendwann stoppen würde, hätte sie sich in 60 Stunden aufgelöst. Gerade griffen die Bagger ihre Waden an. Seit vorgestern konnte sie nicht mehr aufstehen. Die Muskel in ihren Beinen reichten nicht mehr aus, das geringe Gewicht zu tragen.

“Du musst etwas essen!”, zeterte ihre Mutter alle drei Stunden. Artig aß Elfie die für sie zubereiteten Mahlzeiten, wohl wissend, dass es nichts nutzen würde. Gestern hatte ihr ihre Mutter sogar einen großen Teller mit Schokolade ans Bett gestellt. Verbotene Schokolade! Früher durfte sie die nie.

Ihr Zustand verschlechterte sich stündlich. Das Zischen war dem Gefühl von Presslufthammern gewichen, die wohl ihre Knochen sprengten und abtrugen. Elfie starrte mit weit aufgerissenen Augen die Decke an und spürte dabei atemlos, wie ihr Körper langsam das Ende des Auflösungsprozesses erreichte. Ihr Verstand aber blieb hellwach. Ihr Leben lang hatte sie sich gewünscht, schlank zu sein. Jetzt gäbe sie alles dafür, wieder sein zu dürfen wie sie gewesen war.  Doch der Zerfall schritt fort, bis Elfie am Ende das Gefühl hatte, leicht , und nur noch Gedanke zu sein.

Als ihre Mutter den Raum betrat, brach sie weinend und schreiend zusammen. Dort, wo ihre Tochter gestern noch wie eine Puppe gelegen hatte, schwirrte über dem Bett ein einsames Glühwürmchen, ein Irrlicht. Sie vernagelte die Fenster, damit es nicht wegfliegen konnte.

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