Literatur-Nachrichten

Café Perspektive

Von Jonis Hartmann

Es war ein mittlerer Tag. Das ist so ein Tag, an dem noch nichts zur Gänze entwickelt ist. Nicht mehr kalt, noch nicht ganz warm, nicht mehr hell, noch nicht ganz dunkel. Das Café Perspektive füllte sich, beziehungsweise, es wechselte sich aus. Die Tagesgäste verschwanden, ließen Kuchengabeln und Stadtmagazine zurück, die Abendgäste kamen, am Arm einen Mantel, eine Handtasche oder eine Begleitung.

Der Stimmenpegel im Raum hob sich, das Café-Personal reagierte mit musikalischen Mitteln, ein Angestellter wechselte von den Geschirr-Tellern zu den Plattentellern und legte ganz beiläufig einige Takte auf. Das Licht wurde runter gedimmt, einige Kerzen flackerten. Jetzt kamen die Elchgeweihe an den samtstreifigen Tapeten zur Geltung. Sie warfen verzweigte Schatten in den Salon, ergänzten sich mit dessen abgenutztem Holz und dem verschwiegenen Café-Personal zu einem eigentümlichen Ganzen. Es war nicht zu leugnen, dass jemand etwas damit aussagen wollte, im szenischen Arrangieren aber offensichtlich durch einige Aufnahmeprüfungen gefallen war und sich gesagt hatte, ich will aber doch.

Ein schlankes Tablett mit zwei Gläsern Wein, Rot und Weiß, bahnte sich schlingernd den Weg durch das Stuhllabyrinth zu dem Tisch nahe der Toiletten. Zwei Menschen saßen sich daran gegenüber. Der Weißwein landete vor dem krawattierten, Anzug tragenden Kerl mit groben Händen, aber fein geschnittenen Gesicht mit vollen Lippen, die sich häufig schürzten, aufeinander pressten oder schnelle Kaskaden von "Nein!" oder "Neinneinnein!" seinem Gegenüber entgegen schleuderten. Das Rotweinglas wurde, kaum dass es die Tischplatte berührt hatte, von einer bleichen Hand zu einem rotlippigen Mund gerissen. Es unterbrach schluckweise ein fortwährendes "Doch!" oder "Dochdochdoch!". Dann wurde das Rotweinglas auf die Tischplatte zurückgeknallt und ein Redeschwall prasselte auf den Weißweintrinker mit den groben Händen ein, der umso mehr zusammenzuckte, je mehr anwesende Gäste ihnen den Kopf drehten. Von der Rotwein-Seite, die ansonsten nur aus Schwarz und Weiß zu bestehen schien, die Kleidung und die lang herunterfließenden Haare auf der einen, die bleichen Züge auf der anderen Seite, schoss es heraus: "Versauter Kerl, Scheißgeburtstag, Geile Mistsau und wehe, du bestellst keinen Wein mehr für mich!" Worauf Schwarz-Weiß zu weinen anfing, Grobhand seine grobe Hand hob und auf ihr leeres Glas deutete, worauf neuer Rotwein erschien und die Szene von vorne begann.

An einem anderen Tisch indessen erschien wieder der Nackte mit dem Silberhaar und dem selbstgebastelten Taillenorchester und spielte auf unnachahmliche Weise einen Tango, wie als Antithese zur laufenden Musik. Mit den Füßen bedienter er das Schlagwerkarsenal. Mit den Händen blies er gleichzeitig ins Standfagott und die am Rücken befestigte Panflöte, die mit einer cleveren Blasumleitung an seinem Nacken funktionierte. Er tanzte um die Tische, sang ein bisschen dazu und verblüffte alle Gäste, die ihn noch nicht kannten mit sachkundigen Kommentaren zu ihrer Abendmode. Die, die ihn kannten, warfen Münzen in seinen Gürtelbeutel und befragten ihn gezielt zu einigen Einzelstücken ihres heutigen Outfits. Als der Nackte mit dem Silberhaar und dem selbstgebastelten Taillenorchester sein Glas Milch aufs Haus ausgetrunken hatte, flog plötzlich der mittlere Tisch um und drei junge Kerle standen sich zähnefletschend gegenüber. Ein Angestellter des Hauses ging dazwischen, hob beschwichtigend die Hände, was zur Folge hatte, dass er von allen drei Kerlen gleichzeitig eine Gerade gezimmert bekam, und damit war das Eis gebrochen. Es gab kein Halten unter den Gästen. Alle bis auf Schwarz-Weiß und Grobhand, die verstummt waren und sich still in die Augen sahen, sprangen von ihren Plätzen auf und stürmten entweder aus dem Café oder schlugen sich auf die Seite einer der Kontrahenten. Der Mann an den Plattentellern wechselte die Musik und legte seine Lieblingsplatte auf, einen Ska-Sampler, und schob den Volume-Regler hoch. Bis er den Platz verlassen musste, weil ihn einer der entfesselten Streiter ins Visier genommen hatte.

So wurde der Tag endgültig Nacht. Endgültig schwarz und endgültig kalt. Und der Feierabend endgültig im Eimer.

Marie, die Kellnerin, seit einem Monat im Café beschäftigt, Schulabbrecherin, Verbrecherin im Geiste und seit Stunden damit beschäftigt, hartnäckig verschmutzte Gläser zu polieren, hatte Zeit, sich etwas auszudenken. Geschichten über das Paar am hintersten Tisch, das schweigend mehrere Weinrunden geordert hatte, wie jeden zweiten Abend. Geschichten über Johnny, den Gitarristen, den sie an ihrem ersten Tag im Café hatte spielen hören, und der danach nicht wiederkam, weil er die Stadt verlassen hatte. Geschichten über Dinge, die sich hier in diesem, zur Hälfte aus Billigplastik bestehendem Raum niemals ereignen würden. Denn hierher kommt niemand, um zu feiern, hierher kommt man nur, um sich zu schämen.

In einer Stadt, die permanent Feierabend hat, die bevor der Busbahnhof schließen, einen letzten Bus in die Welt entsenden würde. Und den würde sie, Marie, gerade eben noch erwischen, mit einem winzigen Koffer und einem Stoß Papier, das sich während der langen, langen Fahrt füllen soll.

 

 

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