Literatur-Nachrichten

Zwischenwelt

Von Inga Grüneklee

Stille. Nicht total. Ich höre das Pfeifen des Windes. Spüre es aber nicht. Wie unter Glas. Ich sitze – auf einer Wolke, irgendwie – nein, das kann doch nicht sein. Wie kitschig, denke ich – auf einer Wolke sitzen... Stille.

Vor wenigen Minuten noch. Ein Knall. Ein Stoß von hinten. Ich sitze im Auto und singe

One – is the loneliest number that you’ll ever do

Der Stoß. Mein Kopf fliegt nach vorne. Panik.

Two – can be as bad as one

Mein Herz rast. Ich halte das Lenkrad fest umklammert. Die Umgebung wickelt sich um mich.

It’s the loneliest number since the number one

Ich schließe die Augen, werde eingewickelt von den Bildern. Fliege in meinem Auto, mit meinem Auto – drehe mich. Ein Spielball. Schmerzen. Mein ganzer Körper tut weh. Mein Kopf. Ich spüre meine Tränen auf der Wange, weine um mich selbst, um mein Leben.

Die Bilder verschwinden, ich löse mich auf.

Und dann sitze ich auf der Wolke. Nun gut. Dann soll es so sein. Ich schaue mich an, meine Hände, meine Beine – unversehrt, wie immer. Der Leberfleck oberhalb vom rechten Knie, der abgeblätterte Nagellack auf den Zehen. Ein schönes luftiges Kleid habe ich an – ganz weiß. Auch kitschig. Egal.

Ich sitze gerade eben noch tief genug um zu sehen, was unter mir passiert. Auf der Wiese mein Auto, völlig kaputt. Einsatzfahrzeuge, Notarzt, Polizei, Absperrungen. Noch mehr kaputte Autos. Menschen halten sich fest, andere arbeiten konzentriert, telefonieren. Verletzte werden behandelt.

Ich sehe einen abgedeckten Körper auf einer Liege, die im Krankenwagen verschwindet. Jemand hält meine Handtasche. Sie leuchtet kanarienvogelgelb in der Sonne.

Ich schließe die Augen.

**

Es war wenige Wochen her, da erreichte sie ein Anruf. Er wurde ihr im Büro durchgestellt. „Da ist ein Herr am Telefon, der Sie sprechen möchte. Den Namen habe ich nicht verstanden.“ Sie seufzte und meldete sich.

Eine kratzige verbraucht klingende Stimme antwortete. „Hallo mein Mädchen, ich bin’s.“ Der Mund blieb ihr offen stehen, das Herz schlug zum Hals heraus. „Ja, dein alter Vater, Nina. Überraschung.“ Dass sie damit nicht gerechnet hatte, war noch untertrieben. Sie hatte es ausgeschlossen. Ihn ausgeschlossen. Für sie war er tot.

Die Geschichte der unheilbaren Krankheit war so oft erzählt, dass sie real geworden war. „Was willst du von mir? Wieso rufst mich an? Hier? Woher...?“ Er lachte leise.

„Woher ich deine Nummer habe? Ich bin zwar alt, Nina, aber mit google kann ich schon was anfangen.“

Sie schluckte. Wahrscheinlich war irgendwo auf einer dieser „Such-Deine- Schulfreunde-Internetseiten“ die Verbindung zu ihrem Mädchennamen nachvollziehbar. Ihr Blick blieb am Display des Telefons hängen. Rufnummer unterdrückt.

„Was? Was soll das? Wie kommst du dazu mich anzurufen? Mach das nie wieder! Hörst du, nie wieder!“ Die Stimme überschlug sich, sie knallte den Hörer auf, atmete tief durch.

Mit einem Schlag war alles wieder da. Sie starrte auf die Wand hinter ihrem Schreibtisch.

Nachdem ihr Vater vor ungefähr zwölf Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden war, hatte er sich nach Mittelamerika abgesetzt. Um sich tot zu saufen war ihre Vermutung. Und gleichzeitig ihre Hoffnung. Die Schuldgefühle hatte sie nie bekämpfen können. Das Unfassbare war vor langer Zeit passiert. Und jetzt kam alles zurück.

**

Ich öffne meine Augen. Es ist kühl. Ich bin einem Konferenzraum. Die Spannung hier, die Konzentration, die im Raum schwingt, ist spürbar. Philipp sitzt aufrecht, angespannt, konzentriert. Das neue Projekt wird besprochen. Ich weiß wie viel es ihm bedeutet. Wir haben darüber viele Abende diskutiert. Die Tür geht auf. „Philipp, kommst du mal bitte, da ist jemand für dich. Es ist wichtig.“ Ich spüre seine Unruhe, seinen Ärger über die Störung. Schaue ihn an. Er sieht durch mich durch, springt auf. Geht so nah an mir vorbei, dass mir fast die Luft wegbleibt – mir. Die Luft wegbleibt? – Sein Geruch, der an mir vorüberzieht tröstet mich. Ach, Philipp.

Draußen im Flur stehen zwei Männer. Betretene Gesichter. Sie begleiten ihn in sein Büro. Einer der Männer gibt ihm die kanarienvogelgelbe Handtasche. Er reißt die Augen auf, hört zu, den Mund verzerrt. Fassungslos.

Später ist er allein, starrt zum Fenster hinaus. Vorsichtig streiche ich über seinen Kopf, küsse ihn sanft. Er sieht mich nicht, ich kann nur hoffen, dass er mich spürt.

Ich schließe die Augen.

**

Eine Kindheit im Mittelstand. Mutter, Vater, Kind und Kind. Aufgeräumt und schön und ein bisschen kalt, ein bisschen leer. Ihre Mutter hatte den Beruf aufgegeben und es sich zu Hause gemütlich gemacht. Sich um ihre zwei Mädchen gekümmert.

Irgendwann und eines Tages kamen Langeweile, unerfüllte Sehnsucht und gegenseitige Vorwürfe dazu. Eine kurze Affäre ihrer Mutter und zuviel Alkohol von beiden.

Dann verlor ihr Vater seinen Job – die Firma war Konkurs gegangen. Das eisige Klima am Abendbrottisch versuchten die Mädchen mit ihrem Geplapper aufzubrechen. Danach lagen sie versteinert im Bett und versuchten dem lauten Streit der Eltern zu entkommen. Der Vater fand keine Arbeit – schwierige Umstände, natürlich. Das Geld wurde knapp.

Nina erzählte eines Abends von ihrer Schulfreundin Iris. Dem großen Haus der Eltern, den vielen Autos, den Angestellten. „Lad sie doch mal ein zu uns, wenn du magst.“ Das tat Nina. Die Mädchen freundeten sich an.

**

Ich öffne meine Augen – wieder sitze ich weit oben. In der Luft. Diesmal keine Wolke (die Nummer sieben war es nicht), sondern ein Baum. Unser Baum. Eine alte Kastanie. Im Gras liegt Philipp mit den Kindern. Meinen Kinder. Sie weinen und fragen „Wo ist Mama?“ Ich höre ihre Stimmen und weine. Seht ihr mich nicht? Wie ich euch vermisse. Schweigen. Stille.

Minou, die Kleine, ist eingeschlafen. Ineinander verschlungen liegen sie dort. Philipp, Robert, Minou. Ich wage mich von meinem Baum. Robert hebt den Kopf, schaut durch mich durch. Vorsichtig streiche ich Minou die Tränen von der Wange und lege mich dazu. Und schließe meine Augen.

**

Dann verschwand Iris. Vom Erdboden verschluckt. Niemand wusste, was passiert war. Entsetzen. Die Polizei kam auch zu ihnen, Verhöre begannen, erste Spuren wurden verfolgt. Ninas Mutter weinte, der Vater war nervös – und verschwand ebenfalls.

Kurze Zeit später wurde Iris in einer Erdhöhle im benachbarten Landkreis gefunden. Sie war tot. Ihr Körper wies Spuren von Gewalt auf. Ninas Vater wurde aufgegriffen auf seiner hilflosen Flucht nach einer geplatzten Geldübergabe.

Nach der Verurteilung verließen Nina und ihre Schwester mit der Mutter die Stadt. Die Briefe aus dem Gefängnis wurden nicht beantwortet und mit der Zeit immer weniger.

Als ihr Vater aus der Haft entlassen wurde, war Nina Mitte zwanzig. Ihre Mutter war kurz zuvor gestorben - plötzlicher Herztod auf einer Parkbank. Ihre Schwester hatte sich Gott verschrieben und war nach Afrika gegangen. Nina war allein und fühlte sich allein.

Eines Tages dann stand er plötzlich vor der Tür und wollte Geld. Ein Häufchen Elend mit trotzig ausgestreckter Brust und kratziger Stimme. Nina verfluchte ihn. Sie schickte ihn sprichwörtlich zum Teufel.

Als sie ungefähr ein Jahr später Philip kennen lernte, beschloss sie, dass er niemals von ihrem Vater erfahren sollte. Als sie Kinder bekam, war ihr klar, dass sie nie von ihrem Großvater erfahren durften. Ihre Scham und ihre Angst waren zu groß.

**

Ich habe meine Augen geöffnet und sehe ihn dort sitzen, auf einer Bank am Fluss. Neben ihm steht eine Schnapsflasche. Sein Blick ist starr, die Hände nervös. Ich betrachte ihn, die verlorene Seele.

Iris war damals im Erdloch verdurstet. Es war Sommer, ihr Mund mit Klebeband verschlossen. Der kleine Körper war voller blauer Flecken, Schürfwunden.

Ich stehe nun direkt vor ihm. Wut steigt auf. Sein Blut fließt in mir und im Körper meiner Kinder.

Er hebt den Kopf und sieht mich an. Ja, er sieht mich an. „Nina, bist du da? Mein Mädchen, du bist da. Bei mir, nicht wahr?“ Ich sage nichts und nicke nur. Seine Augen werden groß, er sucht meine Hand und seufzt.

Die Schnapsflasche fällt von der Bank. Ein Knall, Glassplitter. Er merkt es nicht mehr.

**

Dunkelheit. Nur ein Nachtlicht glimmt. Ich lausche dem Atem meiner Kinder. Minou ist in Roberts Bett geschlüpft. Ich wache und lausche. Es beginnt zu dämmern.

Robert ruft meinen Namen im Schlaf, ich streichle seine Hand. Minou wacht auf, sie lächelt, hat die Ahnung eines schönen Traums, spürt noch die Wärme meiner Hand auf ihrem Rücken. Dann löse ich mich auf in einer letzten Träne, die aufs Kissen fällt, versickert.

Meine Augen sind geschlossen.

Liedtext von Aimee Mann „One“

 

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