Literatur-Nachrichten

Feuer und Flamme für die Integration

Von Birgit Jennerjahn-Hakenes

Ich habe versucht, mich im Dorf zu integrieren. Seit Wochen hole ich mir jeden Morgen beim Bäcker ein Mohnbrötchen und eine Brezel, obwohl ich mein selbstgebackenes Brot liebe. Aber damit der Bäcker im Dorf überlebt und ich integriert werde, habe ich mich zu Mohnbrötchen und Brezel hinreißen lassen. Wiedererkennungswert. Ich esse das auch. Wegschmeißen kann ich nichts.

Montags kaufe ich Benzin. Da ich überzeugter Radfahrer bin und nicht alles aufgeben möchte, der arme Tankwart aber aufgrund der überhöhten Benzinpreise zu vereinsamen droht, lasse ich das stinkende Zeug in Kanister abfüllen. Mein Keller ist voll davon.

Dienstags gehe ich zum Frisör. Die Damen amüsieren sich schon, denn ich trage eine Glatze. Nicht aus Überzeugung. Da wächst halt nichts. Aber um mitreden zu können, ist der Besuch im Salon zum Ritual geworden. Ich lasse mir die Glatze waschen und den Kopf massieren. Wenn ich gut drauf bin, darf der Lehrling meine Augenbrauen zupfen.

Mittwochvormittags setze ich mich ins Wartezimmer des Landarztes. Zum Plaudern. Ich denke, die Patienten halten mich für großzügig, weil ich alle vorlasse. Wenn der letzte an der Reihe ist, schleiche ich mich davon, hab ja nichts, suche nur das Gespräch und opfere mich als Zuhörer.

Jeden Donnerstag um kurz nach elf kaufe ich beim Metzger Wurst und Fleisch. Da ist am meisten los. Viele erkennen mich schon wieder. Sie grüßen auch. Dankbar und weil ich – wie gesagt - nichts wegschmeißen kann, esse ich Fleisch und Wurst, obwohl ich Vegetarier bin. Aus Integrationszwecken bin ich nun fleischessender Vegetarier. Eingefleischter Vegetarier nennt man das glaube ich. Bekommt mir nicht.

Jeden Freitag gehe ich in die Dorfapotheke und hole mir mein Mittelchen gegen Übelkeit. Und damit die Kassen klingen, kaufe ich obendrein Schlaftabletten und andere Beruhigungsmittel. Wenn’s dann wieder geht, besuche ich am Wochenende das Café um die Ecke. Da ist immer so wenig los. Der Kaffee schmeckt scheußlich und die Kuchen nach Zusatzstoffen und Lebensmittelfarbe. Aber irgendwer muss den Betrieb unterstützen. Ich treffe dort nur den Dorfpolizisten, der rumjammert, weil die Polizei nichts zu tun hat. Ich bin für Gleichberechtigung. Wenn schon, denn schon. Ich helfe allen. Jetzt bin ich Einbrecher im Zweitberuf.

Die Wahl des Einbruchortes war nicht einfach. Ich will ja niemandem schaden, will nur dem gelangweilten Dorfpolizisten Arbeit verschaffen. Er sehnt sich danach. Also breche ich in leere Häuser ein. Es wird genug gebaut im Dorf. Natürlich lasse ich auf den Baustellen was mitgehen: Elektrokabel, Motorsägen und andere große Geräte, es soll ja auffallen.

Alles in allem kann ich mich als altruistischen Menschen bezeichnen, der für die Integration sogar seine Seele verkauft. Goethes Faust hätte von mir lernen können, schließlich wird mir zum Dank kein Gretchen an die Seite gestellt. Nicht mal Literatur, wenn wir schon beim Thema sind. Ich kaufe sogar die Bildzeitung, um mich auf das Niveau im Dorf herablassen – sprich mitreden – zu können. Der Kioskbesitzer reicht sie mir schon über den Tresen, wenn er mich auf der anderen Straßenseite sieht. Ich zahle und schwatze ein wenig mit den Flachmanntrinkenden, Lottospielenden Dorflosern und täusche Verständnis vor. Integration ist wirklich anstrengend. Jeden Abend gehe ich zum Yogakurs. Als einziger Mann verbiege ich nicht nur meinen Körper. Inzwischen bin ich recht fit und habe die empfohlene Meditation in mein Leben eingebaut. Natürlich unter Einbeziehung der Dorfgemeinschaft. Ich meditiere im Freien, auf gut besuchten Spazierwegen, und schlage zwei Fliegen mit einer Klappe: Ich bin präsent und setze um, was die Yogalehrerin predigt. Nämlich in sich selbst ruhen, beim Meditieren nicht auf andere achten.

Apropos predigen: Ich bin konfessionslos, aber das geht in dieser katholischen Gemeinde gar nicht. Aufopfernd gehe ich jeden Sonntag zum Gottesdienst, dabei ist dieser Gott bestimmt der letzte, dem ich dienen würde. Außerdem ist die katholische Kirche ziemlich in Verruf geraten. Aber was tut man nicht alles. Integrationswillen zeigen bringt mich an meine Grenzen. Ehrlich.

Und jetzt fängt auch noch die Feuerwehr an zu lamentieren. Es gäbe nichts zu löschen. Herrje, soll ich jetzt auch noch? Da brauche ich Bedenkzeit. Mehr noch: Ich brauche Hilfe. Also frage ich meinen besten Freund. Den, der mich immer davor gewarnt hat, aufs Dorf zu ziehen. „Du mit deinem Mitgefühl, das überlebst du nicht“, sagt er immer. Er hilft mir trotzdem. Hört sich um im Dorf. Sein Vorschlag: Wenn er jemanden findet, den die Dorfgemeinschaft gerne auf dem Scheiterhaufen sehen würde, solle ich das übernehmen. Soweit müsse mein Altruismus schon reichen. Ich schmiere ihm ein Mohnbrötchen mit Leberwurst und schicke ihn auf Recherche. Schon nach vierundzwanzig Stunden ist er wieder zurück.

„Und?“

„Es gibt da jemanden.“

„Na prima“, sage ich zweifelnd, ob ich wirklich einen Menschen meiner Integration wegen anzünden kann. Ich kann doch niemandem wehtun. Aber ich bin auch jemand, der Angefangenes zu Ende bringt. Sei’s drum. Wenn er’s verdient hat.

„Wer ist es?“

 „Einen Namen kann ich nicht nennen. Die Dorfbewohner sagen, es gibt jemanden, der jeden Morgen beim Bäcker das gleiche kauft, sich Montags an der Tankstelle den Benzinkanister füllen und Dienstags beim Frisör Augenbrauen zupfen lässt. Mittwochs säße derjenige ohne ein Wehwehchen beim Doktor rum, Donnerstags würde er Unmengen Fleisch- und Wurstwaren einkaufen, Freitags in der Apotheke auffallend viele Tranquilizer verlangen und am Wochenende sogar das Cafe besuchen, das außer dem Dorfbullen alle meiden. Alle sind sich einig, dass es sich wahrscheinlich um einen Schläfer handelt, der sich in ihrem wunderschönen Dorf niedergelassen hat, um einen Terroranschlag zu planen und umzusetzen. Wozu sonst diese vielen Benzinkanister fragen sie sich. Verräterisch seien außerdem seine unglaubwürdigen Glaubensbekennungen in der katholischen Kirche, wo sie ihn doch dauernd auf offener Straße meditieren sähen. Es sei völlig klar, dass ein Mann, der sich die Augenbrauen zupfen lässt und einen Yogakurs besucht, nur ein Terrorist sein könne. Der Dorfpolizist hat ihn gesehen, wie er von Baustellen Motorsägen und Elektrokabel entwendete, schritt aber aus Angst vor einem Anschlag nicht ein. Und die Kioskbesucher sagten aus, sie tränken schon immer einen Kurzen mehr aus lauter Furcht, der Unheimliche – so nennen sie ihn – schlüge nun zu.“

Zum Teufel mit dieser Integration.

„Übernimmst du das?“ fragt mein Freund und verabschiedet sich von mir – für immer.

 

2 Kommentar/e

1. Angelika Pavlovic 08.10.2014 18:56h 
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Eine rundum gelungene Geschichte.
Kein SMS-Stil, computersprachenfreie längere, gut lesbare Sätze, durch Interpunktion, die auch aus anderen Zeichen, als dem Punkt am Satzende besteht, getrennt und trotzdem gut verständlich.
Ich bin regelrecht dankbar , soetwas lesen zu können, es hat Niveau, Kafka musste nicht um die Ecke schauen, es ist herrlich realistisch und gleichzeitig unreal mit weitreichendem Fingerzeig.
Ich hätte für den ersten Preis plädiert.

2. Birgit Jennerjahn-Hakenes 09.10.2014 09:04h www.wageundschreibe.de 
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Liebe Frau Pavlovic,

ich bedanke mich sehr herzlich für Ihr Lob, das motiviert natürlich, und mir fällt sodann meine Arbeit an meinem Roman leichter.
Inzwischen habe ich diese Geschichte auf diversen Lesungen präsentiert und dafür noch einmal gekürzt. Ja, das geht immer :-)

Beste Grüße

Birgit Jennerjahn-Hakenes
www.wageundschreibe.de

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