Literatur-Nachrichten

IFO 27

Von Utta Kaiser-Plessow

Die Nacht ist pechschwarz. Kein Mond, kein Stern lassen sich durch die dunklen Wolken erspähen. Windböen peitschen die Bäume, Regen prasselt an die Fenster und lässt die herab gelassenen Innenrollos erzittern. Unruhig flackern die Neonröhren, die den großen Laborraum des Instituts in taghelles, kaltes Licht tauchen. Das richtige Szenario für das Experiment. Es ist der krönende Abschluss eines Wissenschaftlerlebens und  absolut nobelpreiswürdig. Wenn es gelingt - aber es wird gelingen. Dr. Frank Stone konzentriert sich. Geht im Geist ein letztes Mal den Ablauf durch, Schritt für Schritt. Es kann, es darf nichts schief gehen. Aus dem Tresor holt er die Kladde mit seinen bisher streng geheimen Aufzeichnungen hervor. Darin ist die Vorgehensweise genau beschrieben. Das Ergebnis wird dann wohl sein Mitarbeiter Lukas eintragen. Obwohl dieser seine rechte Hand und engster Vertrauter ist, ahnt er nicht, wie weit die Arbeiten gediehen sind.      Dr. Stone schließt seine Eintragungen:

„Es ist Freitag der 13. April um zweiundzwanzig Uhr fünfzehn. Die Versuchsanordnung ist vorbereitet. Gleich gehe ich hinüber und werde starten. Ich bin in bester gesundheitlicher Verfassung und im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte.“

Schwungvoll setzt er seine  Unterschrift unter das Dokument.  Er legt die Kladde wieder in den Tresor und schließt die Tür. Sieben Klicks für die Kombination. Die ist außer ihm nur noch Lukas bekannt.

Zwölf Stunden dürfte der Vorgang dauern. Wenn Lukas am Montag ins Institut kommt, wird er vollendete Tatsachen vorfinden.

Im Nachbarraum wartet rücklings ausgestreckt auf einer Rollliege IFO 27, Modell der fünften Generation. Hochentwickelt, High Tech pur in voll durchgestyltem menschlichen Design. Kein Vergleich mehr mit den älteren zusammengeschraubten metallenen Typen, die sich schweren Schrittes rasselnd fortbewegten. Bei IFO 27 sind die technischen Bauteile minimiert und wurden von 3D Druckern   in ein skelettartiges Gerüst verarbeitet. Ummantelt von Glasfaser, Vinyl und Silikon und unter Anwendung modernster Erkenntnisse aus der Raumfahrt, ist ein menschlich anzusehender Körper aus glatter weicher Substanz entstanden. Arme, Beine mit Gelenken, alles dran, alles biegsam und beweglich. Es war richtig gewesen, für die Entwicklungsarbeiten einen geübten Bildhauer hinzuzuziehen. Auch das Wissenschafts- und Forschungsministerium hatte das schließlich eingesehen.

In der bläulich fahlen Neonbeleuchtung ist die Illusion fast vollkommen. Störend sind lediglich viele kurze verschiedenfarbige Stifte, die wie die Stacheln eines Igels aus den Locken von IFOs klassischem Jünglingskopf hervor lugen. Das sind die Anschlussbuxen.

Dr. Stone öffnet die Duchgangstür zum Nebenraum. Dort sieht es aus wie im Innern einer komplizierten Maschine. Spulen, Bildschirme, Lämpchen blinken, es piept in verschiedenen Tonlagen und  Abständen. Er rollt IFO 27 hinein und schiebt den Wagen in eine Plexiglasröhre, die an ein MRT Gerät erinnert.  Am Ende der Röhre befindet sich eine Platte mit Vertiefungen, die sich passgenau mit den Stiften auf IFOs Kopf verbinden. Neben der Plexiglasröhre steht ein mannsgroßer stählerner Tisch.   Dr. Stone bestreicht seinen kahl geschorenen Kopf fingerdick mit einer grünlichen Paste und streckt sich rücklings auf der Platte aus. Mit beiden Händen zieht er einen Helm zu sich heran und drückt ihn fest auf seinen Kopf. Er atmet heftig. Noch kann er zurück, kann das Experiment abbrechen. Die Spuren beseitigen, die Kladde vernichten. Niemand weiß Genaues. Auch wenn Lukas möglicherweise ahnt, woran sein Chef  an den vielen Wochenenden und in unzähligen Nächten, die er im Labor verbringt, arbeitet.

Dr. Stone erwägt noch einmal das Für und Wider. Er zweifelt. Sicher ist, dass es funktioniert, aber er weiß nicht wie. Wird es eine Kopie geben oder die totale Transformation? Egal, er ist zu sehr Wissenschaftler, um das Experiment nicht zu wagen. Er ist neugierig.  Tief holt er Luft, schließt die Augen und zählt bis zwanzig. Dann greift die Rechte nach dem roten Knopf.

Zunächst passiert gar nichts. Ein summendes Geräusch, zunächst weder laut noch leise. Dann aber wird es stärker, die Töne werden tiefer und tiefer, sein ganzer Körper kribbelt, vibriert, schwingt. Im gleichen Rhythmus kreisen Sterne vor seinen Augen, rotieren schneller und schneller. Das Brummen wird lauter, steigert sich zu unerträglichen Tiefen, er selbst, die Sonne, das Weltall, alles explodiert.

Er öffnet die Augen. Zunächst sieht er nichts. Er konzentriert sich auf die Linsen in den Augen, hält den Blick fokussiert auf seine unmittelbare Umgebung. Über ihm wölbt sich ein Plexiglasdeckel. Den drückt er beiseite. Es ist still, ganz still. Auch nicht das leiseste Summen ist zu hören. Der Vorgang ist abgeschlossen. Es hat funktioniert. Sein Intellekt ist glasklar. Er fühlt nichts. Keine Arme, keine Beine, keinen Körper, er ist ohne jedes Empfinden. Wer bin ich? Frank Stone , IFO 27 oder etwas Drittes? Wie ist dieses Etwas wohl zu steuern? Er denkt ’aufstehen, gehen, weggehen‘ und merkt, wie sich sein künstlicher Körper erhebt und mit zunächst ungelenken, dann sicheren Schritten  auf und ab geht. Mit seinen scharfgestellten Linsen sieht er jetzt jede Kleinigkeit. Eine winzige Spinne an der Decke kann er auf doppelte Handtellergröße zoomen. Er überblickt alles in einem Radius von 360 Grad. Phantastisch, da eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Dort liegt etwas bewegungslos, grau unter dem Transmitter. Ist das Stone? Wohl kaum. Eine Hülle, mehr nicht. Geschrumpfte, verknitterte Menschenreste.  Er ist jetzt Stone, mehr und besser als Stone, fast allwissend. Keine Krankheit, kein Mensch, nichts, niemand kann ihm etwas anhaben, seine Kräfte sind immens. Sein Körper ist über und über bestückt mit winzigen Solarzellen, die unendlich Energie liefern. Er ist unsterblich.

Zunächst wird er sich daran machen, eine Gruppe Gleichartiger zu erschaffen. Das dürfte nicht schwer sein. Im Keller lagern noch genug brauchbare Modelle und er weiß, wie der Transmitter zu bedienen ist. Aber erst einmal ändert er die Kombination für den Tresor.

Heute Abend ist im Nachbarort Kirmes. Einige Institutsangehörige wollen hingehen. Er wird mit Hans Hensing und Dr. Maahn beginnen.

Er faltet das Bündel, das einmal Dr. Stone war, zusammen und bringt es in den Container für Laborabfälle.

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